Unternehmensberatungen

Buhlen um die Bachelors

Von Nadine Bös
17.11.2010
, 07:53
Zu jung, zu kurze Ausbildung - viele Unternehmen stellen ungern Bachelor-Absolventen ein. Anders die Unternehmensberatungen: Sie hätten gerne viel mehr Bachelor-Bewerbungen.
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Für Sebastian Jung ist der Name Programm. Gerade mal 23 Jahre ist er alt, trotzdem hat er schon mehr als ein Jahr Berufserfahrung als Unternehmensberater. Abitur gemacht hat er mit 19, dann drei Jahre Bachelor-Studium in BWL, während der Schulzeit und des Studiums mehrere Praktika, unter anderem bei Daimler, der Telekom und der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). „Das praktische Arbeiten hat mir während der Praktika sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sich Jung. „Daher habe ich mich dazu entschlossen, nach dem Bachelor-Abschluss direkt in die Arbeitswelt einzusteigen.“ Fast überraschte es ihn selbst, dass er dort mit damals gerade mal 22 Jahren mit offenen Armen empfangen wurde. Sein letzter Praktikumsarbeitgeber, BCG, nahm ihn im Rahmen seines speziellen Bachelor-Programms als sogenannten „Junior-Associate“ auf. Heißt im Klartext: Zwei bis drei Jahre arbeitet er nun in einem Beraterteam, danach wird er freigestellt für ein Master- oder MBA-Studium. Hinterher steigt er auf höherer Ebene wieder in die Unternehmensberatung ein.

Solche Bachelor-Absolventen-Programme sind in der Consulting-Branche gang und gäbe. Während viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen den Bachelors lange Zeit skeptisch gegenüberstanden und sich das nur langsam ändert, können die Unternehmensberatungen gar nicht genug davon bekommen. „Wir sind permanent auf der Suche nach sehr guten Bachelor-Absolventen. Dabei interessieren uns die besten zehn Prozent eines Jahrgangs“, sagt etwa Karen Brandt, die Nachwuchsverantwortliche der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Vielen Studenten scheint der Bachelor unattraktiv

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Die Suche ist durchaus nicht immer vom gewünschten Erfolg gekrönt. Nur mit ausgefeilten Lockangeboten würden sich überhaupt genügend geeignete Bewerber mit diesen Abschlüssen finden, berichtet Brandt. „Deshalb bieten wir zahlreiche Veranstaltungen für Bachelors an, zum Beispiel eine sogenannte Bachelor Academy.“ Dort können Jung-Studenten üben, wie man Präsentationen erstellt, sie erarbeiten Fallstudien oder proben Bewerbungsgespräche. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Abgänger sei jedoch quasi resistent gegen solcherlei Lockangebote, hat Brandt während zahlreicher Campus-Besuche beobachtet. „Ein gewisser Anteil der Bachelors hat sich von Anfang an vorgenommen, einen Master anzuschließen, und bleibt dann auch dabei.“ Ähnliches weiß auch der für Personalauswahl verantwortliche Partner von BCG, Christian Greiser, zu berichten: „Weniger als 30 Prozent unserer Bewerber sind Bachelors“, klagt er. Obwohl es keine feste Zielzahl gebe, sind das für Greisers Geschmack deutlich zu wenige.

Dass der Bachelor-Abschluss vielen Studenten unattraktiv erscheint, hat seine Gründe. In der neuen Studie „Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme“ analysierte Christian Scholz vom Saarbrücker Institut für Managementkompetenz (IMK) die Stellenangebote auf den Homepages jener Unternehmen, die als erste die „Bachelor Welcome“-Erklärung unterschrieben haben. Das Ergebnis: Von 743 Angeboten, die sich an Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung richten, sind 86 Prozent Praktika, 9Prozent Trainee-Positionen und nur 5 Prozent Direkteinstiege.

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Formalisierte Direkteinstiegsprogramme

Wie das Bild allein für die Unternehmensberatungen aussehen würde, lässt sich anhand der Studie nicht belegen, da die Beratungen dort nicht erfasst worden sind. Auf ihren Internetseiten weisen jedoch fast alle formalisierte Bachelor-Direkteinstiegsprogramme aus. Wissenschaftler Scholz sieht die Branche deshalb vergleichsweise gut aufgestellt: „Unternehmensberatungen trauen traditionell selbst Praktikanten ziemlich viel zu“, sagt er. „Deshalb verwundert es nicht, wenn sie offen auf Bachelor-Absolventen zugehen.“ In der Beratung werde häufig mit standardisierten Methoden gearbeitet, die auch Jung-Absolventen gut meistern können.

