Frankfurter Musikhochschule

Das Geschenk, gemeinsam zu spielen

Von Eva-Maria Magel
29.11.2020
, 14:12
Das erste Mal seit Februar gibt es an der Frankfurter Musikhochschule wieder ein Orchesterprojekt. Bei all den Abstandsregeln keine einfache Aufgabe für die jungen Musiker.

„Megaschön“ hätte Richard Wagner vermutlich nicht gesagt. Eher so etwas wie „freudig bewegt“. Aber dasselbe gemeint wie Nina Grund, die sich über ein rares „Geschenk“ in diesen Zeiten freut, hätte er wohl. Zum ersten Mal seit Februar musiziert die 21 Jahre alte Flötistin wieder in Orchesterstärke. Und das wird am Ende ein Rausch, ein kleiner zumindest, mit Wagners „Siegfried-Idyll“, das geradezu durch den Raum wogt. Platz genug ist ja: Im Großen Saal der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sind sämtliche Bestuhlungen entfernt. In großem Abstand zueinander, außer den Bläsern alle Musiker mit Maske, proben insgesamt 34 Musikstudentinnen und -studenten. Auf dem eigentlichen Orchesterpodium sitzt nur eine Handvoll Bläser, der Rest ist verteilt im Saal. Dass die Hörner in der letzten Reihe ungeheuer weit weg sitzen von den Bratschen, mit denen sie sich zusammen hören müssen, bedeutet harte Arbeit: Die Zeitverzögerungen durch die Corona-Abstände müssen bei jedem Einsatz, bei jedem Ton berücksichtigt werden. Die Streicher, erklärt Konzertmeister Cord Koss, säßen normalerweise viel dichter beisammen und zu zweit an einem Pult. Nun kann man die nächsten Musiker und Instrumentengruppen weder spüren noch aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Das Spielen nach Gefühl und Gehör muss intensivem Blickkontakt zum Dirigentenpult und der Interpretation jeder Geste weichen.

Die ersten Takte des „Siegfried-Idylls“ von Richard Wagner heben an, Koss’ Geige mit den verklärenden Streicherwogen vorneweg, dazwischen die ersten Tupfen von Grunds Querflöte. Dirigent Vassilis Christopoulos leitet das Orchester von der Rückwand des Zuschauerraums aus. Verkehrte Welt, auch da.

Und doch: ein Riesenglück, wieder miteinander spielen zu dürfen. „Es ist eine große Freude, den Betrieb halbwegs aufrechterhalten zu können“, sagt Christopoulos, seit 2016 Professor für Dirigieren an der Hochschule. Halbwegs, weil die Lehrveranstaltung Orchesterprogramm eigentlich in ein großes Konzert hätte münden sollen, natürlich mit den bis vor kurzem gültigen Hygieneregeln und Besucherzahlen. Nun soll am Sonntag im Sendesaal des Hessischen Rundfunks das gesamte Programm eingespielt und später gesendet werden. Ohne Publikum, wieder mit riesigen Abständen. Eine Herausforderung.

Studenten schützen

Dass das Orchesterprojekt nun überhaupt veranstaltet wird, ist an der Hochschule selbst nicht unumstritten, andere Ausbildungsinstitute lassen solche Veranstaltungen ruhen. „Es ist eine Ermessensentscheidung, ob diese Lehrveranstaltung stattfinden soll“, sagt Christopoulos: „Wir glauben, dass die Orchesterausbildung eine essentielle Säule der Ausbildung ist.“ Das Hygienekonzept sei noch weit strenger als bei professionellen Orchestern, das weiß Christopoulos aus seinen Erfahrungen der vergangenen Monate. Schließlich wolle man die Studenten schützen. Die wissen es zu schätzen.

„Es war ein schwieriges Jahr“, sagt Koss, der wie Grund 21 Jahre alt ist und im fünften Semester studiert. Die Frustration, keine Konzerte spielen zu können, sei groß. „Wir studieren, um in ein Orchester zu kommen, wir lieben das. Außerdem hat uns das Hören all der coolen Sinfonien gefehlt“, sagt Grund.

„Es geht um Motivation“

Jetzt in diesem Gesamtklang von Wagners Idyll zu sitzen, das der an Weihnachten 1870 Cosima Wagner zum 33. Geburtstag schenkte, scheint auch Christopoulos als Geschenk zu empfinden. Ein ums andere Mal lächelt er, und mag er noch so oft abbrechen, hier etwas zu Wagners Tempi erklären, „dort mehr piano, da ein bisschen mehr Weltschmerz“ oder Differenzierung verlangen – es überwiegen Beifall, Ermunterung, Lob. „Es geht um Motivation“, sagt er, erst recht, weil die Aufgabe extrem schwer sei. Schon das Programm an sich, in unterschiedlich großen Besetzungen, sei technisch anspruchsvoll, schließlich handelt es sich um Orchester-Lehre.

Der gebürtige Münchner, Jahrgang 1975, weiß, dass er viel von den Studenten verlangt, die allenfalls in Kammerformationen in den vergangenen Monaten das Zusammenspiel praktizieren konnten. „So einzeln zu sitzen ist schon für ein eingeschworenes Orchester schwer, für Studenten ist es noch schwerer“, erklärt er. Außerdem hat er ein forderndes Programm zusammengestellt – wie zu normalen Zeiten, allerdings mit deutlichen Bezügen zur jetzigen Zeit. Die Besetzung wird im Lauf des Programms größer: Eröffnet wird mit Charles Yves’ „The Unanswered Question“, es folgen Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1, das Adagietto aus Mahlers Sinfonie Nr. 5 und schließlich „als verklärender Abschluss“, wie Christopoulos sagt, das „Siegfried-Idyll“. Bis das alles zum Publikum kommt, das normalerweise im Sendesaal hätte lauschen können, wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern: Da Ton- und Videoaufnahmen bearbeitet werden müssen, wird es frühestens Anfang 2021 so weit sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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