Kolumne „Uni live“

Clubweh

Von Pauline Evers
21.05.2021
, 09:39
Abgesperrt und keiner da: Dabei sind Clubs für junge Menschen richtig wichtig.
Im Lockdown ist der Laptop unser soziales Zentrum geworden – vom Familiengeburtstag bis hin zum virtuellen Tanz-Treffen im Wohnzimmer. Was wir vermissen, wenn wir zum Feiern nicht rausgehen können.
ANZEIGE

Klebrig sind die Fotoabzüge von Zuhause, die Beschichtung kaputt. Sie müssen beim Umzug nass geworden sein. Bedächtig ziehe ich sie auseinander, streiche über Gesichter und das Heimweh kickt. Einzelne Familienporträts, aber meine Aufmerksamkeit wird von anderen Bildern auf sich gezogen: Spätis, Neonlicht, DJ-Sets. Erinnerungen an eine Jugend ohne Pandemie. Was bis Mitte März 2020 noch unhinterfragt zu unserem Leben gehörte, gibt es jetzt nicht mehr: Mehr als 1000 Clubs mussten in Deutschland schließen, kamen in finanzielle Nöte und viele meldeten Insolvenz an.

ANZEIGE

Im Lockdown ist der Laptop unser soziales Zentrum: Nicht nur für Familiengeburtstage und Univeranstaltungen, sondern auch zum Tanzen vertrauen wir mittlerweile auf Videochats. Alles was du brauchst ist eine gute Soundbox und deine Lieblings-DJane legt ganz privat in deinem Wohnzimmer auf. Tausende Veranstaltungen, Club-Festivals und Partys hat es so im letzten Jahr gegeben und wir haben immer wieder die Bässe aufgedreht und sind in unserer Wohnung umhergesprungen. Ein kleiner Spaß, der nicht selten mit Besenstiel-Klopfen von den Nachbarn von unten oder einem Beschwerdebrief im Postkasten endet.

Aber trotzdem: Tanzen tut gut, ein Schauer Glückshormone wird dabei ausgeschüttet und wir sind jung und allein und brauchen es. Mit unseren Erinnerungen an durchtanzte Nächte inmitten schwitzender Körper können diese Events aber nicht mithalten. Clubs bedeuten nämlich mehr als dumpfes Spaß haben: Gerade angesichts der enormen Ausmaße an psychischen Krankheiten bei jungen Menschen in der Pandemie, muss das gesagt werden.

Im historischen Vergleich sind wir heute auf gewisse Weise ziemlich allein, das habe ich zumindest aus den ersten zwei Monaten Soziologiestudium mitgenommen. Weder die Familie noch unsere städtischen Nachbarschaften bestimmen unser Leben und gerade als Studierende ziehen wir umher und leben unser Leben: frei, selbstbestimmt, aber irgendwo eben auch allein. Doch egal, wo ich bin, wenn ich feiern gehe, treffe ich Menschen, die sich so kleiden wie ich, die zu der gleichen Musik ungefähr so tanzen wie ich und ich fühle mich intuitiv als Teil davon. Die Masse fremder Menschen wird zu einem „wir“ – wenn auch nicht zwingend für alle und nur für eine Nacht.

Einst der Inbegriff durchtanzter Nächte: „Berghain“ in Berlin
Einst der Inbegriff durchtanzter Nächte: „Berghain“ in Berlin Bild: dpa

Ein Phänomen, für das Michaela Pfadenhauer, Professorin für Soziologie an meinem Institut in Wien, den Begriff „situative Vergemeinschaftung“ geprägt hat, nachdem sie in den Neunzigerjahren die neu aufkommende Technoszene untersucht hatte. Es müssen in einer durchtanzten Nacht keine Freundschaften fürs Leben entstehen. Im Gegenteil: das Gefühl „ein Teil dieser Welt zu sein“, wie Pfadenhauer es ausdrückt, speist sich gerade aus dem Netz loser Kontakte, die sich durch die Gesellschaft oder auch nur Szene ziehen.

ANZEIGE

Ohne die Last der Erwartungen enger Bindungen, ohne alltäglichen Leistungsdruck und Zukunftsängste erleben wir menschlichen Kontakt als etwas Aufregendes und Freies. Wenn ich von Jüngeren höre, die ihre Teenage-Jahre mit Lockdown-Depression in der elterlichen Wohnung erleben, wünsche ich ihnen so sehr die Möglichkeit, herauszugehen und herauszufinden, wer sie in anderen Gemeinschaften sein können und dürfen.

