Agentur für Sprunginnovationen

Die Bundesbeschleuniger

Von Jannik Schäfer
12.11.2020
, 14:32
In Leipzig arbeitet die neu geschaffene Bundesagentur für Sprunginnovation an weltrettenden Technologien. Ein Wagnis im erschütterten Zeitgeist.

Dem griechischen Mythos nach engagierte sich der Titan Prometheus erst dann als kulturstiftender Schutzherr der Menschen, nachdem die Titanen durch Zeus um die Herrschaft gebracht worden waren. Das Menschengeschlecht wurde zum Spielball der Götter: Dann gebe ich denen jetzt mal Feuer und Handwerk, so der eine (der Rachsüchtige); dann gebe ich denen jetzt mal Laster und vielseitiges Elend, so der andere (der Mächtige). Innovationsdrang und Hybris wurden zu Säulen der menschlichen Existenz.

Auch heute noch, da wir uns technologisch weit entwickelt und den Planeten erschöpfend ausgebaut und -gebeutet haben, scheinen diese Säulen bis tief hinein in den politischen Machtkampf stabil. Der Fortschritt soll das menschliche Elend aufhalten oder zumindest den politischen Gegner. Je stärker die Frontlinien (Kalter Krieg), desto erwartbarer auch die Resultate der Innovation (Militarisierung, Polarisierung).

Dieser Schluss scheint auch in der Digitalisierung Gültigkeit zu bewahren. Wie nach Rezept wurden weltweit Start-up-Zentren gegründet und deren stromlinienförmige Vorsteher zu Helden der Gegenwart stilisiert. Die hochgejubelten Agenten der Disruption zeigten sich seither oft als rücksichtslose Egoisten. Ihr schlechter Ruf färbte auf ihre Umgebungen in Silicon Valley, Delhi oder Shenzen ab.

In Leipzig soll das anders laufen. Für die baldige Lösung der größten, technisch vielleicht gerade noch lösbaren Weltprobleme hat dort vor knapp einem Jahr die Bundesagentur für Sprunginnovation (Sprin-D) ihre Pforten geöffnet. „Die dicksten Bretter bohren“ will der Geschäftsführer Rafael Laguna de la Vera, ein 56 Jahre alter gebürtiger Leipziger, der bisher mit dem politischen Betrieb wenig Kontakt hatte. Erklärte Aufgabe der Agentur ist es, vielversprechende Denker des Landes zu finden und ihnen einen Rahmen zu geben, in dem ihre Ideen und Projekte möglichst großen Gesellschaftserfolg haben können. „Man sagt über gescheiterte Ideen gerne, dass die Zeit nicht reif gewesen sei. Wir schauen, ob wir diese Zeit nicht herbeiziehen können“, sagt Laguna. „Wir sind ein Brutkasten.“ Dafür stehen Laguna und seinem Gefolge jährlich hundert Millionen Euro vom Bund zur Verfügung, zehn Jahre lang. „Geld ist aber oftmals das geringste Problem. Die Verbindung von Ideen zu Sprunginnovationen und deren flächendeckende Adaption sind viel schwieriger.“

Innovation auf Amtswegen

Gerade bei der Adaption hilft der Status als Bundesagentur. Laguna ist seit Amtsantritt auf Tuchfühlung mit verschiedenen nationalen und europäischen Ministerien und Institutionen, um für sein Modell zu werben. Antrieb verleiht ihm, dass er neben Ökologie und Energie ein Feld bespielen soll, das die wohl größte Front seit dem Fall der Sowjetunion ist: die Digitalisierung. Vor Jahren noch wäre ein solch umfassendes Machtpaket in Händen eines Polit-Neulings unvorstellbar gewesen, doch inzwischen rechtfertigt der Ausbau der europäischen Souveränität im digitalen Feld ziemlich viele Mittel. „Ich bin jetzt ein bisschen der Bundes-IT-Jogi, der Digitalflüsterer“, sagt Laguna.

Das erklärte Vorbild von Sprin-D ist bezeichnenderweise die amerikanische Innovationsbehörde Darpa, Brutstätte des Internets. Eine Behörde, die aus dem „Sputnik-Schock“ hervorging und seit 1959 jedes Jahr mit Milliardenbudget Innovationen vorantreibt. „Die Russen sind dreimal kurz um den Planeten gesegelt, und dann haben die Amis Angst bekommen. Ungefähr so ist das auch bei uns mit der Digitalisierung“, sagt Laguna. Dass die Darpa bis heute vor allem solche Innovationen ausspuckt, die der militärischen Konfliktlogik des kalten Krieges entsprechen, weiß auch er. Selbst vermeidet er militärische Verbindungen.

