Gründerserie

Moneymeets reicht die halbe Maklergebühr

Von Marcus Jung
11.04.2017
, 06:19
Die kühne Vision, dass Computer einmal Kunden bei ihren Geldanlagen beraten könnten, hatten zwei Bankkaufleute einer Sparkasse schon Ende der achtziger Jahre. Dann gründeten sie ein spannendes Start-up.

Sie tragen Kapuzenpullis und Turnschuhe und arbeiten in einem Berliner Hinterhof. Mit solchen Start-up-Klischees werden auch Fintechs, also junge Unternehmen, die mit Hilfe von Technik Finanzgeschäfte für Verbraucher einfacher und schneller machen wollen, gerne umschrieben. In dieses Bild passen im Fall von Moneymeets allenfalls die Sitzsäcke in knalligen Farben. Sie liegen auf dem Boden zwischen den noch unbesetzten Schreibtischen. Noch ist alles provisorisch, erst Ende März hat das Start-up die Räume in bester Lage im Kölner Rheinau-Hafen bezogen. Das frühere Büro, ein Loft unweit der Zentrale der „Gothaer Versicherung“ im Süden der Domstadt, war für die mittlerweile 35 Mitarbeiter zu klein geworden.

Ansonsten passt wenig ins Klischee. Dieter Fromm und Johannes Cremer, beide Anfang Fünfzig, haben Moneymeets 2012 mit dem Ansatz gegründet: Wir machen die Kapitalanlage für den Verbraucher digital und einfach. Die kühne Vision, dass Computer einmal Kunden bei ihren Geldanlagen beraten könnten, hatten sie schon als junge Bankkaufleute einer Sparkasse Ende der achtziger Jahre. Die Suche nach geeigneten Lösungen für Finanzdienstleister setzte Cremer später als Berater fort. Fromm hingegen blieb den Sparkassen treu. Bei seinem Ausstieg verantwortete er das Privatkundengeschäft der Kreissparkasse Köln.

Knapp anderthalb Jahre feilten Cremer und Fromm an den Wochenenden an einem Konzept für eine Anlageberatung über das Internet. Das Ziel: Ihr Unternehmen soll die Vorteile sozialer Netzwerke wie Facebook mit der Möglichkeit eines Preisvergleichs und Produktbewertung verbinden, den man von Online-Marktplätzen kennt. Mit nur einem Mausklick sollen sich Nutzer über Gebühren und Provisionen von Investmentfonds und Versicherungen informieren können und gleichzeitig von den Erfahrungen anderer Kapitalanleger profitieren.

Moneymeets fungiert als Betreuer für Wertpapierdepots oder Vermittler

Zum Start von Moneymeets brachten die Gründer nach eigenem Bekunden jeweils einen sechsstelligen Betrag ein. Mit dem Kapital ließen sie den Prototyp der Software programmieren, auf der Moneymeets noch heute basiert. Doch das Kölner Fintech überzeugte auch Fremdinvestoren. In der Anfangsphase kam das Geld von zwei Family Offices aus dem Rheinland. Später investierten die Beteiligungsgesellschaft des Holtzbrinck-Verlags und ein weiteres Family Office aus der Schweiz in Moneymeets. Für viel Aufmerksamkeit in der Fintech-Szene sorgte im Vorjahr der Einstieg von Postfinance AG, der Bankgesellschaft der staatlichen Schweizer Post.

