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DAAD-Präsident Mukherjee

„Wir waren auch mal ein schwieriges Land“

Von Martin Benninghoff, Nadine Bös und Jessica von Blazekovic
 - 12:45
Ein Student in Hongkong, der vor einem Polizisten wegläuft. zur Bildergalerie

Der Brexit ist vollzogen. Was bedeutet das für den Erasmus-Austausch mit Großbritannien?

Vorerst bleibt bis Ende des Jahres alles wie bisher. Wer über den Jahreswechsel 2020-2021 nach Großbritannien geht, muss sich gebenenfalls um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen. Das Erasmus-Programm läuft aber von 2020 bis 2022 wie geplant weiter. Darüber hinaus ist es schwierig, Prognosen zu treffen. Unser Wunsch ist natürlich, dass wir eine Anschlusslösung finden wie sie auch im Binnenverhältnis mit der Schweiz existiert. Was wir nicht anstreben, sind bilaterale Sonderkonstruktionen zwischen einzelnen Ländern und Großbritannien.

Das ist Ihr Wunsch. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass er sich erfüllt?

Wir müssen realistisch sein und davon ausgehen, dass es in den Verhandlungen der nächsten Monate vermutlich andere Prioritäten gibt. Dann wird vielleicht doch eine Situation eintreten, in der einzelne Hochschulen ihre eigenen realitätstauglichen Lösungen entwickeln müssen.

In einem Interview mit Ihnen fiel unlängst der Begriff „virtuelles Erasmus“. Könnte so der Wegfall eines Ziellandes kompensiert werden?

„Virtuelles Erasmus“ ist kein Thema, das mit dem Brexit zu tun hat. Der Grundgedanke kommt aus einer anderen Richtung: Wie können digitale Technologien in Zukunft noch stärker genutzt werden, um manch physische Mobilität vielleicht gar nicht zwingend nötig zu machen.

Stichwort Klimawandel?

Ja! Mit Blick auf den Klimawandel kann es eigentlich nicht sein, dass Jahr für Jahr immer mehr Förderprogramme dazukommen, immer mehr Studierende und Wissenschaftler physisch mobil werden. Ist es wirklich so abwegig, anzunehmen, dass internationale und kulturelle Erfahrungen irgendwann teilweise oder sogar vollständig im virtuellen Raum erworben werden? Wir müssen uns auch von der Idee verabschieden, dass nur ein Auslandssemester von sechs Monaten sinnvoll ist. Es gibt Studierende, die sich das nicht leisten können oder aus familiären und persönlichen Gründen nicht so lange ins Ausland gehen können. Da müssen wir andere Wege gehen. Einer ist die Nutzung digitaler Technologien. Ein anderer ist es, darüber nachzudenken, wie man den internationalen Campus an deutschen Hochschulen stärker als bisher dafür nutzen kann.

„Meine Hautfarbe ist ziemlich unterrepräsentiert“

Wie international und divers sind denn die deutschen Campi überhaupt? In vielen Bereichen dominieren mittelalte, deutsche, weiße Männer das Bild.

Mit Blick auf die Universitäts- und Fachhochschulpräsidenten trifft das zu, das sehe ich ja bei der Hochschulrektorenkonferenz zwei Mal im Jahr. Meine Hautfarbe ist dort ziemlich unterrepräsentiert, um es vorsichtig auszudrücken. Und der Frauenanteil ist deutlich geringer als unter dem Universitätspersonal oder bei den Professuren. Die Wissenschaft darf der Gesellschaft nicht vorpredigen, wie wichtig Diversität ist und in den eigenen Reihen selbst hinterherhinken.

Machen Sie sich Sorgen, dass mit dem Erstarken der AfD eines Tages ein anderer Wind wehen könnte, was die Finanzierung des DAAD anbelangt und seine politische Unterstützung?

Das hängt zuvörderst von der Entwicklung der AfD ab, und wie sie die internationale Zusammenarbeit und ihren Wert für Deutschland in Zukunft einschätzt. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, anzunehmen, dass wir als DAAD für den Austausch eintreten, weil wir altruistisch etwas Gutes tun wollen. Das ist in unserem ureigenen Interesse. Wir werden nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir uns immer wieder mit den besten Leuten auf der Welt austauschen. Von daher sehe ich das im politischen Spektrum auch nicht von irgendeiner Seite angreifbar.

Wäre es nicht denkbar, dass eine Partei wie die AfD, die für eine geschlossene Gesellschaft wirbt, Ihnen die Mittel kürzt?