ANZEIGE

Als Markus Söder anlässlich der Verlängerung von Clubschließungen im Juni 2020 sagte, man solle stattdessen zu Hause mit seiner Partnerin tanzen, hatte er nicht ganz verstanden, worum es uns beim Feiern in Clubs geht. Clubkultur ist zu einem Inbegriff für eine Gegenwelt geworden, in der wir uns selbst ausprobieren und inszenieren können, ohne dass wir die Konsequenzen und Reaktionen in den Alltag mitnehmen. Ich kann bei einem langen und intensiven Blickkontakt mit einer weiblich gelesenen Person meine Sexualität neu erleben, ohne ein offizielles Statement dazu machen zu müssen. Ich darf loslassen und mich dorthin treiben lassen, wohin mich der Abend noch bringt. Und auch darin liegt laut Pfadenhauer gesellschaftliche Relevanz: „In solchen Situationen müssen wir Chancen ergreifen, spontan und schlagfertig sein.“

Wir lernen damit umzugehen, die Kontrolle ein wenig abzugeben und auf uns selbst zu vertrauen. Aus diesem Freiheitsgefühl speist sich auch unser Tatendrang, „ob wir nun einen Urlaub planen oder mit Freunden die Idee spinnen, einen Laden aufzumachen“, so Pfadenhauer. Ein befreundeter Kunststudent erzählt mir, dass er sich immer mehr auf das Sofa neben seiner Staffelei zurückzieht, so gering sei mittlerweile seine Inspiration für neue Bilder und eine Freundin sagt, ihre Lust darauf, überhaupt noch rauszugehen, sinke langsam gegen null. Das ist nicht gerade das, was ich assoziiere, wenn ich Menschen in der Retrospektive über ihren jugendlichen Leichtsinn reden höre. Der Antrieb für all das Wilde, das unsere Eltern und Freunde in ihren Zwanzigern geschaffen haben, kam nicht aus ihrem Alter per se. Er entstand nur, wenn sie zusammen kamen und sich gegenseitig inspirieren konnten.

Aber der Wunsch nach Gemeinsamkeit, gerade in Form anonymer Szeneveranstaltungen in engen Clubs, ist heute quasi der Wunsch, Superspreaderin zu werden. Unverantwortlich. Jedenfalls kommt es einem so vor, wenn man die Debatte ums Feiern in Coronazeiten verfolgt, die – seien wir ehrlich – nicht von jenen geführt wird, die das Feierngehen groß vermissen. Dabei gibt es Pandemie-konforme Partys. Gerade in Wien habe ich erlebt, wie Freundinnen verantwortliche Open Airs auf die Beine stellen. Was ist dagegen einzuwenden, wenn wir mit Masken, Abstand und einem negativen PCR-Test in der Tasche auf öffentlichen Plätzen oder in der Natur tanzen? Wenn wir die Sicherheitsmaßnahmen auf eine Art in unseren Alltag integrieren, dass sie uns nicht mehr ausbremsen, sondern einfach ein anderes Leben ermöglichen?

ANZEIGE

Lockerungen und weltweite Impfungen werden die Situation hoffentlich verbessern, aber uns nicht zurück in ein Leben wie im Jahr 2019 bringen. Nach Corona versprechen die Klimakrise und die ökologischen Krisen weitere Pandemien in der Zukunft. Also müssen wir lernen, mit einem Infektionsschutz zu leben und eben auch zu feiern.

Pauline Evers (19 Jahre alt) ist Studienanfängerin der Soziologie an der Universität Wien. Sie arbeitet nebenbei an Filmsets, im Falafelimbiss und immer mal wieder für die F.A.Z. In Wien freut sie sich am meisten auf Seminare in Präsenz und den Fernbus nach Sarajevo.

Pauline Evers (19 Jahre alt) ist Studienanfängerin der Soziologie an der Universität Wien. Sie arbeitet nebenbei an Filmsets, im Falafelimbiss und immer mal wieder für die F.A.Z. In Wien freut sie sich am meisten auf Seminare in Präsenz und den Fernbus nach Sarajevo.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
ANZEIGE