Jacobs University

Neustart für Bremens ungeliebte Elitehochschule

Von Wolfgang Krischke
03.12.2020
, 08:53
Die Jacobs University steht nach dem Rückzug des Sponsors vor dem Aus. Nun soll die Hochschule mit Geldern von SAP und einem chinesischen Konzern zum KI-Zentrum umgebaut werden.

„Solche Hochschulen brauchen wir in Deutschland!“ Als die private Jacobs University Bremen (JUB) – damals noch unter dem Namen „International University“ – im September 2001 ihre Tore öffnete, hielt Altbundeskanzler Helmut Schmidt die Festrede. Den neuen Campus, gelegen auf einem ehemaligen Kasernengelände, sah er als leuchtenden Kontrast zu den staatlichen Massenuniversitäten und als längst überfälliges Bekenntnis zu einer „Elite der Leistung“. Auch andere Politiker schwärmten von einem künftigen „Harvard an der Weser“, von dem sie sich Impulse für die Reform des deutschen Hochschulsystems erhofften. Nun, knapp zwanzig Jahre nach ihrer Eröffnung, steht die Privatuniversität in ihrer jetzigen Form vor dem Aus, denn die privaten und staatlichen Geldgeber haben sich aus der Finanzierung zurückgezogen.

Auf dem JUB-Gelände, so gab der rot-grün-rote Senat der Hansestadt bekannt, ist nun die Errichtung eines „international anerkannten Campus für fortgeschrittene Studien im Bereich der Künstlichen Intelligenz“ geplant. Als Betreiber des angestrebten „Hanse AI Campus“ steht ein Konsortium bereit. Zu ihm gehören das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), das eine Zweigstelle in Bremen unterhält, das deutsche Software-Unternehmen SAP und der chinesische Konzern Neusoft, ein weltweit operierendes Softwareunternehmen mit zwanzigtausend Beschäftigten, das auch Niederlassungen in Deutschland hat. Neusoft, dessen erste Namenssilbe die Abkürzung der „North Eastern University“ in der nordchinesischen Stadt Shenyang ist, kooperiert mit SAP und betreibt selbst private Hochschulen.

Auf dem geplanten Campus in Bremen, der auch bei der Opposition große Zustimmung findet, sollen dreitausend Studienplätze entstehen. Details zu Forschungsgebieten und Lehrinhalten wurden noch nicht bekanntgegeben. In Kürze wollen die sozialdemokratische Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling und die drei Konsortiumspartner eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnen. Obwohl die Wissenschaftssenatorin dem Verwaltungsrat der Jacobs University vorsteht, erfuhren deren Angehörige einschließlich ihrer Leitung erst aus den Medien von den aktuellen Entwicklungen, ein Vorgang den JUB-Präsident Antonio Loprieno gegenüber dieser Zeitung als „erstaunlich“ bezeichnete. Das findet offenbar auch der Fakultätsrat der Jacobs University, der dem Senat in einem offenen Brief vorwirft, bei der Entscheidungsfindung übergangen worden zu sein.

Elitenskeptische Stadtpolitik

Die JUB, deren Unterrichtssprache Englisch ist, bietet fünfzehn Bachelor- und fünf Masterstudiengänge an. Die Studiengebühren betragen je nach Studienprogramm zwischen 10 000 und 28 000 Euro pro akademischem Jahr. Stipendien und Darlehen sollen sicherstellen, dass alle Bewerber, die die Zulassungskriterien erfüllen, ihr Studium aufnehmen können. Eingeschrieben sind zurzeit etwa 1600 Studenten aus mehr als hundert Nationen, womit die JUB die wohl internationalste Hochschule in Deutschland ist. Die Studenten haben die Zusicherung, dass sie ihre Ausbildung abschließen können.

Die JUB hat in Hochschulrankings wiederholt sehr gut abgeschnitten und sich mit ihrer Forschung und Lehre internationale Anerkennung erworben. Wirtschaftlich lief es hingegen nicht rund. Das Land Bremen hatte eine Anschubfinanzierung von 230 Millionen D-Mark gewährt. In der Folge sollte die Universität aus Spenden einen Kapitalstock aufbauen, um sich mit dessen Erträgen sowie mit Studiengebühren und Forschungsgeldern selbst zu tragen. Dieses ambitionierte Ziel hat die JUB nie erreicht. Dauerhaft angewiesen auf Zuschüsse, blieb ihre ökonomische Existenz immer prekär.

Rund zweihundert Millionen Euro hat das hochverschuldete Bremen in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Betrieb der Privathochschule beigesteuert. Doch 2019 erklärte der Senat, keine weiteren Zuschüsse mehr zu leisten. Im Bremer Rathaus hatte die Stimmung schon seit längerem dazu tendiert, der JUB den Geldhahn zuzudrehen. Diese Haltung verfestigte sich, als im vergangenen Jahr die Linke in eine Regierungskoalition mit der SPD und den Grünen eintrat. Ihren Politikern ist die „elitäre“ Privatuni seit langem ein Dorn im Auge. An der Weigerung, weiterhin öffentliche Gelder zur Verfügung zu stellen, scheiterte auch die Idee des JUB-Präsidenten, seine Hochschule mit der Universität Bremen durch eine öffentlich-private Partnerschaft zu verzahnen.

