FAZ plus ArtikelDie Karrierefrage

Wie authentisch muss ich sein?

Von Ursula Kals
22.11.2021
, 11:03
Bin ich authentisch? Für viele ist das eine wichtige Frage.
Im Beruf geht es oft darum, eine Rolle auszufüllen und seine Launen zu Hause zu lassen. Mittlerweile aber ist es schick, sich auch mal Blöße zu geben – im richtigen Maß.
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Der Diplom-Kaufmann war zweite Wahl, das wusste er. Seinem Ego tat es trotzdem gut, dass ihm nach kurzer Zeit im Unternehmen die Projektleitung im Ruhrgebiet angeboten wurde. Doch es war etwas faul an dem Karrieresprung, das merkte er schnell: Der 45-Jährige sollte Strukturen verschlanken, also Mitarbeiter entlassen. „Das höhere Gehalt war eine Art Schmerzensgeld dafür. Befördert werden, weil ich andere rausbefördere? Das Angebot habe ich abgelehnt“, sagt er. „Die Aufgabe entspricht mir nicht, das hat sich für mich nicht authentisch angefühlt.“ Familienväter in die Arbeitslosigkeit zu schicken, um Renditen zu erhöhen – das sei mit seiner Lebenseinstellung nicht vereinbar. Seine Argumente wurden akzeptiert. Wie hätten die Geschäftsführer auch widersprechen können? Schließlich erhebt alle Welt den Anspruch darauf, authentisch zu sein. Sich selbst treu bleiben, das will, rein theoretisch, jeder. Denn Authentizität meint Echtheit, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, so erklärt es der Duden. Wer will schon zwei Gesichter haben?

Die Psychologin Monika Matschnig aus Neufahrn bei München sagt: „Viele sprechen von authentisch sein, meinen aber authentisch wirken. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Niemand kann von sich behaupten: Ich bin echt. Ich bin wahrhaftig. Ich bin authentisch. Authentizität erfordert einen Beobachter. Der andere kann sagen: Der wirkt echt.“ Das sei ähnlich wie beim Charisma. „Es wäre doch ein wenig narzisstisch zu sagen: Ich bin charismatisch. Das entscheiden die Beobachter.“

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Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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