Das ist denkbar. Ein wichtiger Punkt ist: Der DAAD ist keine nachgeordnete Behörde oder politisch verankerte Institution. Wir sind ein eigenständiger Verein und unsere Mitglieder sind nicht die Ministerien, sondern die Hochschulen und ihre Studierendenschaften. Daraus ergibt sich unsere Strategie, unsere Agenda, unsere Mission. Natürlich bekommen wir Geld von politisch denkenden Quellen, aus unterschiedlichen Ministerien, von der EU und auch von ausländischen Regierungen für Stipendien. Was eine politisch veränderte Landschaft – egal wie sie dann aussieht – für unser Handeln bedeuten würde, müssen wir dann sehen.

Anfang der 90er Jahre war von einem Siegeszug der Demokratie die Rede. Das hat sich nicht ganz erfüllt. Beispiel Iran: Dort wurden vor ein paar Jahren noch Wissenschaftler mit internationalen Erfahrungen implementiert. Nun stehen die Zeichen wieder auf Konfrontation.

Wir können uns in der Außenwissenschaftspolitik nicht loskoppeln von der Außenpolitik. Wir sehen jetzt deutlich schwierigere Zeiten in Iran, was wir in unserer Arbeit nicht ignorieren können. Mit Blick auf einen möglichen militärischen Konflikt stellt sich für uns als Förderorganisation mit Stipendiaten vor Ort die Frage: Bis zu welchem Punkt können wir das verantworten? Wann müssen wir die Stipendiaten wieder einsammeln? Das gilt aber für andere Länder auch. Und natürlich stellt sich die Frage: Wenn Sanktionsregime reinstalliert werden, sind dann bestimmte Kooperationen zwischen Fächern und Hochschulen überhaupt noch vertretbar? Auf der anderen Seite steht unser Slogan: Wandel durch Austausch. Gerade jetzt, wo im Iran eine Auseinandersetzung zwischen den reformorientierten und den konservativen Kräften stattfindet, muss es in unserem Interesse liegen, die Reformkräfte durch Austausch mit uns zu unterstützen. Diese Dinge gilt es abzuwägen.

Auch in Libyen ist die Lage schwierig. Wie baut man einen Austausch auf mit einem Staat ohne stabile Regierung?

In Libyen geht es erst einmal um Vorbereitungsarbeiten, so wie seinerzeit bei „Leadership for Syria“, das wir 2015/2016 aufgelegt haben. Das ist ein Programm, in dem wir die zukünftige Führungsgeneration mit Stipendien ausstatten, sie ausbilden, um für „the day after“ nach einem Konfliktende vorbereitet zu sein. In Libyen sind wir jetzt ebenfalls in einer noch sehr frühen Phase. Da ist auch noch gar nicht absehbar, wann man wieder über Austauschprogramme oder Hochschulpartnerschaften reden kann. Trotzdem bereiten wir uns darauf vor, dass dieser Tag einmal kommt.

Kann es passieren, dass unter den DAAD-Stipendiaten auch mal jemand ist, der ein Sicherheitsrisiko für Deutschland darstellt – ein Islamist etwa?

Die Visavergabe ist eine hoheitliche Aufgabe. Der DAAD steht natürlich ein für die Auswahl nach besten wissenschaftlichen Kriterien mit unseren Hunderten Gutachtern. Aber die sicherheitspolitische Überprüfung von Visumsantragstellern kann nicht Aufgabe des DAAD sein; die obliegt dem Auswärtigen Amt.

Lassen Sie uns in einen anderen Teil der Welt blicken – auf den Komplex China-Hongkong. Da waren ja die Studierenden großer Teil der Bewegung. Welche Position nehmen Sie denn dazu ein? Wie funktioniert jetzt der Austausch mit dieser Dreiecksbeziehung China-Deutschland-Hongkong?

Trotz der bekannten Formel „Ein Land – zwei Systeme“, ist Hongkong völkerrechtlich Teil der Volksrepublik China. Insofern weiß ich gar nicht, ob es außenwissenschaftspolitisch überhaupt eine Dreiecksbeziehung gibt. Es gibt eine Beziehung zwischen uns und der Volksrepublik China; und in China die Sonderverwaltungszone Hongkong, die sicherlich eine ganz andere Tradition hat im Hinblick auf ihre Hochschulen, und dies interessiert uns jetzt natürlich vor allen Dingen. Dass Studierende sich politisch aktiv zeigen ist etwas, das wir grundsätzlich als DAAD begrüßen. Studentische Partizipation ist für den DAAD ausgesprochen wichtig.

Gab es Druck von der chinesischen Regierung auf Ihre Büros vor Ort?

Nein. Wir stehen mit den Stipendiaten und Wissenschaftlern in Hongkong in Verbindung, weil wir immer wieder aktuelle Hinweise auch auf unsere Einschätzung der Sicherheitslage geben. Wir beobachten das sehr intensiv, weil wir ja auch eine Fürsorgepflicht haben.

