Gründerserie

Herzblatt-Spiel um den Traumberuf

Von Nadine Bös
22.01.2019
, 09:42
Was kommt raus, wenn ein frustrierter Headhunter, ein Jurist und ein Computerfreak sich zusammentun? Ein Algorithmus, der im Internet perfekte Paare aus Chef und Mitarbeiter sucht.

Das Tech Quartier im Frankfurter Pollux-Hochhaus sieht aus, wie man sich einen sogenannten Co-Working-Space vorstellt: Junge Menschen in Jeans sitzen in Großraumbüros an Laptops, viele haben ein Glas Latte macchiato neben sich stehen. Wer in Ruhe telefonieren möchte, zieht sich in verglaste Telefonzellen zurück, in denen man statt auf Stühlen auf ausrangierten Flugzeugsesseln Platz nehmen kann. In der zweiten Etage hinten rechts haben Clemens Reichel, Samuel Ju und Fabian Schebanek zwei Großraumbüros angemietet. Nicht monatsweise, wie die meisten anderen hier im Büro ihre Schreibtische buchen, sondern dauerhaft. Denn hier sitzt die Unternehmenszentrale ihres Start-ups „Mobilehead“, hier arbeiten sie täglich mit ihren mittlerweile 15 Festangestellten. Konferenzraum, Kaffeebar und Telefonzellen vom Co-Working-Space nutzen sie mit.

Ein „frustrierter Headhunter“ sei er einst gewesen, bevor er sein eigenes Start-up gründete, sagt Clemens Reichel, 44 Jahre alt. „Ich habe meinen Beruf nicht geliebt.“ Es habe „Verkaufsdruck“ gegeben, von beiden Seiten. „Man musste Unternehmen wie Kandidaten in ein positives Licht rücken. Eigentlich hat man ständig allen etwas vorgemacht.“ Das Schlimmste: „Es war noch nicht mal immer erfolgreich.“ Denn wenn ein Kandidat, den ein Headhunter vermittelt hat, während der Probezeit kündigt, muss die Vermittlungsprämie wieder zurückgezahlt werden. Heute liebt Clemens Reichel seinen Beruf. Headhunter ist der 44-Jährige noch immer, aber ganz anders als früher. Zusammen mit dem 34 Jahre alten Juristen Ju und dem 32 Jahre alten Grafikdesigner und Programmierer Schebanek hat er im Jahr 2015 sein eigenes Personalvermittlungsunternehmen gegründet; ein sogenanntes HR-Tech, also ein technologiebasiertes Start-up für die Personalarbeit.

Das Besondere: Nicht die drei Gründer und ihre Mitarbeiter führen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen – sondern ein Algorithmus. Deshalb müssen Reichel, Ju und Schebanek ihre Kandidaten nicht länger mit lästigen Anrufen am Arbeitsplatz bedrängen. Sie brauchen auch nicht mehr „Können Sie gerade sprechen?“ in den Hörer zu säuseln. „Stattdessen kann sich zum Beispiel ein Anwalt, der nach einem nervigen Arbeitstag in der S-Bahn nach Hause fährt, ganz einfach auf seinem Smartphone Alternativ-Arbeitgeber durchsehen, die speziell an ihm interessiert sind“, sagt Reichel. Das läuft ähnlich ab wie bei Tinder. Der Arbeitgeber hinterlegt im Internet ein Wunschprofil von einem Kandidaten, zum Beispiel, was er studiert haben sollte, welche Abschlussnote er mindestens haben sollte oder für welchen Arbeitsort er jemanden sucht. Er hinterlegt auch, was er dem Kandidaten bieten würde, zum Beispiel, welches Gehalt er zu zahlen bereit ist. Der Kandidat füttert die Plattform ebenfalls mit seinem Profil: Was hat er studiert, wo will er wohnen, was verdienen? Passen zwei Profile zusammen, gibt es ein „Match“. Der Anwalt in der S-Bahn kann sofort über sein Handy mit der Kanzlei chatten, die an ihm interessiert ist. „Anschreiben und sonstige Formalitäten werden komplett überflüssig“, sagt Reichel. „Die Parteien kommen online ins Gespräch und verabreden sich in der Regel direkt zu einem Vorstellungstermin.“

