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Sozial engagierte Studenten

Creditpoints für die gute Tat

Von Marilena Piesker und Jessica von Blazekovic
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 11:10
Die Studentin Chiara Gärtner (oben, zweite von rechst) mit ihren Service-Learning-Projektkolleginnen und -kollegen im Online-Meeting
Im sogenannten Service Learning engagieren sich Studenten sozial und erhalten im Austausch Leistungspunkte für ihr Studium. In der Corona-Krise tun sich neue Möglichkeiten auf. Nicht alle finden das gut.

„An meiner Fakultät können sich Studierende nun für soziales Engagement zur Bewältigung von #COVID19 bis zu 6 Credits anrechnen lassen. Das ist kein Aprilscherz und klingt super sinnvoll. Machen das andere Unis auch?“ Mit diesem Tweet löste die Klimaaktivistin Luisa Neubauer unlängst eine Diskussion über Sinn und Unsinn von sozialem Engagement als Studienleistung aus. Während sich viele Nutzer positiv äußerten, gab es auch Kritik: So hieß es mehrfach, dass Hilfe in der Krise eine Selbstverständlichkeit sei, die nicht mit Creditpoints belohnt werden sollte. Andere bemängelten, dass die universitäre Ausbildung mit der leichtfertigen Vergabe solcher Leistungspunkte aufgeweicht würde.

Das Prinzip, Leistungspunkte für die gute Tat zu erhalten, gibt es nicht erst seit Ausbruch des Coronavirus. Unter dem Begriff „Service Learning“, der in den neunziger Jahren aus Amerika herüberschwappte, verfolgen mehr als 40 Hochschulen in Deutschland die Idee, Studierenden durch soziales Engagement Kompetenzen über die Wissenschaft hinaus zu vermitteln.

In der Praxis sieht das so aus: Soziale Initiativen wenden sich mit ihrem Anliegen an die Hochschulen. Die wiederum erarbeiten daraus eine Projektidee und eine Lehrveranstaltung. Die Studierenden lernen dort die Theorie und vertiefen ihr Wissen dann in der Praxis. Alle Projekte sollen einen gesellschaftlichen Mehrwert haben, etwa Nachhilfe für sozial benachteiligte Schüler oder Yoga mit Inhaftierten.

Yoga mit Inhaftierten

Das Angebot steht Studierenden aller Fachrichtungen offen. „Der Erfahrungsaustausch ist dadurch sehr viel größer“, sagt Meike Bredendiek. Sie begleitet das Service-Learning-Programm an der Universität zu Köln. Junge Menschen, die sich in ihrem Studium bis dato vor allem mit Physik, Germanistik oder Betriebswirtschaftslehre auseinandergesetzt haben, überwinden so fachliche und persönliche Grenzen. Gerade wegen dieser persönlichen Komponente stellte der Ausbruch der Corona-Krise Bredendiek und ihr Team vor große Herausforderungen: „Eigentlich ist Service Learning ein Projekt, das von Kontakt und Erlebnissen lebt. Weil das in der aktuellen Situation schwer umsetzbar ist, mussten wir umdenken.“ Das Modul im Sommersemester nicht stattfinden zu lassen, stand aber außer Frage: „Gerade jetzt sollte die Gesellschaft doch engagiert bleiben.“

Gemeinsam mit den beteiligten Dozenten und Einrichtungen lotete Bredendiek aus, welche schon geplanten Projekte sich trotz Corona umsetzen ließen. Seit Ende April finden nun acht Kurse statt – komplett digital. Darunter zum Beispiel ein Filmprojekt mit der Kölner Freiwilligenagentur und Kampagnenarbeit für Menschenrechte in der Modeindustrie. Bei diesem Projekt macht auch die 23 Jahre alte Ethnologie-Studentin Chiara Gärtner mit. Sie ist fast fertig mit ihrem Bachelorstudium und braucht die drei ECTS-Punkte, die es für die Teilnahme an dem Service-Learning-Kurs gibt, eigentlich gar nicht.

„Weil mein Pflichtpraktikum wegen Corona aber verschoben wurde, wollte ich das Semester sinnvoll nutzen und mich für etwas einsetzen, das mir am Herzen liegt.“ Ihre sechs Studienkollegen hat sie bislang nur im Videochat kennengelernt, trotzdem klappe die Zusammenarbeit gut. „Die Veranstaltungen sind super angelaufen und es ist erstaunlich, zu sehen, was digital alles möglich ist“, sagt auch Organisatorin Bredendiek. Am Ende des Semesters präsentieren die Studierenden ihre Projekte normalerweise auf einer feierlichen Veranstaltung. Ob sie dieses Jahr stattfinden kann, ist noch offen. „Es wäre schon schön, die Projektteilnehmer wenigstens einmal persönlich zu treffen“, sagt Gärtner.

