Wettbewerbe

Jugend startet

Von Sebastian Balzter
29.12.2009
, 07:00
„Zur Belohnung wurden wir in ein tolles Hotel eingeladen. Vielleicht bin ich deshalb im Hotelfach gelandet”, sagt Nadja Gerisch, Gewinnerin des Planspiels Börse aus dem Jahr 1999
Schülerwettbewerbe sollen junge Talente entdecken und fördern. Aber bringen sie auch etwas für das Studium und den Berufseinstieg? Fünf ehemalige Sieger berichten.

Nokia war Nadja Gerischs Glücksbringer. Nicht weil sie selbst damals, vor zehn Jahren, ein Mobiltelefon aus Finnland gehabt hätte. Aber ihre fünf Klassenkameradinnen und die damals 15 Jahre alte Schülerin der Maria-Ward-Schule in Aschaffenburg steckten fast das gesamte virtuelle Kapital, das ihnen im „Planspiel Börse“ zur Verfügung stand, in Aktien des Handyherstellers. Deren Kurs stieg und stieg: Im Sommer 1999 war die Aktie fünfmal so viel wert wie anderthalb Jahre zuvor. Klar, dass Gerisch und ihr Team mit dem Namen „Moneymaker“ im Wettbewerb der Nachwuchsbörsianer - nach Auskunft des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands mit mehr als 45.000 Teilnehmergruppen Europas größtes Börsenlernspiel - die Nase vorn hatten. Zur Belohnung wurden sie für fünf Tage in ein nobles Hotel nach Brüssel eingeladen, um die EU besser kennenzulernen. „Das war eine tolle Zeit“, berichtet Gerisch. „Wir wurden behandelt, als hätten wir was Besonderes geleistet.“

Um besondere Leistungen geht es in vielen Wettbewerben für Schüler und Jugendliche. Am bekanntesten ist „Jugend forscht“ unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, nach eigener Darstellung eine „Talentschmiede mit Modellcharakter“. Rechenbegeisterte brillieren im Bundeswettbewerb Mathematik, Redekünstler lieben „Jugend debattiert“ und den Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Journalistische Talente fördern die Projekte „Jugend schreibt“ und „Jugend und Wirtschaft“, hinter denen die F.A.Z. und der Bundesverband deutscher Banken stehen. Zählt man alle anderen einschlägigen Wettbewerbe dazu, werden auf Schul-, Stadt-, Landes- und Bundesebene Jahr für Jahr Scharen von jungen Siegern gekürt. Aber gewinnen sie damit auch einen Startvorteil für die Karriere, die Pole-Position für das Leben?

„Arbeitgeber achten darauf“

Kristine Heilmann ist sich da ziemlich sicher. „Aus psychologischer Sicht ist solch ein Sieg auf jeden Fall ein verlässliches Signal für Leistungsbereitschaft, Elan und Motivation“, sagt die Geschäftsführerin der auf Personalthemen spezialisierten Unternehmensberatung ITB Consulting. „Arbeitgeber achten darauf, wenn sie Berufseinsteiger einstellen.“ Eine Kopie der Siegerurkunde gehöre deshalb auf jeden Fall in die Bewerbungsunterlagen, rät sie.

„Wer das Finale vor dem Bundespräsidenten übersteht, bleibt später auch vor Auswahlgesprächen ruhig”, sagt Dominic Divivier, der 1999 den Wettbewerb „Jugend debattiert” gewonnen hat
„Wer das Finale vor dem Bundespräsidenten übersteht, bleibt später auch vor Auswahlgesprächen ruhig”, sagt Dominic Divivier, der 1999 den Wettbewerb „Jugend debattiert” gewonnen hat Bild:

Sein Stipendium für eine Promotion über Symmetrische Räume an der TU Darmstadt hätte Michael Klotz wahrscheinlich auch ohne den Hinweis auf den Bundeswettbewerb Mathematik bekommen. Aber vielleicht hätte er sich ohne den Sieg, den er vor zehn Jahren gemeinsam mit Mathias, seinem eineiigen Zwillingsbruder, errungen hat, überhaupt nicht erst darum beworben. „Dass wir gut in Mathe waren, wussten wir schon vorher. Aber der Wettbewerb half, diese Begabung richtig einzuschätzen“, beteuern die Brüder aus Bad Homburg unisono.

