<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Studenteninitiative Frankfurt

Obdachloser trifft Akademiker

Von Simon Mertens
Aktualisiert am 26.02.2020
 - 14:41
Einsatz für mehr Demokratie: Dominik Herold und Johanna Kocks vom Verein „Mehr als wählen“
Eine Studenteninitiative hat sich in Frankfurt gegründet, um Bürger aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft und unterschiedlicher Nationalitäten an einen Tisch zu holen. Eine Chance für die Demokratie?

Wie gewinnt man das Vertrauen eines Obdachlosen? Wie überzeugt man jemanden, dass seine Meinung wichtig ist, obwohl er im Alltag bisher häufig übersehen wurde? Vor dieser Aufgabe haben Dominik Herold und Johanna Kocks vor einem Jahr gestanden. Die Initiatoren des Vereins „Mehr als wählen“ trafen sich damals mit fünfzig Frankfurtern unterschiedlicher Nationalitäten, sozialer Herkünfte und Lebenssituationen. Beim ersten Frankfurter Demokratiekonvent erarbeiteten sie gemeinsam mit ihnen konkrete Vorschläge, wie sich Bürger einfacher an der Stadtpolitik beteiligen können. Akademiker diskutierten mit Menschen ohne Bildungsabschluss, Wohnungslose mit Großverdienern, gebürtige Frankfurter mit Zugezogenen. Gemeinsam stellten sie die Forderung auf, dass Frankfurt eine zentrale Anlaufstelle für Bürgerbeteiligung braucht. Jetzt, ein Jahr später, hat die Stadt reagiert.

Der Aufbau der „Stabsstelle Bürgerbeteiligung“ wird nach Angaben von Herold mit 150.000 Euro bezuschusst. Frankfurter sollen dort künftig ihre Sorgen, Wünsche und Forderungen vorbringen und direkt an die Stadtpolitik richten können. „Diese Reaktion der Stadt ist extrem wichtig, da sie den Menschen zeigt, dass ihre Meinung etwas wert ist“, sagt Mitstreiterin Kocks. Vor allem jenen, die sich von der Politik schon längst nicht mehr gehört fühlen.

Zwei Drittel der Diskutanten beim Demokratiekonvent hat der Verein „Mehr als wählen“ über das städtische Melderegister ausgelost. Ein Drittel wählten die Initiatoren aus ihrer Ansicht nach unterrepräsentierten Gruppen aus: Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Einkommen und schlechter Bildung. Dass Demokratie sich nicht von allein am Leben erhält, davon ist Herold überzeugt.

Verein wurde 2017 gegründet

Gegründet hat der damalige Politikstudent Herold den Verein „Mehr als wählen“ im Februar 2017. Damals waren sie vier Freunde, heute zählt das Team, das größtenteils aus Studenten besteht, fünfzehn Mitglieder. „Wenn wir uns als junge Menschen nicht das Recht herausnehmen, unsere Stadt mitzugestalten, wer sonst sollte das dürfen?“, sagt Herold.

Der Siebenundzwanzigjährige wuchs in einem Zweihundert-Seelen-Dorf in Nordbayern auf. Seine Jugend beschreibt er als „prekär“, es sei wenig Geld da gewesen. Menschen die Chance zu geben, sich zu verwirklichen, egal aus welchen Verhältnissen sie kämen, ziehe sich wie ein roter Faden durch seine Biographie. Während der Flüchtlingskrise im Spätsommer 2015 arbeitete Herold als freiwilliger Helfer auf dem Münchener Messegelände. Er versorgte diejenigen, die wöchentlich zu Tausenden in der Notunterkunft strandeten, mit Nahrung und Kleidung, sprach mit ihnen. Er habe erlebt, wie wichtig es sei, den Einzelnen als Menschen wahrzunehmen. Zudem habe der große Kreis an Helfern gezeigt, „was möglich ist, wenn die Gesellschaft zusammenhält.“

Unsicherheit war anfangs groß

Als die Teilnehmer des ersten Demokratiekonvents vor einem Jahr in der Evangelischen Akademie im Römer aufeinandertrafen, habe man Unsicherheit und Zweifel vielen vom Gesicht ablesen können, erinnert sich Kocks, die seit 2018 zum Team gehört. „Ich schätze, die meisten haben sich gefragt, was sie dort überhaupt sollten.“ Drei Tage später seien die Teilnehmer dankbar gewesen, sagt die Siebenundzwanzigjährige. Dankbar dafür, Einblicke in die Sorgen und Ängste ihrer Mitmenschen erhalten zu haben. Von Lebensrealitäten gehört zu haben, die den Blick der Diskutanten auf das Fremde verändert und Vorurteile abgebaut hätten.

Ein „Allheilmittel“ könne eine solche von langer Hand geplante Veranstaltung, wie es der Demokratiekonvent gewesen sei, nicht sein. „Wir müssen es schaffen, auch im Alltag wieder mehr mit Menschen zu sprechen, mit denen wir normalerweise nicht in Kontakt kommen“, sagt Herold. Dafür braucht es seiner Ansicht nach ganz konkrete Räumlichkeiten. Derzeit baut das Team von „Mehr als wählen“ deshalb einen ausrangierten Linienbus zu einem „Demokratiemobil“ um. Er soll von Bürgerinitiativen, Politikern und der Stadtverwaltung genutzt werden, um mit Menschen in den Stadtteilen ins Gespräch zu kommen. Ein Wunsch, den die Teilnehmer des Konvents ebenfalls formuliert hatten. Im Herbst soll die nächste Bürgerversammlung stattfinden. Im Zentrum steht dann das Thema Klimaschutz. In der Zwischenzeit reisen Herold und Kocks durch ganz Deutschland und stellen ihren Konvent in anderen Städten vor. Ein Handbuch soll Anleitungen zum Nachahmen geben. Eine Leerformel, wie man das Vertrauen ausgegrenzter und vernachlässigter Menschen zurückgewinnen könne, gebe es jedoch nicht, sagt Herold. „Wer andere Menschen verstehen will, sollte sich zuallererst selbst zurücknehmen und nur eines tun: Zuhören.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.