Arbeiten im Corona-Sommer

Einsame Spitze

Von Uwe Marx
Aktualisiert am 04.08.2020
 - 13:23
Olympia-Sieger Thomas Röhler ist froh, wieder trainieren zu können.
Als Olympiasieger im Speerwurf und Vermarktungsprofi geht es Thomas Röhler besser als den meisten Sportlern. Zwar musste auch er mit Zumutungen kämpfen – aber der Corona-Sommer nahm für ihn eine wunderbare Wendung.

Tor zum Sportplatz auf, Sportler rein, Trainer rein, Tor zu, alles ganz schnell und möglichst unauffällig. Soll ja auch keiner mitbekommen. Wenn Thomas Röhler von seiner Rückkehr auf die Trainingsanlage erzählt, dann klingt das nach Anschleichen, nicht nach Sportleralltag. Dabei ist er auf Sportplätzen zu Hause, hier verbringt er sein halbes Leben. Sonst wäre er auch nicht Olympiasieger und Europameister im Speerwerfen geworden.

Ein Weltklasseathlet, wie es nur wenige gibt in Deutschland. Aber als Röhler nach acht Wochen Corona-Zwangspause im Mai endlich wieder unter freiem Himmel trainieren durfte, wollte er sichergehen, dass das keiner falsch versteht: dass andere, die ihn sehen, nicht glaubten, die Sportanlagen seien wieder für jedermann geöffnet. Dem war nämlich nicht so, als der Olympiasieger von Rio 2016 und Europameister von Berlin 2018 wieder mit dem Werfen anfing. Dank einer Sondergenehmigung.

Es war eine quälende Zeit bis dahin, auch für den 28 Jahre alten Ausnahmewerfer aus Jena. Er hatte sich in seinem Haus zwar einen Kraftraum eingerichtet, ganz gegen frühere Überzeugungen. Da war er nämlich noch der Meinung, dass das Private auch privat bleiben sollte – und dass ihm die Trainingsmöglichkeiten am Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena oder am Olympiastützpunkt in Erfurt reichen. Aber Speerwerfer wollen werfen, da ist der modernste Kraftraum kein Trost. Und sie müssen es, um konkurrenzfähig zu bleiben. Denn das Gefühl für ihr Sportgerät und dessen launenhaftes Flugverhalten entscheidet über traumhafte 90-Meter-Würfe oder jähe Abstürze.

Nicht ausgesorgt mit Olympiasieg

Deshalb traf es auch den Speerwurf-Ästheten Röhler hart, dass er und seine Trainingsgruppe so lange warten mussten. Zu lange, wie er findet. „Speerwurf ist vergleichsweise Corona-kompatibel“, sagt er. „Wir halten ohnehin viel Abstand, um nicht in Gefahr zu kommen.“ Denn Speere allein sind Gefahr genug. „Und das Gruppentraining hätte man anpassen können.“ Trotzdem wurde lange eben keine Ausnahme gemacht. Die schon gewonnenen Goldmedaillen und die Pläne für die neue Saison hin oder her: „Wir haben viel zu lange keine Genehmigung bekommen, um wieder Sportplätze zu betreten“, sagt er. In Erfurt war es am Ende schneller so weit als in Jena.

Im Oktober beginnt für ihn eine neue Saison, drei-, viermal fährt er normalerweise ins Trainingslager. Im Mai steigt in normalen Jahren das erste von knapp einem Dutzend Werfermeetings, die er bestreitet, meistens im Ausland. Etwa zwanzig Wettkämpfe kommen in einer Saison zusammen. So weit der klassische Kalender. Ein erstes Trainingslager auf den Kanaren hat er noch durchgezogen, ein zweites in der Türkei musste er abbrechen. Er reiste eilig ab, um nicht in einer Corona-Falle festzustecken. Der Rest war Warten und Fithalten. Für einen Weltklassesportler ist das nur geringfügig angenehmer, als eingesperrt zu sein.

Wenigstens ging die Zwangspause finanziell nicht ans Eingemachte. Thomas Röhler gehört zu den von der Deutschen Sporthilfe geförderten Athleten, außerdem hat er eine Handvoll Sponsoren. Er ist schließlich Olympiasieger. Abgesprungen ist keiner. Allerdings solle niemand an ein wirtschaftliches Schlaraffenland denken, nur weil ein Sportler Olympiagold gewonnen hat. „Mit einem Olympiasieg hat man in Deutschland nicht ausgesorgt“, sagt er. „Das ist ganz, ganz weit weg.“ Man habe „allenfalls eine Basis geschaffen, auf der man sein Leben finanziell bestreiten kann – die aber mit viel Arbeit, zum Teil auch mit Glück verbunden ist.“

Sportlern brechen Einnahmen weg

Trotz treuer Vertragspartner sind ihm Einnahmen weggebrochen. Bei den sogenannten Diamond-League-Meetings des Internationalen Leichtathletikverbandes, der höchsten Kategorie, erhalten Tagessieger einer Disziplin 10000 Dollar, die Zweitplazierten 6000 Dollar, die Dritten 4000 Dollar. Weitere Prämien sind, je nach Abschneiden in der gesamten Serie, möglich. In der zweiten Meeting-Klasse, den „World Challenges“, ist es etwa die Hälfte dieser Summen.

