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Wissenschaftsspionage

Wie weit reicht Pekings Arm?

Von Philip Plickert
 - 11:13
Zeitweilig in Versuchung: die London School of Economics

Gleich zweimal ist die London School of Economics and Political Sciences (LSE) in jüngster Zeit durch heikle Geldangebote aus China in die Schlagzeilen geraten. Jedes Mal gab es Protest irritierter Akademiker, die um die Unabhängigkeit der Forschung fürchteten. Mitte Februar wurde bekannt, dass die Londoner Hochschule in Gesprächen mit dem Huawei-Konzern steht, der ein Sponsoring angeboten hat für ein Studienprojekt zu der Frage, wie er durch Forschung und Entwicklung „die technologische Führerschaft“ beim 5G-Mobilfunk errungen habe.

Es ging zwar nur um eine relativ kleine Summe von 105 000 Pfund, doch es zählt die Symbolik einer solchen Spende. Das LSE-Ethikkomitee gab damals grünes Licht, nun jedoch windet sich die Hochschule. Einen Aufstand gab es an der LSE im Herbst, als herauskam, dass der Schanghaier Investor Eric Li, der als Sprachrohr der autoritären KP-Politik bekannt ist, eine Spende von mehreren Millionen Pfund für ein neues China-Programm in Aussicht gestellt hatte. Der Politikprofessor Chris Hughes, früherer Direktor des Asia Research Center der LSE, nannte das Angebot „eine Beleidigung der Intelligenz“ der Londoner Akademiker. Nach dem öffentlichen Aufschrei hat die LSE ihre Pläne nun anscheinend begraben.

Dabei steht die sozialwissenschaftlich ausgerichtete LSE eigentlich viel weniger in Versuchung, Geld aus China anzunehmen, als die Universitäten mit großen technik- und naturwissenschaftlichen Fakultäten wie Oxford und Cambridge. Gerade in diese forschungsintensiven Universitäten versucht Peking einen Fuß zu bekommen. Das führt zu kritischen Fragen. Die britischen Geheimdienste MI5 und GCHQ sorgen sich wegen möglicher Spionage durch die inzwischen mehreren tausend Gastforscher, die zum Teil Verbindungen zum Militär und zum Verteidigungsministerium der Volksrepublik haben. Besonders heikel ist es bei Forschung in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Supercomputer, Luftfahrt, Mikrowerkstoffen oder anderen Hochtechnologien, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke eingesetzt werden können.

Gewachsene Präsenz

Laut einem Bericht der „Sunday Times“, der sich auf Geheimdienstkreise beruft, sollen in den vergangenen Jahren schon bis zu fünfhundert Wissenschaftler aus China an Forschungseinrichtungen mit Militärbezug im Königreich tätig gewesen sein. Allerdings bleiben viele Vorwürfe vage. Kerry Brown, Professor für China-Studien und Direktor des Lau China Institute am Londoner King’s College, sagt daher: „Es gibt viele abstrakte Behauptungen, aber ich habe noch keine spezifischen Fälle von Spionage gesehen.“

Unzweifelhaft ist die chinesische Präsenz stark gestiegen. Die Zahl der Studenten aus der Volksrepublik an britischen Hochschulen ist auf mehr als 100 000 gewachsen – gut vier Prozent der Gesamtzahl. Sie sind eine bedeutende Finanzierungsquelle der Universitäten. Durch Studiengebühren spülen die Chinesen mehrere Milliarden Pfund im Jahr in die Kassen der Hochschulen auf der Insel. Kein Wunder, dass die Hochschulleitungen sie mit offenen Armen empfangen. Doch es kommt auch zu Spannungen. Einige Male hat die chinesische Botschaft in London versucht, die Ausladung von ihr missliebigen Rednern an britischen Hochschulen zu erreichen. Wie weit reicht also der Arm Pekings auf der Insel?

Ein Bericht des Auswärtigen Ausschusses des Unterhauses sprach von „alarmierenden Belegen“ für den Einfluss der Volksrepublik auf britische Universitäten. Das Australian Strategic Policy Institute kritisierte im November die intensiven Verbindungen von sechzehn westlichen Universitätsforschungseinrichtungen, davon zehn aus Britannien, mit chinesischen Rüstungsfirmen, die zum Teil am Entwicklungsprogramm für Hyperschall-Raketen mitwirken. Vor kurzem mussten sich auch irische Universitäten, allen voran das Trinity College Dublin, kritische Fragen anhören wegen ihrer Kooperation mit Forschern der Tsinghua- und der Southeast-Universität in China in sensiblen Bereichen wie KI und Cybersicherheit.

Verunsicherung in Deutschland

In Deutschland ist die Debatte über mögliche Risiken durch China-Verbindungen bislang verhalten. „Es gab einen Spionage-Fall, der Wissenschaftler wurde dann still und leise nach China zurückgeschickt“, sagt ein renommierter deutscher China-Forscher, der anonym bleiben möchte. Die Sache sei von der Universität nicht gemeldet worden, um einen Reputationsschaden zu vermeiden. Am stärksten gefährdet seien die Technikwissenschaften und die Ingenieursfakultäten. „Viele Techniker sind begeistert über die tollen fleißigen Doktoranden, die sie aus China bekommen. Sie sind aber auch naiv, was den Wissensabfluss angeht.“

Die Pekinger Wissenschaftspolitik schicke gezielt ganze Teams von Nachwuchsforschern nach Deutschland. Das betreffe verschiedene Wissenschaftsbereiche von der technischen Grundlagenforschung über die Physik und Chemie bis zu den Materialwissenschaften und die Künstliche Intelligenz. Ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, der mehrere Jahre in Peking gelehrt hat, spricht von einer „engen Verzahnung des militärisch-industriellen Komplexes mit der Wissenschaft“ in China. Und natürlich seien die Professoren an den chinesischen Eliteunis ganz überwiegend KP-Mitglieder. „In Deutschland sind wir an vielen Stellen naiv“, sagt er. Einige technische Hochschulen unterstünden dem Ministerium der Volksbefreiungsarmee.

Laut dem Jahresbericht der Expertenkommission Forschung und Innovation sind inzwischen fast 43 000 Studierende und knapp 3000 Forscher aus der Volksrepublik nach Deutschland gekommen. Die Kommission mahnt, bei Übernahmen von deutschen Industrieunternehmen durch Chinesen künftig schärfer zu prüfen. Die Leibniz-Gemeinschaft schreibt, es gebe „unter Wissenschaftlern eine – oftmals berechtigte und sich verfestigende – Verunsicherung gegenüber China“. An China führe aber kein Weg vorbei, denn chinesische Forscher erbrächten zum Teil Spitzenleistungen. Ursprünglich hatten Leibniz, Fraunhofer und weitere Wissenschaftsverbände eine schärfere Stellungnahme formuliert, die aber abgeschwächt wurde. Ein Generalverdacht gegen chinesische Wissenschaftler ist nicht angebracht, doch etwas mehr Vorsicht könnte nicht schaden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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