Antonio Schnieder, Präsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) und Geschäftsführer des deutschen Zweigs der Unternehmensberatung Capgemini, bestätigt das: „Wir wollten von Anfang an ausprobieren, welche Rolle die Bachelor-Absolventen künftig in der Beratung spielen sollen“, sagt er. Das sei letztlich der Tatsache geschuldet, dass der Wettbewerb um Talente extrem groß sei. Die Unternehmensberatungen sind bekannt für hohe Ansprüche, exzessive Arbeitszeiten und ständige Dienstreisen - das ist nicht jedermanns Sache. „Wir versuchen deshalb die klügsten Köpfe so früh wie möglich an die Consultingfirmen zu binden“, sagt Schnieder.

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Formbar für die Unternehmen

Als Vorteil sehen die Beratungen, dass die jungen Bachelors noch in ihrem Sinne formbar für das Unternehmen sind. „Die meisten Bachelors, die bei uns anfangen, nehmen nach einigen Jahren eine Auszeit, um ihr akademisches Profil mit einem Master oder MBA abzurunden“, sagt etwa Karen Brandt von Oliver Wyman. „Durch die vorherige Berufserfahrung ist das Masterstudium viel zielgerichteter - man weiß präziser, was man noch lernen will. Zudem kann man sich stärker auf einzelne Branchen- oder Themenfelder spezialisieren. Wenn man beispielsweise Projekterfahrung in der Automobilindustrie gesammelt hat, kann es Sinn machen, seine Masterarbeit über ein Auto-Thema zu schreiben.“ Das findet auch Christian Greiser von BCG. „Wer schon zwei oder drei Jahre Berufserfahrung hat, stellt an der Universität ganz andere Fragen.“

Der Bachelor-Absolvent Sebastian Jung kann all das bestätigen. Während seiner Zeit bei BCG war er schon in mehreren Projekten aus dem Bereich Konsumgüter eingesetzt. „Diese Branche könnte auch einen Schwerpunkt bilden, wenn ich mich im Studium spezialisieren möchte.“ Außerdem hat er im vergangenen Jahr festgestellt, dass ihn die Medienbranche und die Auseinandersetzung mit internationalen Wirtschaftsfragen interessieren. „Die Berufserfahrung, die ich nach dem Bachelor-Abschluss gesammelt habe, ermöglicht es mir, solche Schwerpunkte herauszufinden.“ Angst davor, im vergleichsweise kurzen Bachelor-Studiengang zu viele Inhalte verpasst zu haben, hat er nicht. „Das Bachelor-Programm meines Unternehmens garantiert mir, dass ich nach einer gewissen Zeit aussetzen und den Master oder einen MBA machen darf.“

Zwei Jahre ins Berufsleben - dann wieder zurück an die Uni

„Leave“ nennen die Unternehmensberater diese Zeit der Weiterbildungsunterbrechung, die für die Branche nicht erst seit der Bologna-Reform bekannt ist. Als internationale Firma habe etwa Oliver Wyman schon seit Jahren Bachelor-Programme in anderen Ländern, sagt Personalfachfrau Karen Brandt. „Da konnten wir uns natürlich für Deutschland einiges abgucken.“ Während des „Leaves“ bieten die Unternehmen Unterstützung für ihre Zöglinge. „Die meisten übernehmen die Studiengebühren, die gerade im Falle des MBA-Studiums ziemlich in die Höhe schießen können“, berichtet Verbandspräsident Schnieder. „Viele Beratungen geben auch Zuschüsse zu den Lebenshaltungskosten.“

Rechnet sich das überhaupt? Die mühsam angeworbenen Absolventen nach zwei Jahren wieder abzugeben und dafür noch viel Geld zu bezahlen? „Definitiv“, sagt Schnieder. Zum einen bekämen die Bachelors in den ersten Jahren rund 10 Prozent weniger Gehalt als die Master- oder Diplom-Absolventen. Zum anderen verpflichteten die meisten Unternehmen ihre freigestellten Jung-Berater nach dem Studium, für eine gewisse Zeit nicht zur Konkurrenz zu gehen. „Das ist ein klarer Vorteil im Talentwettbewerb“, sagt Schnieder. „Und der wird immer härter, wenn die deutsche Gesellschaft weiter altert und immer weniger Kinder geboren werden.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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