Mit der Juristerei fing alles an

Das Anwalts-Beispiel ist nicht zufällig gewählt; mit der Juristerei fing alles an. Reichels Geschäftspartner Samuel Ju ist selbst Jurist, kennt sich mit den Gepflogenheiten der Branche aus und hatte zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung viele Kontakte zu Großkanzleien. Deshalb bestand Mobilehead auch zunächst nur aus dem heutigen Tochterunternehmen Legalhead – die Plattform führt ausschließlich Juristen und Kanzleien zusammen. Viel Startkapital brauchten Reichel, Ju und Schebanek nicht für ihr Unternehmen. „Bloß Zeit, Hirnschmalz, ein paar Computer, sehr viel Herzblut und ein paar schlaflose Nächte“, wie Reichel sagt. Sobald ihr Algorithmus programmiert war, fuhren sie quer durch Deutschland und boten ihr Produkt einer Kanzlei nach der anderen feil. „Damals hatten wir noch nicht mal Visitenkarten“, erinnert sich Reichel. „Als wir welche brauchten, haben wir einfach schnell dickes Papier gekauft und sie ausgedruckt.“

Auch Verträge druckten sie auf Papier und schickten sie mit Kunden hin und her. Das sei ein echter Anfängerfehler gewesen, sagt Reichel im Rückblick. Als Digitalunternehmen sei man völlig analog dahergekommen. Trotzdem gelang es den Gründern, die Großkanzlei Hogan Lovells von ihrer Idee zu überzeugen. Mit Sicherheit schadete es dabei nicht, dass Samuel Ju einmal für das Unternehmen gearbeitet hatte; man kannte sich.

Prinzipiell ist die Einstiegshürde für Arbeitgeber aber relativ niedrig: Wer die Online-Vermittlung durch eine Mobilehead-Plattform nutzen möchte, muss zunächst nichts dafür bezahlen. Erst, wenn ein Kandidat tatsächlich seinen Arbeitsvertrag unterzeichnet hat, zahlt der Arbeitgeber 15 Prozent des ersten Bruttojahresgehalts an Mobilehead. Das Start-up reicht einen kleinen Anteil dieser Zahlung an den vermittelten Kandidaten weiter, sobald dieser seine Probezeit bestanden hat. Übersteht er die Probezeit nicht, zahlt Mobilehead die Vermittlungsprämie zurück an den Arbeitgeber.

Hoteliers, Ärzte und Steuerberater

Mittlerweile hat Mobilehead insgesamt fünf verschiedene Tochtergesellschaften, mit zum Teil eigener Mannschaft. An jeder ist die Muttergesellschaft aber zu mindestens 50 Prozent beteiligt. Bei Legalhead eingekauft hat sich etwa im Jahr 2016 der juristische Fachverlag Otto Schmidt, der deutlich mehr als eine halbe Million Euro dafür zahlte. Im vergangenen Jahr beteiligten sich dann Arne Lorenzen und Manuel Konen, die Gründer und ehemaligen Vorstände der Hotelleriestellenbörse „Yourcareergroup“ mit einem siebenstelligen Betrag an Mobilehead und gründeten gemeinsam mit den Mobilehead-Gründern “Hotelhead“ – das Pendant zu Legalhead für die Hotelbranche. Daneben gibt es „Medihead“ für Ärzte; „Interimhead“ für Interimsmanager und „Taxhead“ für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Die Erweiterung ihres Geschäftsmodells auf möglichst viele Branchen ist das Ziel der Gründer. In diesem Jahr soll als nächstes „Carehead“ für die Pflegebranche starten.

Ein weiteres Ziel für 2019 ist es, die Gewinnschwelle zu erreichen. „Legalhead allein macht einen ordentlichen sechsstelligen Jahresumsatz und ist derzeit schon profitabel“, sagt Ju. Der Jahresumsatz der Mobilehead liege noch einmal darüber. „Wir könnten eigentlich schon mit der gesamten Mobilehead profitabel sein, haben aber erst einmal mehr Wert darauf gelegt, unser Geschäft zu vergrößern, Plattformen für mehr Branchen zu programmieren und mehr Mitarbeiter einzustellen“, sagt Ju.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot