Gottes Schuld an Corona

Der Himmel schweigt

Von Gerald Wagner
16.04.2021
, 10:02
Steckt hinter Covid-19 eine Fledermaus oder doch eine höhere Macht? Die Pandemie fordert die Theologie heraus: Könnte das Coronavirus nicht in Wirklichkeit eine Strafe Gottes sein?

Der Ursprung des Coronavirus ist wissenschaftlich umstritten. Wahrscheinlich stellt Covid-19 eine Zoonose dar, also eine vom Tier übertragene Infektionskrankheit, die ihren Weg von Fledermäusen über Schuppentiere auf den Menschen gefunden hat. Nicht ganz ausgeschlossen ist aber auch die Vermutung, das Virus könnte eine Laborzüchtung sein, die absichtlich oder unabsichtlich den Ort ihrer Schöpfung verlassen hat.

Für die Frage der Schöpfung ist traditionell die Theologie zuständig. Die muss sich jetzt fragen lassen, ob Covid-19 nicht in Wirklichkeit eine Strafe Gottes ist, geschickt als Warnung des Herrn an eine Menschheit, die Maß und Ziel verloren hat. Moraltheologisch muss man durchaus konstatieren: Das war ja wohl längst mal fällig!

„Theologische Sprengkraft“

Christoph J. Amor, Professor für Dogmatische und Ökumenische Theologie in Brixen, hat sich jetzt im dortigen „Theologischen Jahrbuch“ dieser heiklen Frage angenommen. Die Pandemie werfe nicht nur soziale und politische Grundsatzfragen auf, so Amor, sie enthalte auch „theologische Sprengkraft“: Lasse sich der Glaube an einen „allgütigen und allmächtigen Gott“ angesichts des von Corona verursachten Leids in der Welt überhaupt noch „rational aufrechterhalten“? Denn wenn Gott allgütig ist, hätte er Corona doch mindestens verhindern müssen. Und wenn er das nicht konnte, ist er auch nicht allmächtig. Wozu dann noch Gott?

Nun könnte man ja auch einfach irrational glauben und sich von dieser Frage nicht beirren lassen. Für die Theologie ist das aber kein Ausweg. Sie muss die Schlüsselfrage der Theodizee, also die Frage danach, ob man Gott angesichts des Leids in der Welt „gerecht“ nennen könne, durchaus erforschen und zu einer Antwort kommen. Die Theologen müssen sagen können, wie plausibel und vernünftig es ist, Gott überhaupt bestimmte Eigenschaften wie Güte und Allmacht „zuzuschreiben“, so Amor.

Offenbart Corona die Borderliner-Psyche Gottes?

Sie können sich dabei nicht auf den Standpunkt einer völligen Andersartigkeit Gottes retten, an den sittliche Maßstäbe des Menschlichen anzulegen per definitionem unmöglich wäre. Dann bliebe die Rede von Gott „absolut unverständlich“, warnt Amor, denn Theologie wäre dann im Sinne einer „sachlich angemessenen und gehaltvollen Rede von Gott letztlich unmöglich und reine Zeitverschwendung“. Aber wenn die Theologen ihre Zeit sinnvoll nützen wollen, wie forschen sie dann an dieser Frage?

Durch Textexegese und Übungen in Logik. Seit etlichen Jahren habe die Bibelwissenschaft einerseits eindrucksvoll herausgearbeitet, so Amor, dass die biblischen Gottesbilder viel „komplexer und abgründiger“ seien als der „pastoral domestizierte ,liebe Gott‘.“ Das Prädikat Allgüte widerspreche der „verstörenden Ambivalenz der Persönlichkeit Gottes“, wie sie sich schon bei Jesaja verdichte. Offenbart Corona jetzt endgültig die bereits biblisch prophezeite Borderliner-Psyche Gottes? Ein solch allzu menschliches Gottesbild widerspricht andererseits der Logik in Anselm von Canterburys Regel, wie von Gott zu sprechen sei: dass nämlich über Gott hinaus nichts Größeres gedacht werden könne. Aber wie sollen diese beiden Befunde dann zusammenpassen?

Amor schlägt vor, das Problem zurück an den Menschen zu verweisen. Gott habe ihm die Freiheit gegeben und sei damit bewusst ein „Risiko“ eingegangen. Etwa das Risiko, angesichts einer Pandemie moralisch zu versagen. Gott habe also eine Natur erschaffen, in der Vulkane ausbrechen und tödliche Viren auf Menschen überspringen. Corona ist Natur, und Gott kann nicht die Natur korrigieren, nur damit es die Menschen besser haben.

Die menschliche Freiheit sei demnach nur in einem Universum möglich, das auch jene Naturgesetze enthalte, die die natürlichen Übel bewirkten, so Amor. In einer Welt voller Übel und Leid sei es somit „nicht grundsätzlich unvernünftig“, an Gott zu glauben. Und auf diesen Nachweis kommt es der Theologie schließlich an, auch wenn da ein ungeklärter „Rest“ bleibe, der theoretisch noch geklärt werden müsse. Man nennt das gemeinhin „weiteren Forschungsbedarf“.

Quelle: F.A.Z.
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