Hochschule

Hochschulpolitische Fiktion

19.06.2004
, 12:00
Schon im Oktober 1997 hatten die Kultusminister zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandorts Deutschland die Einführung der aufeinander aufbauenden Studiengänge Bachelor (BA) und Master (MA) an allen Fachhochschulen und Universitäten empfohlen.
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Schon im Oktober 1997 hatten die Kultusminister zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandorts Deutschland die Einführung der aufeinander aufbauenden Studiengänge Bachelor (BA) und Master (MA) an allen Fachhochschulen und Universitäten empfohlen. Am 19. Juni 1999 vereinbarten die europäischen Hochschulminister in Bologna dann, bis zum Jahr 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Seither ist der Umbau der Studiengänge nach dem Bachelor- und Master-Modell untrennbar mit der Bologna-Vereinbarung verbunden und zum vorrangigen Ziel deutscher Hochschulpolitik geworden. Für jene europäischen Länder, die bisher nicht über angelsächsische Studienordnungen verfügten, hat mit "Bologna" die einschneidendste Universitätsreform seit Wilhelm von Humboldt begonnen.

Die deutschen Kultusminister versprechen sich von dieser Umstellung kürzere Studienzeiten, höhere Erfolgsquoten durch Kontrolle und Verschulung des Hochschulstudiums und eine bessere Berufsqualifizierung der Abgänger. Vor allem aber sind sie überzeugt, einen größeren Bewegungsfreiraum für Studierende und Lehrende in Europa zu schaffen. Die Wirklichkeit zeigt, daß davon keine Rede sein kann. Vielmehr erweist sich das wichtigste Ziel der Reform, die internationale Vergleichbarkeit der Studiengänge und Abschlüsse, als frommer Wunsch oder als böser Etikettenschwindel.

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Großbritannien etwa schert sich überhaupt nicht um die Bologna-Vereinbarung, und es ist nicht das einzige Land in Europa, dem "Bologna" lediglich dazu dient, seine eigenen Interessen voranzubringen. Mit der Einführung neuer Studienabschlüsse für all diejenigen, die sich dem Bachelor nicht gewachsen fühlen, unterläuft die britische Regierung die Bologna-Vereinbarung. Für Premierminister Blair ist es allemal wichtiger, möglichst viele Abiturienten an die Universität zu bringen, als europäischen Richtlinien nachzukommen - und wer könnte es ihm übelnehmen? Eine Untersuchung hat soeben nachgewiesen, daß es den in Bologna beschworenen internationalen Standard nicht einmal unter den angelsächsischen Studiensystemen gibt. Er ist und bleibt ein Wunschtraum der Hochschulpolitiker.

Gleichwohl treiben deutsche Politiker fünf Jahre nach Bologna unverdrossen die "flächendeckende" Einführung der gestuften Studiengänge voran und sprechen von der Unumkehrbarkeit eines nötigen Reformprozesses. Keiner bezweifelt, daß deutsche Studenten bisher zu lang studierten, daß in den ersten Semestern zu wenig Grundlagen erarbeitet wurden und die erste Studienphase nicht durch eine klare Zäsur mit Leistungsnachweisen abgeschlossen wurde. Auch die Lehre hätte schon früher einer Überprüfung bedurft. All das sehen auch die Kritiker der Reform, denen zu Unrecht vorgeworfen wird, lediglich auf Althergebrachtem beharren zu wollen. Doch die übereilte Einführung des Bachelor/Master-Studiums ist nichts anderes als der Versuch, inhaltliche Fragen über Strukturreformen zu lösen. Da für grundlegende Überlegungen die Zeit fehlt, ist zu befürchten, daß nur die Schwächen des früheren Systems in das neue System übertragen werden.

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Geht es überhaupt um ernstgemeinte Studienreformen? Der "Bachelor" nach nur sechs Semestern soll denjenigen einen vollwertigen akademischen Abschluß ermöglichen, die sonst vielleicht ihr Studium abbrechen würden. Daß der deutsche Arbeitsmarkt überhaupt nicht die Berufsbilder für diesen - niedrigen - Abschluß aufweist, sondern diese erst erfunden werden müssen, kümmert die Hochschulpolitiker und ihre Regierungschefs nicht. Sie suchen eine Studienverkürzung und damit eine Entlastung der öffentlichen Haushalte. Ob der Bachelor-Absolvent eine Stelle findet, ist seine Sache. In der Statistik der Studienabbrecher wird er nicht mehr auftauchen, allenfalls in der Arbeitslosenstatistik. Von ihrem ursprünglichen Vorhaben, nur einen geringen Prozentsatz der Bachelor-Absolventen zum höherrangigen Master-Studium zuzulassen, haben sich die meisten Universitäten weit entfernt. Einige Fächer richten sich auf Übergangsquoten zum Master-Studiengang von 80 bis 90 Prozent ein.

Nicht alle Bundesländer wollen ausschließlich auf "Bachelor" und "Master" umschwenken, einige sehen gute Gründe, die bewährten Diplomabschlüsse auch über das Jahr 2010 hinaus zu behalten. Häufig wissen Fakultäten davon nichts. Es gibt aber auch Wissenschaftsministerien wie die von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, die ihre Hochschulen durch Gesetze zwingen, auf "Bachelor/Master" umzuschwenken, und die über Zielvereinbarungen und Mittelvergaben Druck ausüben. Viele Professoren haben resigniert und glauben, in vorauseilendem Gehorsam Bachelor- und Master-Abschlüsse anbieten zu müssen, auch wenn sie unter den damit verbundenen Qualitätseinbußen leiden. Die Verschulung des Studiums und die Einführung des Leistungspunktesystems führen in vielen Fächern zur Erbsenzählerei. Zwar ist abfragbares Wissen die Voraussetzung für eigenständige Urteilsfähigkeit und für das Erkennen von Gesamtzusammenhängen, aber niemals das Ziel eines Hochschulstudiums. Billige Bildung entlastet zwar öffentliche Kassen, taugt aber nicht für ein langes Arbeitsleben in verantwortungsvollen Berufen.

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Das haben inzwischen nicht nur geisteswissenschaftliche Fakultäten wie Rechtswissenschaftler, Mediziner und Theologen erkannt, sondern vor allem die technischen Studiengänge wie Ingenieurwesen, Elektrotechnik, Informationstechnik, Maschinenbau, deren deutsche Abschlußdiplome in aller Welt für Qualität bürgen. Wäre es nicht möglich gewesen, Erläuterungen zu den bewährten Diplomen zu vereinbaren, statt neue Abschlüsse zu erfinden, die ihr wichtigstes Ziel, die internationale Anerkennung, ohnehin verfehlen? Für einen echten Wettbewerb der Hochschulen und Studien müßte es möglich sein, verschiedene Abschlüsse beizubehalten. Die deutsche Hochschultradition ist zu kostbar, als sie einer hochschulpolitischen Fiktion wegen zu ruinieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2004, Nr. 140 / Seite 1
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