Forschungsmittel

Europas Hochschulraum im Schatten von Corona

Von Verena Kremling und Hans-Jochen Schiewer
Aktualisiert am 25.09.2020
 - 14:21
Forschung und Lehre über Landesgrenzen: Einweihung des europäischen Campus Eucor in Straßburg
Wenn die EU es ernst meint, muss sie die Kürzung der Forschungsmittel eindämmen, fordern Verena Kremling und Hans-Jochen Schiewer von der Universität Freiburg.

Den Anstoß zur „European Universities Initiative“ hatte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron mit einer visionären Rede im September 2017 an der Sorbonne gegeben: „Ich schlage die Einrichtung Europäischer Universitäten vor, (...) mit Programmen, die für alle Studierenden Studienaufenthalte im Ausland und die Belegung von Kursen in mindestens zwei Sprachen vorsehen. Europäische Universitäten, die darüber hinaus Orte der Bildungsinnovation und Forschungsexzellenz sein werden. Wir sollten uns zum Ziel setzen, bis 2024 mindestens 20 solcher Universitäten zu schaffen“.

Gesagt, getan. Knapp zwei Jahre später förderte die Europäische Union die ersten 17 Allianzen. Im Juli 2020 kamen 24 weitere Allianzen hinzu – im Schatten der Pandemie fast unbemerkt. Europa macht sich die Universitäten zu eigen, denn nun sind mehr als 280 Hochschulen in allen 27 Mitgliedstaaten verbunden, die vorerst mit über 250 Millionen Euro gefördert werden.

Zeitgleich mit der Auswahl der neuen 24 Allianzen erhielten die 17 „Pioniere“ des Jahres 2019 jeweils zwei Millionen Euro zur Entwicklung eines gemeinsamen Forschungsprogramms. Allerdings werden diese Fördermillionen vorläufig in Pilotprojekte investiert, in denen getestet werden soll, welche Inhalte und Formate sich am besten für die Zusammenarbeit in europäischen Netzwerken eignen, welche Konzepte und Strategien die vielversprechendsten Innovationen hervorbringen. Nach dieser Pilotphase werden die Karten im EU-Wettbewerb neu gemischt, und es ist mit einem strengen Auswahlmechanismus zu rechnen.

Gestaltungsanspruch für den europäischen Hochschulraum

Der Brüsseler Anspruch ist hoch, denn es geht um nichts weniger als die „Universities of the Future“ – was auch immer das heißen mag. Auch wenn mit der Zukunft der Europäischen Universitätsinitiative noch viele Fragezeichen verbunden sind, eines ist gewiss: Mit der Erweiterung der zunächst auf Studium und Lehre begrenzten Förderung durch das „Erasmus+“-Programm um die Dimension Forschung macht die Europäische Kommission Ernst und signalisiert einen klaren Gestaltungsanspruch für den europäischen Hochschulraum. Sie möchte einen strukturell prägenden und dauerhaften Einfluss auf die Weiterentwicklung der europäischen Hochschullandschaft nehmen und dabei nicht nur Exzellenz fördern, sondern auch die Anschlussfähigkeit von Partnern in schwächeren Regionen. „No one must be left behind“, niemand darf zurückgelassen werden, lautete folglich auch einer der Leitgedanken, unter denen die Allianzen eingeladen wurden, gemeinsame Visionen, Ideen und Forschungsprojekte zu entwickeln.

War der Bologna-Prozess der nuller Jahre noch völlig an den europäischen Wissenschaftsinstitutionen vorbeigegangen, unterstützt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Weiterentwicklung der jahrhundertealten akademischen Tradition Europas jetzt aktiv. Durch die Zusammenführung der Zuständigkeiten für Bildung und Kultur (Förderung des Studentenaustauschs durch Erasmus+) sowie für Forschung und Innovation (Horizon 2020) unter der Verantwortung ein und derselben Kommissarin, Marija Gabriel, hat sie ein deutliches Zeichen gesetzt: Universitäten sind tragende Säulen der Europäischen Union und der europäischen Integration.

Ihre Hauptaufgaben Forschung und Lehre gehören zusammen, müssen sich innovativ entwickeln können, sind zukunftsorientiert zu gestalten und sollten im unmittelbaren Austausch mit der Gesellschaft stehen. Entsprechend wird die Vollförderphase der Europäischen Universitätsinitiative Konzepte finanzieren, die dem gesamten „Knowledge Square“ von Forschung, Lehre, Innovation und Interaktion mit der Gesellschaft gerecht werden – so zumindest lautet die Ankündigung.

Friede und Wohlstand auf der Grundlage von Wissenschaft und Bildung

Die Universität Freiburg war von Anfang an dabei und sieht in der gegenwärtigen europäischen Wissenschaftspolitik große Chancen. Unter dem Motto „Shaping European Society in Transition“, die europäische Gesellschaft im Wandel gestalten, werden unserem Konsortium „Epicur“ von 2021 an für drei Jahre zusätzliche zwei Millionen Euro aus dem EU-Forschungsförderprogramm Horizon 2020 zur Verfügung stehen, die zur Entwicklung einer gemeinsamen Forschungsagenda genutzt werden sollen. Hinter diesem Leitmotiv steckt die Überzeugung, dass wir die Einflussfaktoren der atemberaubenden Dynamik, mit der sich unsere Gesellschaft verändert, noch besser verstehen müssen, um tragfähige wissenschaftliche Lösungen für drängende Probleme entwickeln zu können. Und es steckt der optimistische Gestaltungsanspruch dahinter, Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand der Europäischen Union auf der Grundlage von Wissenschaft und Bildung erhalten und fördern zu können.

