Hochschulen und Corona

Ein neuer Anfang ist nah

Von Johannes Wessels
11.06.2021
, 09:22
Die Hochschulen stehen vor der Rückkehr zum Präsenzbetrieb. Ein weiteres Jahr ohne reale Begegnungen ist ihnen nicht zuzumuten. Gastbeitrag des Rektors der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Eines der am häufigsten verwendeten Wörtchen in diesen Tagen dürfte „endlich“ sein. Endlich zeichnen sich substanzielle Fortschritte im Kampf gegen die Pandemie ab, endlich gibt es spür- und sichtbare Lockerungen in unser aller Alltag, endlich darf man sich auf einen Urlaub freuen. Auch für den Handel, für Sport und Kultur gibt es nach Monaten der Restriktionen, Auflagen und Verbote hoffnungsvolle Zeichen. Endlich.

Natürlich ist nach wie vor Vorsicht geboten. Wer die Bilder aus Indien gesehen hat, wer Intensivmedizinern zuhört, wer das Risiko langfristiger gesundheitlicher Beeinträchtigungen kennt, wird Corona trotz aller Erschöpfung weiter ernst nehmen. Wir alle sind gefordert, immer wieder neu nach den richtigen Wegen für den Umgang mit dem Virus zu suchen.

Wichtige Erfahrungen gehen verloren

Wenn wir an die Zukunft denken, sollten wir allerdings nicht nur an Konsum, Urlaub und Fußball-Turniere denken, so berechtigt die Vorfreude auf einen Hauch von Normalität auch ist. In den nächsten Wochen stehen mehrere Zehntausend Schulabgänger vor einem entscheidenden Schritt für ihr weiteres Leben. Doch wer 2021 Abitur macht, hat keine Möglichkeit, sich vor Ort über Studiengänge und Hochschulen zu informieren. Wer 2020 sein Studium begonnen hat, hat noch keine Universität von innen gesehen. Wer seit 2019 studiert, konnte kein Praktikum außerhalb der Universität machen und die zu Recht viel beschworene Verbindung von Wissen und Erfahrung herstellen.

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Für die jungen Menschen ist seit mehr als einem Jahr nicht nur ihr soziales Leben heruntergefahren, sie haben auch mit Blick auf ihre berufliche Zukunft keine oder nur eine sehr eingeschränkte Chance, jenes Orientierungswissen zu erwerben, das nur durch Begegnung und Austausch entstehen kann. Begegnung und Austausch, die weit über den gewohnten Horizont hinausreichen müssen, um eigene Perspektiven und Lebensentwürfe zu entwickeln. Diese Kollateralschäden betreffen alle 16- bis 25-Jährigen, die über Praktika, Bundesfreiwilligendienste und Lehrstellen mit Berufs- und damit Lebensentscheidungen konfrontiert sind.

Qualitative Verluste im Homeoffice

In den Hochschulen trat die digitale Lehre an die Stelle des lebendigen Campus, Homeoffice in Isolation musste als Ersatz für engagierte Diskussionen herhalten, und experimentelle Forschung blieb weitgehend frei von den Impulsen aus informellem Austausch. Schon dies verdeutlicht die allseits spürbaren qualitativen Verluste im universitären Leben. Dennoch sind dies noch eher vorübergehende Belastungen im Vergleich zu den weit gravierenderen, langfristigen Verlusten, die der Generation drohen, die in dieser Zeit wesentliche Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft treffen muss.

Wir wissen um die Notwendigkeit der Einschränkungen, die auch in den nächsten Monaten für universitäres wie außeruniversitäres Lernen und Leben bestehen. Aber ich widerspreche entschieden der Ansicht, mit digitalen Lösungen gebe es eine hinreichende Kompensation und es gehe nur um spätere Nachsorge, die vor allem durch Transferzahlungen zu leisten wäre. Das Gegenteil ist richtig: Für junge Menschen lässt sich prägende Lebenszeit nicht nachholen oder verschieben. Ihnen entgehen eben nicht nur Abiturfeiern, Orientierungswochen und andere Annehmlichkeiten, ihnen entgeht vor allem die Chance, Erfahrungen außerhalb von Schule und Studium zu sammeln.

Erfahrungen, die unter Gleichen geteilt werden müssen, um sie einordnen zu können. Ein Doppeljahr 2020/2021 ohne reale Lebens- und Begegnungsorte würde einer ganzen Generation einen nicht gutzumachenden Schaden zufügen und damit der gesamten Gesellschaft, die auf diese jungen Menschen angewiesen ist, wenn sie die Zukunft gewinnen will.

Der Autor ist Rektor der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Quelle: F.A.Z.
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