FAZ plus ArtikelGendersprache

Studenten sind nicht immer Studierende

Von Helmut Glück
15.08.2019
, 10:46
Europäischer Hochschulraum im 14. Jahrhundert: Henricus de Alemannia vor seinen Schülern in Bologna, gemalt von Laurentius de Voltolina
Die Grundbedeutung des Partizips ist die Gleichzeitigkeit. Doch die sprachliche Bedeutung wird auf dem Altar politischer Korrektheit geopfert.

Sind Studenten immer auch Studierende? Das ist ein verbreiteter Irrtum. Er funktioniert so: Wer Frauen „in der Sprache sichtbar“ machen will, der nehme ein Adjektiv oder ein Partizip und mache es zu einem Substantiv. Er kann dann zwischen der Alte, die Alte und das Alte oder ein Studierender und eine Studierende unterscheiden. Man nennt das Differentialgenus: Die Substantivierung erzwingt (in der Einzahl) ein Maskulinum, ein Femininum oder ein Neutrum. Im Plural geht das nicht: Die Alten und die Studierenden haben kein Genus.

Der Irrtum liegt in einem Bedeutungsunterschied. Die Grundbedeutung des Partizips I ist Gleichzeitigkeit: ein Trinkender trinkt gerade jetzt, ein Spielender ist beim Spielen, ein Denkender denkt in diesem Moment. Trinker, Spieler und Denker hingegen üben die jeweilige Tätigkeit gewohnheitsmäßig aus. Das gilt auch für Studenten und Studierende: Ein sterbender Studierender ist jemand, der beim Studieren, studierend also, stirbt. Ein sterbender Student hingegen kann dem Tod beim Essen, beim Radeln, beim Schlafen, kurz gesagt, bei jeder beliebigen Aktivität begegnen.

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Quelle: F.A.Z. / Bildungswelten
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