Vorbehalte gegenüber chinesischer Beteiligung

Die Krise der JUB wurde existenzbedrohend, als in diesem Sommer auch die Schweizer Jacobs Foundation bekanntgab, dass sie sich aus der Förderung zurückziehen wird. Die Stiftung, verbunden mit der Bremer Kaffeeröster-Dynastie Jacobs, war seit 2007 Mehrheitsgesellschafterin der die JUB tragenden gemeinnützigen GmbH. Sie hatte die Universität, die seitdem den Namen Jacobs trägt, eigentlich bis 2027 finanziell unterstützen wollen. Doch dem Vernehmen nach haben sich mittlerweile die Bindungen der Stiftung zu Bremen gelockert und ihre Ziele verändert. Die noch ausstehenden 63 Millionen Euro der zugesagten Fördermittel wird die Stiftung vorzeitig auszahlen, womit eine drohende Insolvenz erst einmal abgewendet ist. Insgesamt hat die Jacobs Foundation die Privathochschule dann mit rund dreihundert Millionen Euro unterstützt.

In den vergangenen Monaten hat die Bremer Wissenschaftsbehörde nach einem zukunftsfähigen Modell für den Campus gesucht. Mit der Leitung der JUB gab es in dieser Zeit zwar Gespräche, aber auf einen gemeinsamen Nenner kam man nicht. Die mittlerweile gefundene Zwischenlösung sieht so aus, dass Bremen die Anteile der Jacobs-Stiftung für sechs Monate übernehmen wird. Dann sollen sie einem Betreiber übergeben werden, der garantiert, dass der Campus als wissenschaftliche Hochschule weitergeführt wird – in welcher Form auch immer. Der bislang wahrscheinlichste Kandidat dafür ist das KI-Konsortium.

Fragen wirft allerdings die Beteiligung des chinesischen Neusoft-Konzerns im sensiblen Feld der KI-Forschung auf. Der Regierung in Peking, die starken Einfluss auf die Wirtschaft ihres Landes ausübt, wird Zensur und einseitiger Wissenstransfer bei Schlüsseltechnologien vorgeworfen. Auf die Frage dieser Zeitung, wie der Bremer Senat vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit mit Neusoft beurteilt, antwortete ein Sprecher der Wissenschaftsbehörde mit dem Hinweis, der chinesische Konzern sei „besonders daran interessiert, sich sowohl in der geographischen Region Europa als auch im thematischen Bereich der KI zu engagieren. Insofern sollten wir uns freuen, dass wir mit so einem Partner in Gesprächen bezüglich der Neuausrichtung der Jacobs University Bremen stehen.“

Im Ausland beliebt, in der Stadt ein Fremdkörper

Ob das geplante KI-Zentrum völlig neu aufgezogen oder mit den bestehenden universitären Strukturen verknüpft werden soll, ist bislang offen. Die 250 Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter der JUB blicken jedenfalls in eine unsichere berufliche Zukunft. Da die Hochschule stark natur- und technikwissenschaftlich orientiert ist, hofft man dort, dass zumindest ein Teil des wissenschaftlichen Personals vom künftigen „Hanse AI Campus“ übernommen wird. Diese Chance dürfte allerdings nur dann bestehen, wenn die Künstliche Intelligenz dort als Grundlagenwissenschaft und nicht nur als angewandte Industrieforschung betrieben wird.

Abgesehen von der persönlichen Betroffenheit, sehen viele JUB-Dozenten in ihrer Universität auch einen bildungspolitischen Leuchtturm, dessen Existenz nun bedroht ist. Für Sven Voelpel, seit 2004 Betriebswirtschafts-Professor an der Jacobs University, ist die Privathochschule ein „Juwel“ an Interdisziplinarität und Interkulturalität: „Was hier an Qualität geschaffen wurde, ist angesichts der begrenzten Ressourcen enorm. Sollte dieses Projekt scheitern, wäre das für Deutschland ein bildungspolitischer und für Bremen außerdem ein wirtschaftlicher Verlust.“

Auch JUB-Präsident Antonio Loprieno bedauert, dass die Hochschule, die im Ausland großes Ansehen genieße, in ihrer Heimatstadt auf ihre finanziellen Probleme reduziert werde. „Dabei bringt sie der Stadt auch rein volkswirtschaftlich gesehen mehr ein, als sie kostet“, so Loprieno. Diese Rechnung hatten in den vergangenen Jahren auch sozialdemokratische Politiker in Bremen gegenüber den Kritikern staatlicher Zuschüsse aufgemacht. Für die aktuelle Entscheidungsfindung des Senats spielen solche Argumente aber keine Rolle mehr.

Im Scheitern der JUB spiegelt sich das gestörte Verhältnis der Stadt zu ihrer Privathochschule. Gegründet wurde sie mit der Unterstützung einer großen Koalition im Bremer Rathaus unter Führung des populären sozialdemokratischen Bürgermeisters Henning Scherf. Er schaffte es zwar, das Projekt gegen Widerstände in seiner eigenen Partei durchzusetzen, aber die Vorbehalte blieben bestehen. Das gilt nicht nur für die Politik. Auch der Bremer Stadtgesellschaft, abgesehen von einem kleinen Teil des Bürgertums, ist die Jacobs University Bremen bis heute fremd geblieben.

Quelle: F.A.Z.
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