Schülerwettbewerbe

Forschen wie an der Universität

Von Alexander Schäfer
25.11.2012
, 08:00
In Wettbewerben wie „Jugend forscht“ lernen schon Schüler, Hypothesen aufzustellen und richtig zu zitieren. Das weckt oft das Interesse für ein entsprechendes Studium.

Von Atomphysik über Geschichte und Neuroscience bis hin zur Ökonomie - Schülerwettbewerbe decken viele Themengebiete ab. In internationalen Vergleichstudien schneidet das deutsche Bildungssystem nur durchschnittlich ab; die deutsche Wettbewerbslandschaft ist hingegen internationaler Spitzenreiter. Nach Informationen der Arbeitsgemeinschaft bundesweiter Schülerwettbewerbe gibt es inzwischen mehr als 200 Wettbewerbe. Unterschieden wird zwischen Motivationswettbewerben, Aufgabenwettbewerben, Präsentations- und Einreichungswettbewerben, wie Ulf Marwege, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, erläutert. In ihr haben sich mehr als zwanzig Wettbewerbe zusammengefunden, darunter auch die beiden wohl bekanntesten: „Jugend forscht“ und der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten und der Körber-Stiftung.

So unterschiedlich die Formen und Themengebiete auch sind, eines haben Schülerwettbewerbe gemeinsam: „Sie sind Inseln der Kulturbetätigung“, sagt Rudolf Messner, Professor emeritus für Erziehungswissenschaften an der Universität Kassel. Denn die meisten seien ein Instrument der wissenschaftlichen Propädeutik. Das bedeutet, dass die Teilnehmer schon in der Oberstufe lernen, wissenschaftlich zu arbeiten. Sie lernen, Hypothesen aufzustellen, diese auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, Theorien anzuwenden und richtig zu zitieren. Damit erfüllten die Wettbewerbe eine Funktion, die der Oberstufenunterricht zumeist nicht leisten könne, sagt Messner. Außerdem seien sie oft richtungweisend für die Studienwahl.

In Einreichungs- und Präsentationswettbewerben wie „Jugend forscht“ und dem Geschichtswettbewerb stehen der wissenschaftliche Aspekt und die Methodenschulung aber deutlich mehr im Vordergrund als in Aufgabenwettbewerben wie dem Bundeswettbewerb Mathematik. Dort müssen die Teilnehmer zwar auch ihre intellektuellen Fähigkeiten beweisen, indem sie Aufgaben aus der Geometrie, Kombinatorik oder Zahlentheorie lösen, eine wissenschaftliche Ausarbeitung zu einem bestimmten mathematischen Thema ist jedoch nicht Bestandteil des Wettbewerbes.

Der größte naturwissenschaftliche Wettbewerb Europas ist „Jugend forscht“. In sieben verschiedenen Fachgebieten treten die Teilnehmer auf Regional-, Landes- und die Besten auch auf Bundesebene gegeneinander an. Zu den angebotenen Disziplinen gehören nicht nur Naturwissenschaften im engeren Sinn, sondern auch Geo- und Raumwissenschaften, Technik sowie Mathematik und Informatik. „Der Wettbewerb soll in erster Linie ein Katalysator der Interessen der jungen Forscher sein“, erklärt Daniel Giese, Sprecher der „Jugend forscht“-Stiftung.

Neun von zehn erfolgreichen Teilnehmern studieren ein verwandtes Fach

Im Jahr 1965 hatte der damalige Chefredakteur des „Stern“, Henri Nannen, den Wettbewerb unter dem Motto: „Wir suchen die Forscher von morgen“ ins Leben gerufen. Dass das gelungen ist, zeigen die Statistiken. Nach Angaben von „Jugend forscht“ studieren neun von zehn erfolgreichen ehemaligen Teilnehmern auch Naturwissenschaften oder ein verwandtes Fach.