Als Erstes wagte sich das Start-up an das Angebot der Depotbanken. Diese veröffentlichen nicht nur Informationen zu Kursentwicklung von Fonds, sondern machen auch detaillierte Angaben zu der Höhe der Ausgabeaufschläge. Diese Gebühr fällt einmalig beim Kauf von Fondsanteilen an und kann bis zu 5 Prozent betragen. „Grundlagen für eine funktionierende, digitale Anlageberatung sind Datenverfügbarkeit und simple Finanzmathematik“, erklärt Cremer. „Im Fall der meisten Depotbanken, mit denen wir zusammenarbeiten, war dies von Anfang an möglich.“

Moneymeets fungiert als Betreuer für Wertpapierdepots oder Vermittler. Weder Cremer noch Fromm wollen selbst Finanzprodukte entwickeln. Als Online-Makler veröffentlichen sie alle Gebühren und geben 50 Prozent ihrer Maklergebühr (Courtage) an die Kunden zurück. Anleger erhalten also einen beträchtlichen Teil der Marge zurück, den Finanzdienstleister sonst stillschweigend für sich einstreichen. „Die Effizienzgewinne, die es durch den Einsatz der Programme gibt, teilen wir mit dem Nutzer“, sagt Cremer. Eine solche Rückvergütung an die Kunden ist mittlerweile auch bei anderen Plattformen üblich. Diese wollen damit wie Moneymeets die Kundenbindung stärken. Je mehr Kunden man hat, umso positiver wirkt sich das auf die Größe des Netzwerks und den beabsichtigten Austausch der Anleger untereinander aus. Der Grundsatz, alle Provisionen offenzulegen, erwies sich bei Investmentfonds noch als problemlos. In anderen Branchen sorgte dieser Ansatz für Unruhe. Seit 2014 vermittelt Moneymeets auch Versicherungen, und hier muss Fromm eingestehen: „Die klassischen Versicherungsmakler finden das natürlich nicht lustig.“

Vor dem Landgericht Köln gelandet

Die Reaktion der einflussreichen Versicherungswirtschaft ließ daher auch nicht lange auf sich warten. Unter Berufung auf ein 80 Jahre altes Verbot, Verbraucher mit einer Teilerstattung von Provisionen zu locken, reichte die Interessengemeinschaft Deutscher Versicherungsmakler Klage gegen Moneymeets am Landgericht Köln ein. Der Verband sah durch das Geschäftskonzept die Maklercourtagen in Gefahr. Denn etablierte Versicherungsmakler erhalten nicht nur beim Abschluss einer Police, sondern auch bei regelmäßig fälligen Prämien eine sogenannte Bestandsprovision – die gerade im Fall von Haft- und Unfallversicherungen, also gängigen Policen, bis zu 20 Prozent der jährlichen Rate ausmachen kann. Vor Gericht bekamen Cremer und Fromm in letzter Instanz vom Oberlandesgericht Köln 2016 recht: Ihr Unternehmen darf die Provisionen der Versicherer weiter offenlegen. Das ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil: Schließlich kennt nur jeder fünfte Deutsche die Höhe der Provisionen, die er für seine Versicherungen bezahlt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage, die das Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag des Kölner Finanzportals durchgeführt hat.

Über den wirtschaftlichen Erfolg ihres Unternehmens schweigen die beiden Gründer. Die monatlichen Wachstumsraten der Nutzer sollen sich im zweistelligen Bereich bewegen. Mittlerweile betreut die Plattform Wertpapierdepots und Versicherungen von 6500 Kunden – die Zahl der „regelmäßigen Nutzer“, die sich auf der Website informieren, dürfte deutlich darüber liegen.

Moneymeets spricht überwiegend Männer an. Ihre Quote unter den Kunden liegt bei 80 Prozent. Im Durchschnitt haben sie 62.000 Euro in Fonds investiert. Rund 120 Anleger haben den Inhalt ihres Depots offengelegt, um andere Nutzer an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Hier zeigt sich: Diese Nutzer investieren in Aktien und börsengehandelte Indexfonds, dagegen kaum in Anleihen und Rentenfonds. Trotz aller Vorteile von Algorithmen und der Digitalisierung, die für alle Nutzer erfolgversprechende Anlagestrategie hat Moneymeets bisher noch nicht gefunden. Dafür sind die Anlageziele der Nutzer dann doch zu unterschiedlich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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