Bis zum Abitur im Jahr 2001 nahmen sie fünfmal an dem Wettbewerb teil - und landeten fünfmal auf Platz eins. Die Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes war die logische Folge. Beide studierten Mathematik, beide haben nun das Diplom in der Tasche. „Nach dem Grundstudium war ich ziemlich frustriert“, berichtet Mathias Klotz. „Da hat die Erinnerung an die Wettbewerbe geholfen - ich wusste, was ich kann.“ Dank der Treffen mit anderen Preisträgern und Finalisten fehlte es den inzwischen 28 Jahre alten Zwillingen auch nicht an Kontakt zu Gleichaltrigen mit ähnlichen Interessen - ein Manko, unter dem viele Begabte leiden.

Debattieren über das Für und Wider der Gentechnik

Den Netzwerkeffekt hebt auch Dominic Divivier hervor, der erste Gewinner des seit 2003 bestehenden Wettbewerbs „Jugend debattiert“ der Hertie-Stiftung. Im Finale im Berliner Schloss Bellevue, mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau im Publikum, ging es um das Für und Wider der Gentechnik; in den Runden zuvor unter anderem um die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Damals sei er nervös gewesen, gibt der Vierundzwanzigjährige zu - und habe sich dennoch durchgesetzt. „Diese Erfahrung hat später auch im Auswahlgespräch der Studienstiftung geholfen.“ Heute studiert Divivier in Freiburg Jura - ein Fach, in dem gute Argumente zählen.

Seinen Abschluss schon gemacht hat Daniel Gurdan, vor zehn Jahren Bundessieger im Wettbewerb „Jugend forscht“. Er verdient sein Geld inzwischen als Selbständiger mit seinen eigenen Erfindungen - und wertet den Sieg im Jahr 1999 immer noch als entscheidenden Impuls. „Das war eine geniale Kontaktplattform - und eine gigantische Möglichkeit, um zu zeigen, was ich im Keller gebastelt hatte.“ In seinem Fall eine Fingerprothese aus Kunststoff, Draht und Schaumgummi, die sich mit einer elektronischen Steuerung und einem Motor sogar zum Jonglieren einsetzen lässt. 16 Jahre alt war der gebürtige Oberpfälzer damals. Zum Elektrotechnikstudium zog er nach München, die Diplomarbeit schrieb er am renommierten Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge - sogar dort sei „Jugend forscht“ eine ausgezeichnete Referenz gewesen, berichtet Gurdan.

Sein Unternehmen namens Universal Flying Objects entwickelt Flugroboter, die mit Kameras und Lasersensoren ausgestattet sind und für wissenschaftliche genauso wie für wirtschaftliche Zwecke eingesetzt werden. Gegründet hat Gurdan die Firma zusammen mit Kommilitonen und einem anderen Tüftler, den er bei „Jugend forscht“ kennengelernt hat - genauso wie seine Freundin übrigens.

„Es gibt Glücksfälle, in denen Forscher- und Unternehmertalent zusammenspielen“, sagt Kristine Heilmann dazu. Sie hat in ihrer Studie über die Preisträger des Bundeswettbewerbs Mathematik neben viel Erfreulichem ein typisches Problem der Gewinner herausgefunden: „Sie haben oft einen besonders hohen Anspruch an ihr Leben, sind mit Karrieren tendenziell unzufrieden, mit denen andere glücklich wären.“

Unternehmer statt Wissenschaftler, Hotelfachfrau statt Börsenmaklerin

Um Daniel Gurdan, den Erfinder mit Managerqualitäten, muss sich in dieser Hinsicht niemand sorgen - sein Unternehmen beschäftigt inzwischen zehn Mitarbeiter, die Flugroboter sind auf der ganzen Welt gefragt. „Von der Wirtschaftskrise haben wir nichts mitbekommen“, sagt er selbst. Dominic Divivier hat Praktika in Kanzleien und im Wirtschaftsministerium, beim Fernsehen und in einer Versicherung hinter sich - und will sich vorerst alle Optionen offenhalten, im März ist er zum Staatsexamen angemeldet.

Eine Option ausgeschlossen hat dagegen schon Mathias Klotz: Eine Hochschulkarriere als Mathematiker kommt für ihn nicht mehr in Frage, er sucht jetzt eine Stelle in einem Unternehmen. Auch sein Bruder Michael, der Doktorand, hat offenbar eine gesunde Distanz zu seinem Talent gefunden. „Früher schlug mein Herz für die Mathematik“, sagt er. „Jetzt ist das nur noch Broterwerb.“ Und Nadja Gerisch, die beste Nachwuchsbörsenmaklerin des Jahrgangs 1999? Sie ist Hotelfachfrau geworden, arbeitet auf Teneriffa - und ist damit nach eigenen Worten sehr glücklich. „Ein paar Aktien habe ich auch noch. Aber keine von Nokia.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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