Herausforderung Coronavirus

Was Sie jetzt auch im Blick haben müssen ist das Coronavirus. Noch etwas, wovor Sie Ihre Stipendiaten schützen müssen. Wie gehen Sie da aktuell vor?

Wir orientieren uns natürlich an den Sicherheits- und Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes. Ganz konkret haben wir Ende Januar unseren Stipendiaten die Ausreise aus China freigestellt und sie Anfang Februar zur Ausreise aufgefordert. Für DAAD-Beschäftigte und Geförderte aus Deutschland haben wir eine Verschiebung der Ausreise festgelegt, bis sich die Situation verbessert. Ein solches Vorgehen empfehlen wir auch unseren Mitgliedshochschulen.

Sind Sie eigentlich damit zufrieden, dass nur rund 8.000 Deutsche in China studieren?

Man kann es auch umgekehrt aufmachen: Wir haben 2,9 Millionen Studierende in Deutschland und nur 37.000 Chinesen darunter. Das ist ein Witz angesichts der Größe des Landes. Nein, das kann uns nicht zufriedenstellen. Wir brauchen mehr China-Kompetenz, mehr Sprachkompetenz, aber eigentlich umfassender: mehr chinesische Kulturkompetenz bei unseren Studierenden.

Gilt das auch für Indien?

Platz zwei der Studierenden bei uns ist nun seit zwei, drei Jahren Indien. Rund 17.000 Inder studieren in Deutschland…

Das ist aber auch wenig, angesichts des Bevölkerungsreichtums des Landes.

Stimmt. Andererseits wächst der Anteil schnell. Als ich 2015 mit der Delegation der Bundeskanzlerin in Indien war, gingen gerade einmal 6.000 Inder nach Deutschland zum Studieren. Innerhalb weniger Jahre sehen wir eine Verdreifachung. Aber trotzdem: Wenn man sich die Größe Indiens anschaut, dann ist auch diese Zahl – ähnlich wie bei China – überhaupt nicht angemessen.

Und wie attraktiv ist Trumps Amerika noch für deutsche Studierende?

Wir gehen fälschlicherweise davon aus, dass ein Regierungswechsel in Amerika sich sofort und auf breiter Ebene auf die Alltagsrealität der Hochschulen auswirkt. Bei uns ist das anders, da kommt mit einer neuen Regierung oft ein neues Hochschulgesetz und vieles wird von links nach rechts oder andersherum gedreht. Das ist in Amerika nicht so. Die Hochschulen sind sehr weit von der Zentralregierung weg, es gibt eine starke, gelebte Autonomie. Das ist auch gut in dieser Phase. Und: Es gibt ein großes, erstarkendes Interesse an Kanada. In der Substanz hat die Spitzenforschung aber wenig Berührungspunkte mit der Trump-Regierung. Ein echtes Problem ist natürlich, wenn Trump die Migrationsgesetze verschärft, wenn plötzlich ganze Länder auf eine schwarze Liste genommen werden und selbst Spitzenforscher nicht mehr einreisen können.

Kürzlich hat die Bundeskanzlerin den türkischen Präsidenten Erdogan an die Wissenschaftsfreiheit erinnert. Die Türkei ging auch an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul gegen unliebsame Dekane vor. Kann man das tolerieren?

Die Türkei ist sicherlich kein einfaches Partnerland. Wir haben auch mit Wissenschaftlern zu tun, die – man kann es gar nicht anders sagen – aus der Türkei fliehen. Trotzdem ist die Türkei für uns ein wichtiges Land, nicht nur wegen der kulturellen Verflechtungen mit den vielen Türkeistämmigen in Deutschland. Es ist ein großes Land, ein wichtiges Erasmus-Land. Die Türkei ist nicht einfach, aber gerade deshalb ist es umso wichtiger, den Austausch zu intensivieren. Die Türkei wird auch wieder eine andere Entwicklungsphase haben – und wir sollten nie den Fehler begehen, nur kurzfristig zu denken. Ich will nur daran erinnern, dass in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus auch viele deutsche Wissenschaftler Zuflucht in der Türkei gefunden haben. Das ist gerade einmal 80 Jahre her. Wir sollten nicht auf dem hohen Ross sitzen.

Sitzen wir deutschen generell auf einem zu hohen Ross?

Wir Deutschen tun gut daran, daran zu denken, dass wir auch einmal ein schwieriges Land waren. Und „schwierig“ ist ja massiv untertrieben.

Quelle: F.A.Z.
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Martin Benninghoff
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET
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