Wissenschafts-Elite

„Einheitssoße“ in der Wissenschaft

Von Nadine Bös
24.02.2021
, 14:43
In der Professorenschaft und den Top-Etagen der Unis gibt es hierzulande auffällig wenige Frauen. Aber eine Gegenbewegung formiert sich.

Die deutsche Spitzenforschung ist in einem Bereich nicht so spitze: in Sachen Vielfalt des forschenden Personals. Das belegen Zahlen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK), Daten der Bundesregierung, Auswertungen der Technischen Universität München und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Wie schwer sich Unis und Forschungseinrichtungen mit Diversität tun, zeigt etwa ein Blick auf Frauen in der Führung: Nach GWK-Angaben waren 2018 (das sind die aktuellsten Zahlen) weniger als ein Viertel der Professoren in Deutschland weiblich. Besonders männlich geprägt sind die Ingenieurwissenschaften mit einem Professorinnenanteil von gerade mal 12,9 Prozent. Isabell Welpe, BWL-Professorin an der TU München, hat zudem einen Blick auf die Top-Managementpositionen in Unis geworfen: Hier sind nur etwas mehr als ein Fünftel der Posten mit Frauen besetzt, in außeruniversitären Forschungseinrichtungen 18,6 Prozent. Sie beruft sich dabei auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Statistikportals Statista.

Auch die GWK bilanziert: Auf der obersten Etage (Institutsleitungen und Direktorien) schnitt insbesondere die Fraunhofer Gesellschaft mit nur 5,6 Prozent Frauen denkbar schlecht ab. In den anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen bewegt sich der Anteil an Frauen auf der ersten Führungsebene zwischen 16 und 23 Prozent. „Zwar ist der Frauenanteil in den vergangenen zehn Jahren gewachsen, doch das Ausgangsniveau ist niedrig, und bis zur Parität wird es noch Jahrzehnte dauern, wenn das Wachstum im selben Tempo weitergeht“, analysiert Welpe.

„Erbärmliche Ausgründungsquote“

Als „sehr homogene Einheitssoße“ bezeichnet auch der FDP-Abgeordnete und Diversity-Fachmann Thomas Sattelberger die Führungsetagen und Teams in der deutschen Wissenschaft. „Diese mangelnde Diversität der deutschen Forschungslandschaft führt zu drastischen Konsequenzen, insbesondere in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wo die Vielfalt noch geringer ist als in den Universitäten“, sagte er der F.A.Z. Dies führe zu „schwächerem Talentmagnetismus, niedrigerer Innovationskraft und einer erbärmlichen Ausgründungsquote“. Auch Forscherin Welpe beschäftigt sich seit langem mit dem Zusammenhang von Vielfalt und Fortschritt. „Diversität ist kein Selbstzweck“, sagt sie. „Sie korreliert mit Innovation. Forschung braucht Originalität, sie lebt vom abweichenden Blickwinkel. Den gibt es aber weniger, wenn immer nur der Mainstream eingestellt und befördert wird.“

Es geht nicht nur um Frauenquoten. Auch die Beschäftigtenquoten von Menschen mit Behinderungen, etwa in den außeruniversitären Instituten, sind gering und lagen 2018 der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP aus dem vergangenen Jahr zufolge zwischen 3,45 Prozent (Max Planck) und 2,8 Prozent (Fraunhofer). Unter den Studierenden sind Menschen mit Behinderung dagegen mit 11 Prozent vertreten, glaubt man der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016. Und auch der Anteil des internationalen Wissenschaftspersonals ist – abgesehen von der Max Planck Gesellschaft, wo die Belegschaft sehr international ist – eher mau: Helmholtz und Leibnitz liegen bei 26 und 22 Prozent; Fraunhofer bildet mit 10 Prozent das Schlusslicht, wie es im Bericht „Wissenschaft weltoffen“ des DAAD heißt (mit Zahlen von 2018).

Braucht es eine neue Studie?

Um überhaupt einen Überblick über die Situation an den Hochschulen zu bekommen, hat Sattelberger gemeinsam mit der FDP-Fraktion Ende vergangenen Jahres einen Antrag gestellt. Er möchte, dass die Bundesregierung eine umfangreiche quantitative und qualitative Diversity-Studie nachahmt, die um die Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat; konkret: am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Analyse dort konzentrierte sich damals auf die naturwissenschaftlichen Fakultäten. Im Unterschied zu bisherigen Studien wurden nicht nur Frauenanteile erfasst, sondern mit Hilfe von Interviews Gründe für die Unterrepräsentation näher erforscht. Zu den Ergebnissen gehörte etwa, dass sich besonders ältere weibliche Fakultätsmitglieder häufig isoliert und ins Abseits gedrängt fühlten. Defizite offenbarten sich unter anderem auch in der Führungskultur. Infolge der Erkenntnisse konnte der Frauenanteil am MIT deutlich erhöht werden; die Studie wirkte aber auch über das MIT hinaus und erlangte internationale Bekanntheit.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) könne als idealer Ort für eine Pilotstudie zur Vielfalt in der deutschen Wissenschaft nach Vorbild des MIT dienen, argumentiert Diversity-Fachmann Sattelberger. Dafür würde etwa die technische Ausrichtung sprechen und die Tatsache, dass das KIT einen eher geringen Frauenanteil in der Professorenschaft hat; in einem Ranking der WBS-Gruppe landet es auf dem vorletzten Platz der 50 größten deutschen Universitäten und Hochschulen. Wichtig sei vor allem, dass nicht nur prozentuale Auswertungen gemacht, sondern auch Gründe erforscht werden. Insbesondere geht es dabei um die Höhe der Vergütungen von Professorinnen, Amtsausstattungen, Ressourcen, Auszeichnungen, Transparenz im Umgang mit Angeboten und den sogenannten Unconscious Bias, also unbewussten Vorurteilen.

Am KIT selbst stößt die Idee auf offene Ohren. Der Präsident der Hochschule, Holger Hanselka, bezeichnete sie gegenüber der F.A.Z. als „relevant“ und „spannend“. „Daher ist bei uns auf Leitungsebene in der intensiven Diskussion und im Entscheidungsprozess, weitere Analysen wie auch extern begleitete Studien am KIT vorzunehmen.“ Parallel bewegt sich dort allerdings schon längst etwas: Seit 2018 gibt es eine übergeordnete Evaluation der Chancengleichheitspolitik durch eine externe Agentur. Zudem haben sich jüngst neun Professorinnen zusammengetan, um das „Women Professors Forum“ zu gründen, das mittlerweile schon rund 80 Mitglieder hat. Mit regelmäßigen Treffen und Veranstaltungen sollen neue Netzwerke gegründet, Informationen ausgetauscht und der oft mangelnden Sichtbarkeit von Frauen im Wissenschaftsbetrieb entgegengewirkt werden. Insgesamt soll auch eine bessere Transparenz in der Mittelverteilung und bei Leistungsbezügen und Ausstattungen erreicht werden, so schreiben es die KIT-Professorinnen in einem Arbeitspapier zum Start der Initiative. Vorbilder sind neben dem MIT ähnliche Bewegungen an der Ruhr-Uni Bochum und der ETH Zürich in der Schweiz.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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