Diese Wettkampfserien wurden durch die Krise gehörig gerupft, viele Meetings fielen aus, weitere stehen auf der Kippe. Aber bei den Olympischen Spielen 2020 war das ja nicht anders. Auch sie flogen kurzerhand aus dem Wettkampfkalender. Eine Titelverteidigung in Tokio – auch diese Möglichkeit hatte sich für Röhler schnell erledigt.

Die Diamond League sollte im April in Doha starten, auch daraus wurde nichts. Außerdem gibt es eine Reihe kleiner Meetings unterhalb der vom Weltverband orchestrierten Serien. Auch hier winken, je nach Reputation und vormaligen Erfolgen, Antrittsprämien. Wenn auch auf niedrigerem Niveau. Röhler musste also die Füße still halten, anstatt auf Prämienjagd zu gehen. Er sagt aber offen, dass er im Vergleich zu vielen anderen Athleten noch „in einer komfortablen Situation“ sei. „Aufstrebende, junge Athleten haben ganz andere finanzielle Probleme als ich.“ Das sagt er nicht nur als Thüringer Sportidol, sondern auch als Mitglied der Athletenkommission im internationalen Leichtathletikverband. Es ist nur eine von mehreren Aufgaben, die er nebenher schultert – und die eine sehr verbreitete Krisengleichung ausschließt: Corona gleich Langeweile.

Eigenvermarktung ist Pflicht

Dass dieser Thomas Röhler aus Jena mal eine Menge Möglichkeiten haben würde, deutete sich mit dem Abitur an. Er verließ seine Schule mit dem sperrigen Namen Joh. Chr. Fr. Guts Muths Sportgymnasium in Jena mit einem Notenschnitt von 1,0. Damit kann man einiges anfangen, und Röhler entschied sich für Sport und Wirtschaft. Den Bachelor of Science and Economics an der Friedrich-Schiller-Uni in Jena hat er in der Tasche, der Master in Marketing Strategy folgt. Auch dafür ließen sich die vergangenen Wochen nutzen. Es ist das akademische Fundament für sein Leben als Berufssportler.

Nur wenige deutsche Leichtathleten dürften sich so erfolgreich vermarkten wie er. Röhler bietet sich auf seiner Homepage als Coach und Redner zum Thema Motivation an. Und jungen Speerwerfern gibt er ein Online-Coaching, sie müssen ihm nur ein Video von sich schicken – der Champion kommentiert und korrigiert die Wurftechnik per Mail oder Video.

Er ist online ohnehin sehr rege, eine Art Speerspitze seines Sports in Sachen Eigenvermarktung. Es gehe gar nicht anders. „Wer es als Spitzensportler verpasst hat, sich professionell im Internet zu präsentieren, ob mit einer eigenen Homepage oder in den sozialen Medien, der hat jetzt große Probleme“, sagt er. Viele unterschätzten allerdings, wie viel Aufwand dahintersteckt. Sich vor dem Training noch mal zwei Stunden an den Rechner zu setzen gehört bei ihm inzwischen genauso dazu wie gründliches Aufwärmen vor Würfen mit dem Speer.

Corona-Pause hat auch ihr Gutes

Fehlt, bei allem beruflichen Erfolg, nur noch die formelle Anerkennung. Daran hapere es, sagt Röhler. Olympiasportler gelte in Deutschland nun mal nicht als Beruf. Dabei ist er selbständig und Einzelunternehmer. Was bei Profifußballern mit Hilfe einer eigenen Berufsgenossenschaft längst „geklärt und klar definiert“ sei, „das ist bei uns noch eine große Grauzone“, sagt er. Das berühre zum Beispiel Versicherungsfragen. Immerhin: Corona habe dieses Dilemma sichtbarer gemacht, und der Deutsche Olympische Sportbund bemühe sich für die Sportler um Verbesserungen.

Es könnte also sein, dass die Krise auch so etwas wie einen Kollateralnutzen hat. Sie macht Probleme öffentlicher. Außerdem gibt sie strapazierten Spitzensportlern, die immer auch die Grenzen körperlicher Leistungsfähigkeit ausloten, eine Verschnaufpause, die sie sich freiwillig selten nehmen – auch wenn Muskeln und Sehnen sie nötig hätten. Er habe sich schon „gefragt, ob diese Zwangspause auch etwas Gutes hat, indem unsere vom Hochleistungssport geschundenen Körper mal zur Ruhe kommen“, sagt er.

Am Ende könnte eine Karriere dadurch sogar ein, zwei Jahre länger dauern. „Aber das ist einfach noch nicht zu beantworten“, sagt er. Zumal er gerade verletzt war. Er hatte sich den Knöchel verdreht, Wettkämpfe kamen daher nicht in Frage. Es gibt eben Jahre, in denen einem nichts erspart bleibt. Dieses Jahr aber wird ihm auch als eines der größten Freude in Erinnerung bleiben: Denn am 13. Juli wurde Thomas Röhler zum ersten Mal Vater.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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