Die Gutachter unseres Antrags konnten wir vom Vorschlag überzeugen, in der Pilotphase insbesondere Wissenschaftler in frühen Karrierephasen zu fördern, denn unzweifelhaft wird deren europäische Prägung die Zukunft unseres Kontinents bestimmen. Im Rahmen von Epicur werden sie Forschungsgruppen bilden, die zu den großen Herausforderungen unserer Zeit arbeiten sollen, wobei wir mit den übergeordneten Themenbereichen „Nachhaltigkeit“ (mit den Schwerpunkten Energie und Neue Materialien), „Mobilität, Migration, Identität“ und „Öffentliches Gesundheitswesen“ zunächst einmal drei Schwerpunkte (Epichallenges) vorgeben.

Die Fördermittel werden es uns erlauben, Anreize für die Bildung gemeinsamer Initiativen zu schaffen, in denen sich Wissenschaftler aus mindestens drei Ländern unseres Konsortiums zu „Epiclustern“ zusammenschließen, die auch Akteure außerhalb der Wissenschaft, also Unternehmen, Behörden, Verbände, Nichtregierungsorganisationen oder Stadtverwaltungen, einbeziehen, um ein Forschungsdesign zu entwickeln, das deren Interessen, Perspektiven und Expertisen integriert. Es ist geplant, Epiclustern den Zugang zu Forschungsinfrastrukturen zu erleichtern und ein Konzept zu entwickeln, wie die Großgeräte und Forschungsanlagen der einzelnen Partneruniversitäten effektiv und effizient geteilt und gemeinsam genutzt werden können.

Diplomatisches Geschick für einen gemeinsamen Antrag

Vor drei Jahren begann unsere Reise auf dem Weg zu einem Europa der Zukunft. Die Universitäten dürfen sie aktiv mitgestalten. Doch einen gemeinsamen Antrag zu erarbeiten erfordert diplomatisches Geschick. Unterschiedliche Interessen mussten sachlich besprochen und fair ausgeglichen werden. Tatsächlich ließen sich mit gutem Willen spezifische Stärken und interessante Komplementaritäten bei allen Partnern gewinnbringend herausarbeiten. Der Mehrwert unserer nicht nur intereuropäischen, sondern somit natürlich auch interkulturellen Zusammenarbeit wurde schon in der Antragsphase deutlich spürbar: Akribischer Detailverliebtheit wurde mit mutiger Großzügigkeit bei der Zeitplanung begegnet. Eine hitzige Auseinandersetzung um die Finanzplanung ließ sich mit der Devise „cool is the rule“ wieder beruhigen.

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Durch solche Situationen wird der Lerneffekt für Europa besonders deutlich: Was reisende Studenten und Forscher durch ihre Jugend oder durch die Konzentration auf ihr Erkenntnisinteresse schon besser können, das Akzeptieren der Andersartigkeit, die Neugierde auf den Unterschied, das Verstehen, dass eine andere Mentalität nicht als lästig oder lächerlich abgetan werden sollte, sondern als Chance einer anderen Perspektive zu begreifen ist, dass Diversität Reichtum bedeutet, Kreativität beflügelt und zu unerwarteten Lösungen führen kann, diese für ein funktionierendes Europa so wesentlichen Einsichten verbreiten sich dank der Europäischen Universitätsinitiative jetzt auch in unseren akademischen Verwaltungen und Institutionen – vom Hausmeister bis zur Professorin.

So blicken wir erwartungsvoll auf die kommenden Jahre, in denen wir mit neuen wissenschaftlichen Formaten experimentieren dürfen, und wir hoffen darauf, gemeinsam viele Grenzen zu überwinden. Ob zur Ausgestaltung der geplanten Vollförderphase nach der erschreckenden Kürzung des EU-Forschungsbudgets und nach der Corona-Krise für die „Universities of the Future“ noch ausreichende Mittel zur Verfügung stehen werden, bleibt abzuwarten. Ohne die Perspektive einer substantiellen Förderung wird diese großartige Idee aber im Sande verlaufen.

Verena Kremling leitet die Strategieabteilung der Universität Freiburg. Hans-Jochen Schiewer ist germanistischer Mediävist und Rektor der Universität Freiburg.

Epicur

Epicur – European Partnership for Innovative Campus Unifying Regions – gehören die Adam Mickiewicz University Poznan (Polen), die Universität von Amsterdam (Niederlande), die Aristoteles- Universität Thessaloniki (Griechenland), die Universität Freiburg (Deutschland), die Universität Haute-Alsace (Frankreich), das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität für Bodenkultur Wien (Österreich) und die Universität Strasbourg, Frankreich (Leitung des Konsortiums), an. In seiner durch das EU-Programm Erasmus+ mit fünf Millionen Euro geförderten Pilotphase (bis 2022) konzentriert sich der Verbund auf die Entwicklung von innovativen Lehrformaten, die vom Ansatz der Liberal Arts and Sciences Education (LAS) inspiriert sind. Weitere Ziele und Handlungsfelder sind die Förderung der Mehrsprachigkeit, die digitale Transformation der Lehre und die Erleichterung der Mobilität von Studenten und Hochschullehrern.
Quelle: F.A.Z.
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