Corona-Krise im Medizinstudium

„Die Studierenden brauchen endlich Planungssicherheit“

Von Uwe Ebbinghaus
01.04.2020
, 19:09
Medizinstudenten sind von der Corona-Krise auf besondere Weise betroffen.
Noch immer bangen Hunderte Medizinstudenten, ob sie in zwei Wochen ihr zweites Staatsexamen ablegen können. Auch eine neue Verordnung von Jens Spahn hat keine Einheitlichkeit geschaffen. Interview mit einem Studentenvertreter.
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Herr Gavrysh, gestern ist die „Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ von Jens Spahn unterzeichnet worden. Die Bundesvertretung für Medizinstudierende in Deutschland (bvmd) kritisiert diese Verordnung, die Einfluss auf den Zeitplan der Staatsexamina nimmt, scharf. Was sind Ihre Hauptkritikpunkte?

Martin Jonathan Gavrysh: Zunächst erkennen wir an, dass bei dieser Verordnung die Stimme der Medizinstudenten zumindest gehört und einige Vorschläge berücksichtigt wurden. Leider wurde auf unsere Hauptkritik nicht eingegangen. Man muss sich grundsätzlich vergegenwärtigen: Nachdem Medizinstudierende fünf Jahre lang ihre Ausbildung absolviert haben, schreiben sie das zweite Staatsexamen (M2), eine Prüfung mit 320 Fragen, aufgeteilt auf drei Tage, an denen man jeweils vier Stunden Zeit hat. Dafür bereiten sich die Studierenden in der Regel über drei Monate lang vor, man spricht hier vom „100-Tage-Lernplan“. Mit einem Abstand von etwa einem Monat gehen sie dann in das Praktische Jahr (PJ). Anschließend folgt das dritte Staatsexamen (M3), eine mündliche praktische Prüfung am Krankenbett. In diesem praktischen Jahr sind die Studierenden vollständig in die Stationsabläufe eingebunden.

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Nun zu unserer Kritik: Wir als Studierende denken, dass es vor allem wichtig ist, eine bundeseinheitliche und rechtssichere Lösung für das M2 zu finden. Planungssicherheit ist für die mehr als 4600 Studierenden ein großes Anliegen. Die aktuelle Verordnung sieht außerdem vor, das sogenannte „Hammerexamen“ wieder einzuführen, das aus guten Gründen abgeschafft wurde. Hammerexamen heißt: Die Studierenden gehen, statt das M2 abzulegen, direkt ins Praktische Jahr. Anschließend sollen sie dann sowohl die M2-Prüfung ablegen als auch, danach, das M3. Doch nicht einmal diese Vorgabe soll nach der Verordnung bundeseinheitlich umgesetzt werden. Einzelne Bundesländer können sich entscheiden, das M2 trotzdem durchzuführen, und einige Bundesländer wie Hamburg oder Thüringen haben das ja auch schon getan. Es bleibt bei den Studierenden eine große Planungsunsicherheit, nicht nur wegen der Prüfungsvorbereitungen, sondern auch bei der Planung des Praktischen Jahres.

Wann würde das M2 normalerweise stattfinden?

Schon in zwei Wochen – ab dem 15.04.2020.

Das heißt, Studierende müssen auf jeden Fall in ihrem Lernplan bleiben, weil ihre Hochschule das zweite Staatsexamen eventuell nicht verschiebt?

Martin Jonathan Gavrysh
Martin Jonathan Gavrysh Bild: privat

Ja, und das ist das Gemeine. Die Länder entscheiden in Abstimmung mit den Landesprüfungsämtern, ob sie es für vertretbar halten, das M2 durchzuführen. Grundsätzlich wünschen sich viele Studierenden jetzt zu schreiben, sind aber auch schon seit mehreren Wochen mit einer großen Ungewissheit konfrontiert. Wir sind auch nur Menschen. In der ohnehin schon belastenden Situation – viele Studierende vor dem M2 sind Mitte zwanzig und haben zum Teil schon Kinder – wird noch mehr Druck und Belastung aufgebaut.

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Und wenn sich ein Bundesland für die Verschiebung des zweiten Examens auf die Zeit nach dem Praktischen Jahr entscheidet, müssten sich die Studenten den Stoff abermals aneignen.

Genau, und da viele Fakultäten den Studierenden ermöglichen wollen, diese sogenannten 100-Tage-Lernpläne ohne andere Veranstaltungen durchzuführen, würde das Praktische Jahr gekürzt.

Die einheitliche Regelung, die sie fordern, kann angesichts der neuen Verordnung und weil Baden-Württemberg das M2 verschoben hat, aber eigentlich nur noch in einer Verschiebung bestehen, oder?

Wir hatten im Vorfeld vorgeschlagen, das M2 entweder durchzuführen oder aber ausfallen zu lassen und dafür kumulierte Studienleistungen, beispielsweise aus dem klinischen Abschnitt zugrunde zu legen, als Äquivalent zum M2 analog zu dem M1 in vielen Modellstudiengängen zum Beispiel in Berlin und Hamburg.