Viel Aufwand für wenig Punkte

Seit dem Jahr 2009 sind die Universitäten, die Service Learning anbieten, in dem Netzwerk „Bildung durch Verantwortung“ organisiert. Am Anfang machten nur fünf Hochschulen mit, heute sind es insgesamt 45. Thomas Sporer ist einer der Netzwerkgründer. Er hatte während seines Studiums positive Erfahrungen mit selbstorganisierten Projekten gemacht und wollte auch anderen Studenten diese Chance ermöglichen. „Im Service Learning lernen sie, sich selbst zu organisieren und Verantwortung zu tragen“, sagt der Gründer.

Die Hochschule Neu-Ulm und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt sind Paradebeispiele: Hier engagieren sich im Schnitt 40 Prozent der Studierenden in sozialen Projekten. Das liegt auch daran, dass an den Hochschulen Mitglieder des Netzwerks Service Learning lehren und aktiv bewerben. So auch Sporer. Er sieht den Schlüssel in der Kommunikation: „Universitäten müssen gesellschaftliche Themen ernster nehmen und öffentlich über unseren Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen sprechen.“ An vielen Hochschulen ist das Konzept jedoch noch ein Randthema. An der Kölner Uni etwa engagierten sich im Wintersemester 34 Studierende im Service Learning – von insgesamt rund 50.000 Hörern.

Rückenwind durch Corona

Dass Universitäten Service Learning nicht aktiv fördern, zeigt sich auch in der überschaubaren Belohnung mit Leistungspunkten. Durchschnittlich drei Creditpoints erhalten die Studierenden im Austausch gegen ihr soziales Engagement. Eine Klausur in Betriebswirtschaftslehre bringt dagegen bis zu zwölf Punkte. Der Arbeitsaufwand für die „Service Learner“ ist also verhältnismäßig hoch. „Es mag sein, dass man die drei Creditpoints woanders einfacher bekommt“, sagt Bredendiek. „Auch wenn die Studierenden, die sich am Service Learning beteiligen, eine hohe intrinsische Motivation haben, muss die Universität hier unterstützen.“ Dass die Hochschulen das nicht stärker tun, dürfte auch daran liegen, dass die theoretische Lehrlandschaft die Praxis nicht ausreichend würdigt. Hochschulen legen in der Regel viel Wert auf wissenschaftliche Veröffentlichungen. Und auch das eng getaktete Bachelor-Master-System lässt immer weniger Freiräume zu. Dabei zeigt eine Umfrage unter 116 Studenten, dass der Anteil derer, die ihre Studienziele stärker verfolgten und erreichten, unter den Service-Learning-Studierenden um 10 Prozent höher ist als bei Studenten, die nur klassische Vorlesungen besuchten.

Auch das Lernklima schätzten die Service Learner angenehmer ein. Die Studentin Chiara Gärtner ist nach drei Wochen Service Learning ebenfalls schon von dem Konzept überzeugt: „In dem Kurs trifft man Menschen, mit denen man vorher sonst nie zusammengekommen wäre. Und was spricht dagegen, Wissenschaft mit Praxis zu verbinden?“ Für die Organisatoren steht der positive Effekt sozialer Arbeit auf den Entwicklungsprozess der Studierenden im Vordergrund: Zielstrebigkeit, Eigenverantwortung und Selbstorganisation – in der Arbeitswelt seien es genau diese Kompetenzen, die erwartet würden. Und auch so manches Vorurteil werde überwunden. Das kann der 21 Jahre alte Kölner Psychologie-Student Hendrik Paetsch bestätigen, der im vergangenen Wintersemester ein Service-Learning-Modul absolvierte. Einmal in der Woche gab er sozial benachteiligten Realschülern Nachhilfe in Mathematik. „Ich hatte Respekt vor der Aufgabe“, sagt der Student. „Eine Lehrerin der Schule hat mir von ein paar schwierigen Situationen mit ihren Schülern erzählt. Ich wusste also nicht, was mich erwartet.“ Mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, habe seine Ansichten aber verändert.

Auch wenn viele Projekte im Sommersemester 2020 nicht wie geplant durchgeführt werden können, könnte ausgerechnet die Corona-Krise dem Service Learning nun Rückenwind geben. So hat die Universität Freiburg ihr Angebot auf Studierende ausgeweitet, die sich gegen die Ausbreitung von Covid-19 engagieren. Wer in den vergangenen Wochen schon Hilfe geleistet hat, etwa in Form von Einkaufen für Senioren, kann sich seinen Einsatz anrechnen lassen. Kommende Woche starten zudem neue Kurse mit Corona-Schwerpunkt. An der Uni in Göttingen, die auch Klimaaktivistin Neubauer besucht, können sich Studierende Punkte anrechnen lassen, wenn sie bei Hilfsorganisationen mitarbeiten. Und in Tübingen gibt es sogar ECTS fürs Spargelstechen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sadeler, Jessica
Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
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