Föderalismus-Tagung

Bund, Bund, Bund sind alle meine Kleider

Von Martin Otto
05.05.2018
, 15:30
An der Fassade des Bremer Rathauses sind der Kaiser und die sieben Kurfürsten dargestellt. Das Alte Reich hatte in dieser Sicht ein kollektives, achtköpfiges Oberhaupt. Hier neben dem Kaiser die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln.
Die Bayern kamen schon zu Kaisers Zeiten immer besonders fesch daher: Eine Konferenz in Fulda suchte nach den Schnittmusterbögen des Föderalismus in der deutschen Geschichte.
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Fulda liegt mitten in Deutschland, ist als Kongressort beliebt, die Verkehrsanbindungen sind tadellos, und das Glück ist der prosperierenden osthessischen Bischofsstadt hold. Nur der akademische Lorbeer blieb auf Dauer versagt; die 1734 gegründete Universität wurde 1805 aufgelöst. Nicht erst seit den Arbeiten Siegfried Weichleins zum Fuldaer Vereinsleben ist in der Bürgertumsforschung angekommen, dass eine Provinzstadt nicht unterschätzt werden darf. Über die Hauptstadt der Bürgertumsforschung gibt es den Witz, dass sie nicht existiere; diesen Status teilt sie mit dem Rathaus von Fulda, denn die Stadtverwaltung residiert im Barockschloss der Fürstbischöfe wie einst die französischen Finanzminister im Louvre. Auch hier ist es nur eine vermeintliche Nichtexistenz; das Bürgertum hat sich das Schloss längst angeeignet. Alfred Dregger, um den bekanntesten Stadtvater zu nennen, wirkte dort lange als entgegen allen Klischees quirliger Modernisierer, und in den Marmorsaal lud unlängst eine ortsansässige „Bürgerschaftliche Initiative“ zu Beratungen über die „wechselvolle Geschichte“ des „Föderalismus in Deutschland“.

Solange das protestantische Bremen keine Universität besaß, kursierte der Scherz, dass man bei Bedarf dort lieber einem Professor das Taxi aus Göttingen bezahle. In der katholischen Barockstadt Fulda finanzierte man gleich ein viertägiges Symposion. Den Bedarf schuf ein Jubiläum; Im Jahre 918 wurde der letzte Karolinger Konrad I. im Dom zu Fulda beigesetzt. Etwas sperrig wirbt die Stadt: „Fulda ist seit 1100 Jahren Bestattungsort des Königs Konrad I.“ Als Geschichtsschreibung noch linear und national betrieben wurde, sahen Historiker hier den eigentlichen Beginn deutscher Geschichte. Wollte man darauf zurückkommen, indem man den Tagungsablauf als diachrone Geschichte „vom ostfränkischen Königstum bis zur Bundesrepublik“ anlegte? Der konservative Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber hatte just von diesem buchstäblichen Jahrtausendprojekt Abstand genommen und den Beginn seiner monumentalen deutschen Verfassungsgeschichte auf 1789 gelegt.

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Im Anfang war Napoleon?

Als Tagungsleiter wies Dietmar Willoweit (Würzburg), früherer Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, darauf hin, dass in Fulda auch das faktische Ende der deutschen Geschichte hätte stattfinden können. Nach Planspielen der Nato sollten im „Fulda Gap“ die Panzer des Warschauer Paktes mit taktischen Atomwaffen gestoppt werden; fast jedes deutsche Schulkind kennt Fulda aus den dystopischen Kinderbüchern von Gudrun Pausewang, die dort gleich zwei nukleare Katastrophen stattfinden ließ. Optimistischer ist da Willoweits solide „Deutsche Verfassungsgeschichte vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung Deutschlands“, die als Studienbuch sechs Auflagen erreichte. Doch damit ist der diachrone Rechtshistoriker in seiner Zunft eine Ausnahme; viele Historiker haben bei Begriffen wie „Staat“ und „Verfassung“ im Mittelalter berechtigte Bedenken.

In Fulda tappte niemand in die Anachronismusfalle. Mit Rudolf Schieffer (München), dem früheren Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, führte ein Experte der Karolingerzeit in die Entstehung eines ostfränkischen Reiches ein, im Kontext der gleichalten christlichen Reiche in Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn und Kiew. Kein Teilnehmer lokalisierte den deutschen Föderalismus im vielleicht gar nicht so finsteren Mittelalter, aber einzelne Referate brachten erhellende Einsichten in seine Wurzeln. Steffen Schlinker (Tallinn) verwies methodisch originell auf die geographische Verteilung der mittelalterlichen Königsgüter, bei der es Schwerpunkte unter anderem bei Aachen, am Untermain und in der späteren Pfalz gegeben habe; in Frankreich zentrierte sich das Königsgut nur um die Île-de-France. Manche Teilnehmer hielten etwas wohlfeil Hans-Ulrich Wehler Überspitzungen vor; dabei teilte das Fuldaer Symposion mit der Bielefelder Schule das Anliegen, eine borussozentrische Geschichtsschreibung zu revidieren. So ging es um von protestantischen und liberalen Historikern lange negativ gezeichnete Gebilde wie das alte Reich, das geistliche Territorium und den Kleinstaat.