Für den Moment scheint man thematisch gut sortiert. EU-Cloud-Infrastruktur, günstige Windanlagen, ressourcenschonende KI-Hardware, energiesparende Computerchips. Das eingängigste der fünf bisher öffentlich verkündeten Projekte ist ein Mikroschaum, der den weltweiten Kampf gegen Mikroplastik im Wasser voranbringen soll. Die Agentur bezahlt hier die Pilotarbeit und stellt die Vermittlung in jene Regierungsebenen her, die die Beschaffungspolitik aller Klärwerke Deutschlands beeinflussen können. Das Produkt soll im Rekordtempo Standard bei der Abwasser-, Seen- und Meeressäuberung werden und viel giftigen Chemieeinsatz stoppen. Die Bundesregierung würde Teilhaber des Unternehmens und könnte über eine Sperrminorität garantieren, dass es kein privatwirtschaftlicher (Chemie-)Akteur feindlich übernehmen oder sich wichtige Patente sichern könnte. Trotzdem besteht große Nähe zur Privatwirtschaft, um jenseits eines Anschubs auch Millionen- oder Milliardenfinanzierungen geben zu können.

Selbst ist Rafael Laguna de la Vera ein Kind der ersten großen Internetwelle, die in den neunziger Jahren als gering kapitalisierte Open-Source-Bewegung für Furore und handfeste Innovation sorgte – bis zum großen Börsencrash. Lagunas Wirkung in Regierungskreisen, auch jenseits der Agentur, zeigte sich beispielhaft bei der Entwicklung der Corona-Warn-App, die sensationell unkonventionell in ihrer Konstruktion (Open Source) und dem Umgang mit Datensicherheit (dezentral) ist. Laguna hatte sich in einem internen Brandbrief kurz vor dem Richtungsentscheid zwischen Konvention und Wagnis wie andere auch vehement für die heutige App-Variante ausgesprochen. Der ebenfalls digitalaffine Kanzleramtschef Helge Braun legte sich schließlich für die mutige Variante ins Zeug und schaffte Fakten. Die App wurde trotz Schwierigkeiten in der Praxis zum Erfolg – mit ungewollter Unterstützung von Boris Johnson.

Einige Tage nach der Veröffentlichung der App kursierte in der Chefetage der Bundesregierung unter großem Amusement ein Video aus dem britischen Parlament, in dem Johnson versucht, sich für den Umgang mit der britischen Covid-App zu rechtfertigen. Kämpferisch tritt er ans Mikrofon und spricht: „Zeigen Sie mir ein Land, welches die Kontaktverfolgungsapp hinbekommen hat.“ Daraufhin springt Keir Starmer, Chef der Labour-Oppositionspartei, auf und sagt knapp: „Deutschland. App läuft seit 15. Juni. 15 Millionen Downloads.“

Staatlicher Prometheus

Das Exempel zeigt mehr als die mitunter infame Realität des Politikbetriebs. Zusehends scheint auf deutschen und europäischen Entscheidungsebenen jedoch eine Denkweise Einfluss zu finden, die als digital kompetent und verantwortungsbewusst bezeichnet werden kann. Gegenüber den Vereinigten Staaten und China tritt dabei ein fast vergessener Aspekt auf den Plan: unser Wertesystem. Gerade im digitalen Feld wird die infrastrukturelle Abhängigkeit von mächtigen Groß- und Staatskonzernen zum Problem. Aktuell gilt noch, dass die modernste Technik aus den Vereinigten Staaten oder China kommt – mit all den damit verbundenen Datenschutzproblemen.

In der europäischen Emanzipationsbewegung steckt geopolitisches Konfliktpotential, aber auch ein Appell an den Kampfgeist und die Verantwortung eines jeden Individuums. „Heute ist das Achtundsechziger-Ding fast schon fieser Mainstream“, sagt Laguna de la Vera. „Wir müssen uns weiterentwickeln, und zwar nicht in Richtung des antiwissenschaftlichen Lagers. Wir haben keine Zeit mehr für anti-anti.“ Handeln statt diskutieren, retten, was noch zu retten ist, verrücken, was im globalen Vabanquespiel noch nicht festgenagelt wurde – in Person von Rafael Laguna de la Vera hat Sprin-D jedenfalls einen wortmächtigen Einpeitscher mit einem überzeugenden Schlachtplan hervorgebracht. Die ersten Schritte mögen großspurig wirken, sind aber der Aufgabengröße angemessen.

Quelle: F.A.Z.
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