Gründerserie

Neugieriger Graf will Antibiotika-Versagen stoppen

Von Henning Peitsmeier
28.08.2018
, 09:15
Der Gründer: Markus Graf Matuschka von Greiffenclau
Markus Graf Matuschka von Greiffenclau stammt aus einem alten Adelsgeschlecht. Heute investiert er in Designerproteine – um so das Versagen von Antibiotika zu stoppen.
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Geld und Neugier sind eine ideale Kombination, um Neues in die Welt zu bringen. Markus Graf Matuschka von Greiffenclau verfügt über beides: Der Nachfahre des berühmten Adelsgeschlechts von Schloss Vollrads, dem ältesten europäischen Weingut, ist von Haus aus sehr vermögend und vielseitig interessiert. „Ich bin von Neugier getrieben“, sagt der 52 Jahre alte Graf, und das allein könnte schon als Erklärung reichen, warum er mit einer Handvoll Forschern den Kampf gegen multiresistente Bakterien aufgenommen und im Jahr 2009 die Lysando AG mit Sitz in Liechtenstein gegründet hat, zu der die Regensburger Lisando GmbH gehört. Jahrelang wurde also geforscht, und nun sind der Graf und seine Wissenschaftler mit ihren auf Proteinen basierenden Artilysinen beinahe am Ziel: „Unsere Artilysine funktionieren, wir können jetzt alle wichtigen Krankheitserreger bekämpfen, ohne dass Resistenzen oder Nebenwirkungen bekannt sind“, sagt Matuschka.

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Die Designerproteine aus dem Regensburger Forschungslabor sind nach Einschätzung von Wissenschaftlern durchaus geeignet, um Antibiotika zu ersetzen. Denn Bakterien, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken, breiten sich immer stärker aus, überall auf der Welt. Und hier kommt Matuschkas zweite Erklärung: „Ich habe in meiner Familie erlebt, wie Antibiotika versagen.“ Das sei für ihn der ganz persönliche Anstoß gewesen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ein befreundeter Patentanwalt brachte den Investor mit den Regensburger Forschern zusammen. „Ich investiere am liebsten in disruptive Technologien, welche auch einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten imstande sind“, sagt Matuschka und klingt wie Finanzinvestor und Philanthrop in einer Person.

Auf eine wirksame Alternative zu unwirksamen Antibiotika warten Patienten überall auf der Welt. Die Folgen eines weltumspannenden Antibiotikaversagens können gravierend sein, Fachleute sprechen schon heute von einer drohenden globalen Katastrophe. Nach Schätzungen der EU-Kommission sterben jedes Jahr 25 000 Menschen an resistenten Bakterien, und die Weltgesundheitsbehörde warnt vor einer „Post-Antibiotika-Ära“, in der als überwunden geglaubte Infektionskrankheiten wieder zu einer tödlichen Gefahr werden. Was also läge näher, als jetzt in großem Stil die Entwicklung der Artilysine zur Marktreife zu bringen?

Lange herrschte der Glaube an das Ende der Infektionskrankheiten

Nun ist der Zulassungsweg jedoch ein besonders langer. Und Matuschka stößt immer wieder an die Grenzen von Pharmaindustrie und politischer Regulierung. „Die Vergütungsregeln für Pharmamedikamente stammen aus einer Zeit, als Antibiotika noch funktionierten“, sagt er. Der Glaube an das Ende der Infektionskrankheiten hat dazu geführt, dass sich die großen Pharmakonzerne schon zur Jahrtausendwende aus der Infektionsforschung immer weiter zurückgezogen haben. Es fehlte der finanzielle Anreiz. Mit neuen Antibiotika ließ sich aufgrund der bestehenden Vergütungsregeln kaum noch Geld verdienen. Zu kostspielig ist meist die Forschung und Entwicklung, zu lange dauert es, bis ein Medikament auf den Markt kommt. „Um das Leben eines Patienten mit bakterieller Blutinfektion zu retten, werden maximal ein paar hundert Euro für Antibiotika vergütet. Ein Krebspatient bekommt für sein Leben ein Hundertfaches für Krebsmedikamente zur Verfügung gestellt“, schildert Matuschka das aus seiner Sicht schräge Anreizsystem an einem drastischen Beispiel. „Menschen zu retten ist im Bereich bakterieller Infektionen für die Pharmaindustrie ein Verlustgeschäft.“

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Schlecht für Lysando und den Grafen ist außerdem der Umstand, dass Artilysine ebenfalls unter das Regelwerk für Antibiotika fallen. Die Politiker, sagt Matuschka, hätten die neuartige Technologie bisher nicht verstanden, Zulassungen, Genehmigungen und Vergütung seien gekennzeichnet von der Vorgehensweise des vergangenen Jahrhunderts. Niemand fühle sich in Berlin zuständig, das zu ändern, klagt er.

Matuschka lässt sich trotzdem nicht entmutigen. Allein auf die Artilysine will er sich gleichwohl nicht verlassen und hat deshalb noch in andere Unternehmen investiert. So betreibt er eine Internetplattform, die über das Mikrobiome – Ernährung und Symbiose von Bakterien im menschlichen Körper – aufklärt. In einem Gemeinschaftsunternehmen in Thailand lässt er aus pflanzlichen Reststoffen baumloses sogenanntes Papierpulp produzieren. „Ein Markt, der viel Freude macht“, sagt Matuschka. „Nicht zuletzt aufgrund des Online-Shoppings werden immer mehr Verpackungen benötigt, und der von uns genutzte Rohstoff ist so reichhaltig vorhanden, dass man rechnerisch über 25 Prozent des globalen Papierverbrauchs darstellen kann. Das entlastet die Wälder als ökologisch wertvollen Lebensraum.“ Und nicht zuletzt gehört dem Grafen ein Cognac- und Champagner-Gut, die Domaine Privé in der Petit Champagne de Archiac.

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Zurück zu den Wurzeln

Damit kehrt er gewissermaßen zurück zu seinen Wurzeln, dem Schloss Vollrads im Rheingau, das sein Onkel, Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau, vor mehr als zwanzig Jahren an den Rand gewirtschaftet hatte. Der Fall machte damals Schlagzeilen, weil Graf Erwein – Winzer in der 27. Generation – am Tag, nach dem die Hausbank das Konkursverfahren über das renommierte Weingut eröffnet hatte, sich das Leben nahm.

Die aus Südböhmen stammenden Matuschkas zählen zum ostmährischen Uradel. Bis zurück ins Jahr 1211 ist der Weinbau in der Familie Greiffenclau nachweisbar, weshalb sie als ältestes Weinbaugeschlecht Deutschlands gilt. Seine Herkunft, sagt Matuschka knapp, sei identitätsstiftend: „Dazu gehört die Bürde genauso wie die Würde.“ Einer wie er gibt nicht auf. In die Artilysine hat Matuschka einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Eines Tages will er das Antibiotikaversagen auf ganzer Linie besiegen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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