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Horst Carl (Gießen) beschrieb die mittelalterlichen Landfrieden als effizientes „System kollektiver Sicherheit“ bis hin zu den Religionsfrieden der Reformationszeit; Bündnisse wie der Schwäbische Bund“ hätten die territoriale Vielfalt des Reichs bewahrt. Wolfgang Wüst (Erlangen) verteidigte die langlebigen Reichskreise gegen den von Heinrich von Treitschke bis Heinrich August Winkler erhobenen Vorwurf, die politische Entwicklung Deutschlands behindert zu haben, und betonte ihre Bedeutung für parlamentarische Frühformen. Georg Schmidt (Jena) wollte die „deutsche Freiheit“ nicht auf Ständeherrschaft und territoriale Zersplitterung reduziert wissen. Für die Neuzeit verteidigte Winfried Müller (Dresden) den Rheinbund als Fortsetzung älterer föderaler Ordnungen, um damit nebenbei auch Thomas Nipperdeys bekanntestes Zitat „Im Anfang war Napoleon“ in Frage zu stellen.

Man muss es auch können

Harm-Hinrich Brandt (Würzburg) wagte sich als Nestor der Forschung zum Deutschen Bund an die kontrafaktische Geschichtsschreibung anhand des nicht verwirklichten österreichischen Vorschlags einer Bundesreform von 1863. Auch diese hätte nur ein „fragiles Gebäude“ von kurzer Lebensdauer entstehen lassen; Österreich wollte seine nichtdeutschen Kronländer in den Bund integrieren, die Hauptlast der militärischen Beistandspflichten hätte dann aber Preußen tragen, der Deutsche Bund auf dem Balkan verteidigt werden müssen.

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Fulda kam 1866 zu Preußen, doch Bayern war das deutsche Territorium, das auf dem Symposion am häufigsten auftauchte. Das hat auch geographische Gründe, denn traditionell ist man am Fuß der hessischen Rhön am konfessionell und politisch nahen Unterfranken mit Würzburg orientiert. Trotzdem fiel auf, wie wenig das für den bundesdeutschen Föderalismus nicht unwichtige Hessen eine Rolle spielte; die mögliche Erklärung, dass Föderalismus auch historische Räume zerreißen kann, bleibt eher eine Leerstelle. Allerdings sorgten gerade die „bayerischen“ Referate für Wiedererkennenseffekte, die ein Gefühl von Zeitlosigkeit entstehen ließen.

Der wohl bayerischste Historiker, Dieter J. Weiß (München), beschwor die enge Wechselwirkung zwischen bayerischer und deutscher Politik unter Ludwig dem Bayern; die Übernahme der Kaiserkrone durch den Bayernherzog veränderte auch Bayern im Verhältnis zum Reich. Horst Möller (München), der frühere Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, beschrieb, wie der Linkssozialist Kurt Eisner als bayerischer Ministerpräsident gegen die Parteilinie föderalistisch auftrat, um seinen politischen Gegner Friedrich Ebert über die Länderschiene auf stärkeren Linkskurs zu bringen.

Pointiert und kurzweilig sprach Katharina Weigand (München) über bayerische föderale Politik. Sie erwies sich als Anhängerin der ausdrücklich so genannten „Realpolitik“, ganz im Sinne des aus Fürth gebürtigen Henry Kissinger. König Maximilian II. hatte mit seinem von 1849 bis 1859 amtierenden Außenminister Ludwig von der Pfordten vor, Bayern die Führungsrolle in einem „dritten Deutschland“ zu verschaffen, auf Augenhöhe mit Österreich und Preußen. Dabei wurden handfeste Ziele verfolgt, etwa eine Landbrücke zur isolierten bayerischen Rheinpfalz, was aber nur auf Kosten Badens möglich gewesen wäre. Im Bayerischen Staatsarchiv liegen Landkarten eines vergrößerten Bayern, die damals gezeichnet wurden. Doch Bayern überschätzte seine militärische und politische Macht maßlos, von der Pfordten sei „wahrscheinlich ein guter Professor, aber ein schlechter Politiker“ gewesen. Die bayerische Politik trug eher dazu bei, die unsicheren südwestdeutschen Staaten auf die Seite Preußens zu ziehen, und bestand insoweit aus „Träumereien“. Diese seien zwar legitim gewesen, doch gelte in der Politik: „Man muss es nicht nur wollen, man muss es auch können.“

In Fulda will man auch etwas, etwa politische Unterstützung für ehrgeizige Vorhaben zur Geschichte des deutschen Mittelalters. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier war während des Symposions gemeinsam mit seinem Erfurter Amtskollegen Bodo Ramelow in Fulda, aber für beide hatte die Hundertfünfundzwanzigjahrfeier des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen Priorität. Vielleicht sollte es die Bürgerschaftliche Initiative einmal mit einem Symposion über Alfred Dregger versuchen, der auf dem Fuldaer Frauenberg begraben liegt? Am CDU-Landesvorsitzenden der Jahre 1967 bis 1982 hatte sich in Hessen auch der junge Ramelow abgearbeitet.

Quelle: F.A.Z.
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