Unter ihnen ist auch der Professor für Neurobiologe Konrad Paul Körding, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geforscht hat und heute am Rehabilitation Institute of Chicago und der Northwestern University beschäftigt ist. Als Oberstufenschüler gewann er den dritten Preis beim Bundeswettbewerb und den Sonderpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. „Bei ,Jugend forscht’ habe ich die Biologie von Bäumen simuliert, jetzt simuliere ich die Biologie von Nervenzellen“, erzählt Körding. Der Wissenschaftler ist sich sicher, dass die Teilnahme an „Jugend forscht“ der erste Schritt für seine erfolgreiche Wissenschaftslaufbahn gewesen ist. Denn durch die Teilnahme konnte er nicht nur seine wissenschaftlichen Kompetenzen verbessern, sondern auch wertvolle Kontakte zur Wissenschaft knüpfen.

An Experimenten tüfteln oder in Archiven wühlen

Doch nicht nur die Teilnehmer profitieren von „Jugend forscht“. Besonders in den Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, haben auch Universitäten ein Nachwuchsproblem. „Viele Universitäten, aber auch Forschungsinstitutionen fragen sich, wo sie junge Forschungstalente herbekommen können“, sagt Daniel Giese von „Jugend forscht“. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Universitäten wie die Uni Bonn oder die TU Clausthal Wettbewerbe ausrichten und dabei auch für ihre eigene Institution werben.

Während bei „Jugend forscht“ die jungen Talente an Experimenten tüfteln, begeben sie sich beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten auf Spurensuche. Sie müssen in Archiven, Museen, an Denkmälern oder auch auf Friedhöfen nach relevanten Quellen suchen, diese dann aus verschieden Blickwinkeln betrachten und historisch einordnen. Anders als „Jugend forscht“ wird beim Geschichtswettbewerb ein Rahmenthema wie Migration oder Umwelt vorgeben. Innerhalb des Themenkomplexes können die Teilnehmer ihr Projekt dann aber selbst wählen. Von den Teilnehmern werde verlangt, ein „selbstgewähltes historisches Thema entsprechend den Standards geisteswissenschaftlicher Disziplinen zu erforschen und darzustellen“, erklärt Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung, der für den Geschichtswettbewerb verantwortlich ist. Der Wettbewerb wolle außerdem einen Beitrag zur Demokratieerziehung leisten. Deshalb hätten die ausgeschriebenen Themen immer einen starken Gegenwartsbezug.

„Selbständig forschen und nachdenken“

Amber Düttmann hat in der letzten Runde des Geschichtswettbewerbs mit ihrer Klasse einen Förderpreis gewonnen. In ihrem Forschungsprojekt untersuchten die Schülerinnen und Schüler die Skandalisierung der amerikanischen Swingclubs in Nazideutschland. „Mir hat es besonders Spaß gemacht, dass ich beim Geschichtswettbewerb selbständig forschen und nachdenken durfte“, erzählt die 19-Jährige. Und fügt hinzu: „Besonders der Einblick in die geisteswissenschaftliche Methodik war ein Grund dafür, dass ich jetzt auch in dieser Richtung studiere.“

Die ehemalige Preisträgerin studiert an der englischen Eliteuniversität Warwick Philosophie, Politik und Ökonomie. Düttmann ist kein Einzelfall: Die Körber-Stiftung verfügt zwar über keine genauen Zahlen; man ist aber sicher, dass sich von den früheren Preisträgern viele für ein gesellschaftswissenschaftliches Studium entschieden hätten.

Rasch bewerben
  • Junge Naturwissenschaftler, die noch nicht älter als 21 Jahre alt sind, können sich noch bis zum 30. November bei „Jugend forscht“ bewerben: www.jugend-forscht.de
  • Das diesjährige Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten lautet „Vertraute Fremde, Nachbarn in der Geschichte“. Teilnehmer müssen sich nicht vorher anmelden. Bis spätestens 28. Februar 2013 können sie ihren Beitrag einreichen. Mehr unter: www.koerber-stiftung.de/bildung/geschichtswettbewerb.html
  • Allgemeine Informationen zur Schülerwettbewerbslandschaft in Deutschland finden Interessierte unter: www.bundeswettbewerbe.de
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot