Rhetorikkurse für Professoren

Gute Forscher, schlechte Redner

Von Julian Trauthig
28.11.2014
, 06:00
Viele Professoren verfügen über exzellentes Fachwissen, ihre Vorträge vor Studenten sind aber oft blutleer.
Professoren mangelt es selten an Wissen, aber oft an rhetorischem Können. Für Reden, Vorlesungen und Interviews lassen sich viele nun schulen. Das öffnet ihnen die Augen und den Studenten die Ohren.
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Eigentlich dachte Barbara Dauner-Lieb, dass sie gute Vorlesungen hält. Die Professorin für Bürgerliches Recht an der Universität Köln hat gerne mit ihren Studenten zu tun, lacht viel und hat sich immer bemüht, nicht nur ein Textbuch vorzulesen. Doch nachdem Albrecht Hatzius in einer ihrer Veranstaltungen saß, merkte sie, was sie alles noch verbessern konnte, und stellte ihre Lehre um. „Die Studenten sagen mir, sie lernen jetzt mehr.“

Hatzius ist professioneller Trainer für Professoren, in den 1990er Jahren gab er auch Seminare für Unternehmen, seitdem hat er sich den Wissenschaftlern verschrieben. Neben ihm gibt es viele Trainer für Universitäten, fast jede Hochschule hat ein eigenes Didaktikzentrum oder andere spezielle Angebote für ihre Professoren und deren Mitarbeiter, wie etwa das Kompetenzzentrum für juristisches Lernen und Lehren in Köln. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Agenturen, die ein Medientraining nicht nur für Manager, sondern gezielt auch für Professoren anbieten.

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Egal, wie die Angebote heißen - meistens geht es darum, wie der Professor mit den Menschen in seinem Umfeld umgeht. Kurz, wie er kommuniziert. Die Fragen sind immer wieder die gleichen: Wie schaffe ich es, die Studenten von meinem Fachgebiet zu begeistern? Wie überzeuge ich Kollegen auf einer Tagung, dass meine Forschungsergebnisse wichtig sind? Und wie vermittle ich eigentlich Fachfremden, etwa bei einer Laudatio, was ich eigentlich sagen will?

Ein bisschen plaudern, ein bisschen scherzen

Hatzius erinnert sich noch gut an das Coaching von Dauner-Lieb. Sie sei schon vorher eine didaktisch begabte Person gewesen, das habe er sofort bemerkt. Aber die Vorlesung war zu vollgepackt, und es fehlte an Verschnaufpausen. Das Kurzzeitgedächtnis könne neue Informationen nur 20 Minuten speichern, das heißt, es muss Zäsuren während einer Vorlesung geben. Dauner-Lieb baut seitdem zwei bis drei kurze Übungen ein, kleine Aufgaben, die alle lösen müssen und die sie dann von drei willkürlichen Studenten abfragt, bevor die Vorlesung weitergeht. „Studenten sind kein Tonbandgerät, denen man etwas aufspricht“, lernte sie.

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Wenn Hatzius ein Seminar für Professoren gibt, beginnt er meistens mit einem Rollenspiel. Sie spielen die erste Vorlesung des Semesters nach - und zwar die Minuten, in denen der Professor den Raum betritt und die Studenten begrüßt. Auch wenn derjenige schon viel Erfahrung habe, sei man in einem solchen Moment doch nicht vor Lampenfieber gefeit und gehe vielleicht erst mal nach vorne, schalte den Beamer an, ordne seine Sachen und begrüße die Studenten dann mit Worten wie: „Guten Morgen, jetzt können wir ja anfangen.“

Das sei natürlich genau der falsche Weg. Wenn in den ersten zwei bis drei Minuten ein bisschen mit den Studenten gescherzt und geplaudert werde, könne man auf einer viel persönlicheren Ebene beginnen. Ähnlich lasse sich auch die erste halbe Stunde so gestalten, diese Zeit lege den Grundstein für den restlichen Verlauf des Semesters. Etwas sperrig formuliert nennt er es: Beziehungsebene trägt Sachebene.

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„Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf“

Es muss dabei weder die Qualität der Veranstaltung oder der Rede leiden, noch müssen sich, à la Sozialpädagogik, die Studenten Wollknäule zuwerfen und sich gegenseitig vorstellen. Hatzius ist sogar ein großer Verfechter eines guten Frontalunterrichts oder einer packenden Rede. „Der gute Lehrvortrag im Wechsel mit aktivierenden Methoden ist für mich auch heute noch die Basis für einen effizienten Hochschulunterricht“, sagt er. Seit vielen Jahren schult er Professoren nicht nur in Sachen Lehre, sondern gibt auch reinen Rhetorikunterricht. Meistens bringt er irgendwann ein Zitat von Martin Luther an: „Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.“

Wie bei der Vorlesung von Dauner-Lieb ist neben einem selbstbewussten Auftritt, der richtigen Artikulation und einem passenden Sprechtempo vor allem die Kunst des Weglassens entscheidend. Normalerweise solle eine gute Rede nicht länger als 15 Minuten dauern, danach sinke die Aufmerksamkeit deutlich. Mit ein paar Methoden lasse sich diese Zeit zwar verlängern, vor allem aber sollten die Professoren darauf achten, sich an die vorgegebene Zeit zu halten. „Wenn jemand überzieht, ist der Effekt auch eines sehr guten Vortrags dahin“, sagt er. Alles rausschmeißen, was man nicht braucht. Das zu lernen sei einer der wichtigsten Punkte, sowohl bei Reden also auch bei der eigenen Lehre.

Die Erfahrung hat auch Elisabeth Ramelsberger, ehemalige Journalistin und Pressechefin von Siemens, gemacht. Die Medientrainerin schult Manager und Professoren für große Reden oder Fernsehauftritte. Generell tendieren ihrer Erfahrung nach beide Gruppen dazu, unglaublich vollständig sein zu wollen. Das größte Problem dabei sei: Es sagt ihnen niemand mehr, wenn sie einmal Professor oder Chef eines Unternehmens sind.

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Reden, wie man auch mit Freunden spricht

Hatzius und Ramelsberger werden also vor allem auch dafür bezahlt, den Professoren in einem vertraulichen Rahmen endlich einmal die Wahrheit zu sagen und ihnen die Chance geben, sich ehrlich zu reflektieren. „Am schlimmsten ist es für die Teilnehmer, wenn man ihnen zeigt, wann und wie oft die Zuhörer ausgestiegen sind“, sagt Ramelsberger. Sie lässt sich die Wissenschaftler oft vor der Kamera vorstellen und spricht mit ihnen anschließend darüber. „Dann nehmen sie erst wahr, wie blutleer und starr ihre eigenen Gesichter sind und wie dröge die eigene Vorstellung oft wirkt.“

Dabei müsse der Professor kein neuer Mensch werden und seinen Charakter nicht verändern. Es sei meistens schon ausreichend, ihm die Angst zu nehmen und ihn dazu zu animieren, so zu reden, wie er auch mit Freunden spricht, und einfache Vergleiche zu wählen. Wenn es etwa um eine große Laudatio geht, die ein Professor halten darf, beginnt ihre Arbeit manchmal schon, bevor die Rede überhaupt geschrieben ist. Sie telefoniert mit dem Umfeld des Geehrten und stellt den Wissenschaftlern einen persönlichen „Redetext“, wie sie es nennt, zusammen.

Viele Reden seien Schrifttexte, mit Sätzen über viele Zeilen und vielen Kommata. „Wir machen Sprechsätze daraus, die sogar grammatikalisch falsch sein können, aber einfach echte, gesprochene Sprache sind.“ Das sei den Professoren manchmal gar nicht so einfach zu vermitteln. Viele hätten Angst, dass sie nicht intellektuell genug wirkten, wenn sie zu wenig formulieren. Dabei könne man vor allem bei längeren Reden die Zuhörer mit einfachen Bildern und persönlichen Geschichten fangen. „In meinem Kopf muss ein Film ablaufen“, sagt sie.

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„60 Prozent muss man mitnehmen“

Etwa 70 Prozent Wirtschaftswissenschaftler und 30 Prozent Naturwissenschaftler kommen zu ihr. Wenn es um Talkshowauftritte geht, baut sie sogar manchmal ein Studio nach. Drei Kameras stehen dann im Raum, das Intro läuft ab, und es werden Schritt für Schritt die Gesetzmäßigkeiten der Sendung durchgegangen. Wenn etwa bei „Hart aber fair“ am Ende die Frage kommt, mit welchem der Gesprächspartner man irgendetwas machen würde, werde das genau vorher geübt. Es gebe eine große Angst, sich unsterblich zu blamieren. „Die guten Zitate sind daher meistens vorher überlegt“, sagt sie.

Manchmal seien sogar Schauspieler dabei, die den Wissenschaftlern zeigten, wie sie sich im Raum bewegen müssten, um eine gewisse Wirkung zu erzielen. Dauner-Lieb, die gecoachte Professorin aus Köln, ist davon überzeugt, dass jeder Professor ein solches Training vertragen könnte. Viele Hochschullehrer würden in der freien Wirtschaft ansonsten nicht weit kommen. Es sei ein ganz starker Club von Individualisten, bei denen immer noch die Forschung entscheidend sei.

Hoffnung setzt sie auf den Nachwuchs. Jedem, der auf dem Weg zum Professor sei, rät sie, ein solches Seminar, vor allem für die Lehre, zu besuchen. Sie sieht darin auch eine soziale Aufgabe. Ohne Professor kämen vielleicht drei Prozent mit dem Stoff zurecht, man könne doch nicht 97 Prozent zurücklassen durch eine schlechte Lehre. „60 Prozent muss man mitnehmen, sonst hat man seinen Beruf verfehlt“, sagt sie. Nur Kinder wohlhabender Eltern könnten es sich leisten, für die Nachhilfe beim Repetitor zu bezahlen.

Quelle: F.A.Z.
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