Gab es im Medizinstudium der letzten Jahrzehnte eine vergleichbare Lösung?

Nein, es gab in den letzten Jahrzehnten aber auch keine Pandemie wie die mit Covid-19 und keine vergleichbar prekäre Versorgungssituation. Es hatten sich übrigens auch schon einige Fakultäten dafür ausgesprochen, dass die kumulierte Studienleistung als Äquivalent zum M2 bei ihnen denkbar und möglich ist.

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Die Direktorin des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), Jana Jünger, sagte, sie würde nicht von Ärzten behandelt werden wollen, die nicht ordentlich geprüft seien. Ist das Prüfen im Medizinstudium nicht besonders wichtig?

Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Doch muss man dazu sagen: Das M2 ist ein Qualitätssicherungsinstrument - von den vielen, die wir haben, aber nicht das beste. Bis die Studierenden zum M2 kommen, gibt es viele fakultäre Prüfungen. Außerdem sind die Bestehensquoten beim M2 außerordentlich hoch. Sie liegen bei mehr als 99 Prozent.

Aber fehlt nicht schlicht der politische Wille, um die Prüfungen auszusetzen?

Ja, und das bedauern wir. Zumal der Versorgungssituation die Zusammenballung von Praktischem Jahr und M2 im Anschluss nicht zuträglich sein wird.

Halten Sie es noch für möglich, dass kurzfristig doch noch alle Länder und Hochschulen das M2 abnehmen? Denn das ist ja sonderbar: Man traut sich zu, Abiturprüfungen abzuhalten, nicht aber Staatsexamina.

Warum das so ist, würde ich mir auch gerne erklären lassen. Und bei den Abiturprüfungen war die Entscheidung ja auch einheitlich, ausgerechnet bei den sogenannten Staatsexamina soll sie aber föderal getroffen werden. Wir haben beim Staatsexamen häufig hundert Studierende pro Hörsaal – wenn wir diese Gruppe, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg notwendig, auf Schreibgruppen von zwei Personen reduzieren, ist das natürlich ein erhöhter organisatorischer Aufwand, aber einer, der durchaus machbar erscheint. Letztlich wurde ja auch in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen entschieden, das M2 durchzuführen.

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Gut finden wir auch, den Studierenden, so wie es in Sachsen überlegt wird, freizustellen, wann sie ihre Prüfung ablegen: ob noch im April oder nach dem Praktischen Jahr. Unter der jetzigen Verordnung wäre das eine der besten Lösungen, denn es wäre eine sehr kulante Regelung, finden wir.

Auch im Praktischen Jahr sind die Medizinstudenten in Corona-Zeiten besonders stark beansprucht.

Ja, wobei viele Medizinstudierende jetzt schon in der Versorgung helfen. Die Versorgungssituation ist deutschlandweit sehr unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine andere als zum Beispiel in Berlin. Es ist eine sehr große Flexibilität gefragt, damit sich die Studierenden einbringen können, und es ist sinnvoll, dass sie aus dieser speziellen Versorgungssituation möglichst viel mitnehmen, damit trotz Pandemie der ärztliche Nachwuchs in allen Bereichen gewährleistet wird.

Ist eigentlich eine Ausstattung mit dem entsprechenden Atemschutz für alle Studenten gegeben? Machen Sie sich darüber Sorgen?

Ja, wir haben viele Bedenken. Wir können verstehen, welche Probleme der erhöhte Bedarf an Atemmasken mit sich bringt. Wir Studierende müssen aber bei den Tätigkeiten, bei denen wir unterstützen sollen, gut ausgestattet sein. Man muss dazu sagen: Auch vor der epidemischen Situation wurde die angemessene Arbeitskleidung und der Arbeitsschutz nicht in allen Kliniken gewährleistet.

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Was muss aus Ihrer Sicht jetzt noch geschehen?

Dem Gesundheitsministerium steht ja frei, die Approbationsordnung flexibel zu handhaben. Man kann immer noch nachbessern und zum Beispiel regeln, dass das M2 entweder stattfindet oder ausfällt und dafür eine Äquivalenzleistung durch die Fakultäten generiert wird. Sollte die Verordnung so bleiben, wie sie ist, sollten auch noch Länder wie Bayern, Hessen und Berlin das M2 im April durchführen. Ist das nicht möglich, sollte den Studierenden möglichst kulant ermöglicht werden zu entscheiden, ob sie das M2 jetzt schreiben wollen oder erst später. Unsere absolute Minimalforderung ist, dass sich die Länder nun endlich und jeweils final für einen bestimmten Ablauf entscheiden.

Bis wann sollte die Entscheidung der Länder fallen?

Am besten bis gestern.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Martin Jonathan Gavrysh (Jahrgang 1996) ist Medizinstudent im 8. Semester aus Berlin. Seit Mitte 2018 ist er für die bvmd im Weiterentwicklungsprozess von Staatsexamina und Studiumsinhalten eingebunden. Ende 2018 wurde er zum „Vizepräsidenten für Externes“ der Studierendenvertretung gewählt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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