Interview mit Designer

Wie haben Sie die Bafög-Anträge lesbar gemacht?

Von Uwe Ebbinghaus
Aktualisiert am 14.11.2020
 - 09:22
Das neue Bafög-Design von Matthias Abelszur Bildergalerie
Das Bafög hat ein Image-Problem, das Bildungsministerium versucht gegenzusteuern. Im Wintersemesters gibt es neue Formulare. Ein Interview mit dem Designer, dessen studentische Entwürfe in den Druck gingen.

Das Bafög hat an Bedeutung verloren. Die Zahl der Antragsteller ist in den vergangenen 15 Jahren um 30.000 zurückgegangen, obwohl die Zahl der Studenten zu gleicher Zeit um fast eine Million zugenommen hat. Trotz Anpassungen hielt der Abwärtstrend zuletzt an. Woran liegt das aus Ihrer Sicht? Sie haben selbst in Ihrer Studienzeit, die Sie 2017 abgeschlossen haben, Bafög bezogen.

Matthias Abels: Ich glaube zu einem sehr großen Teil – das war auch das Ergebnis meiner Bachelorarbeit zu diesem Thema – liegt es daran, dass deutsche Behörden insgesamt sehr angestaubt dastehen. Entsprechend sehen die Formulare aus, die ja eine Schnittstelle sind zwischen den Bürgern und den Ämtern. Sie sind grau und überkomplex. Man kann ihnen nur schwer entnehmen, was von einem alles gefordert wird. Ich selbst habe mir in meiner Studienzeit große Mühe gegeben, meine BAföG-Anträge korrekt auszufüllen und habe es kein einziges Mal geschafft, eine Zahlungsbewilligung ohne Nachreichen von Informationen zu bekommen. Irgendwo stand ein kleines „b“ für „Beleg“, das ich übersehen hatte. Das wollte ich vereinfachen.

Sie glauben tatsächlich, dass die Formulare zum schlechten Image von Bafög beigetragen haben?

Ja, sie schaffen die Außenwirkung. Ab und zu besucht man als Student zwar ein Bafög-Amt, aber eigentlich lief alles mehr postalisch ab oder im besten Fall komplett digital übers Internet. Hat man es in solch einer Situation mit einer einfachen, modernen, innovativen Antragstellung zu tun, so wie es etwa die europäischen Nachbarländer Belgien und die Niederlande vormachen, ist das ein gutes Kommunikationsmittel.

In Ihre Studienzeit fällt ein deutlicher Rückgang bei den Bafög-Zahlen. Haben Sie das irgendwie bemerken können? Ging man offen damit um, Bafög zu beziehen?

Ja, das schon. Ich hatte allerdings Kommilitonen, denen die Antragstellung zu stressig war angesichts der geringen Chancen, die sie sich ausgerechnet haben, Bafög zu beziehen. Ich glaube, viele Studenten gehen lieber abends arbeiten, als dass sie sich mit einem Bafög-Antrag herumplagen.

Ist das nicht sonderbar? Bafög ist doch äußerst lukrativ: Rückzahlung von nur 50 Prozent der Fördersumme, zinsloses Darlehen, das in Raten abzahlbar ist, Deckelbeträge unter bestimmten Voraussetzungen.

Ja, und für besondere Leistung gibt es auch noch Anrechnungen, fast stipendienartig. Das ist schon krass. Wenn das mit einem Formular innerhalb von 45 Minuten hätte beantragt werden können, hätte es wahrscheinlich viel mehr Bezieher gegeben.

Wie kam es zu Ihren Neuentwürfen?

Mir gefiel schon immer das Thema „Informationsstrukturierung“, die prägnante Darstellung von Informationen, so dass man sie schnell erfassen kann. Ich habe mich sechs Semester lang mit meinen Bafög-Anträgen herumgeärgert und dachte: Das muss doch besser gehen. Ich habe mich dann mit dieser Frage in meiner Bachelorprüfung beschäftigt.

Worin bestanden ihre Hauptänderungen?

Hauptsächlich habe ich an der Übersichtlichkeit und Strukturierung der Bafög-Anträge gearbeitet. Ein klarer Aufbau in Spalten und die Gruppierung zusammenhängender Fragen begünstigen die schnelle Erfassbarkeit sehr. Darüber hinaus hilft die neue Farbcodierung der Formblätter bei der Orientierung. Im Bundesministerium für Bildung und Forschung erklärte man mir auf Anfrage, dass die Grautöne aus Spargründen bei den Druckkosten verwendet worden seien. Von solchen Überlegungen muss man aus meiner Sicht aber einfach Abstand nehmen. In meinen Entwürfen gibt es drei Farben: Das Grün-Petrol für die Bereiche, die vom Antragsteller auszufüllen sind, die gelben Bereiche füllen die Eltern aus, die roten betreffen die Ausbildungsstätte. An der farbigen Kante links an den Anträgen kann man auf den ersten Blick sehen, wer was ausfüllen muss. Außerdem habe ich die erklärenden Informationen, die sich in den alten Formularen ganz hinten befanden, in die Formulare hineingenommen, rechts in eine eigene Spalte. So kann man sich die Informationen bei Bedarf ohne Blättern durchlesen.

Haben Sie auch die Typographie geändert?

In meinem Formularkonzept ja: Ich arbeitete mit der Schriftfamilie „Info Text“, die durch ihre Spezifikationen besonders bei kleinen Schriftgrößen noch sehr gut lesbar ist. Auf den finalen Formularen ist die Typografie aber aus meiner Sicht nicht so glücklich umgesetzt worden. Was daran liegt, dass die Bundesministerien eine eigene Schrift haben, die verwendet werden muss.

Wie viel mehr Platz brauchten Sie für Ihr Formular?

Der Platz ist gleich geblieben.

Ihr Formular-Entwurf war zunächst Ihre Bachelor-Abschlussarbeit. Wie ging es weiter?

Das war ein langwieriger Prozess. Ich hatte während der Bachelorarbeit immer mal wieder mit dem Bundesministerium gesprochen, wenn ich Fragen zur Gestaltung hatte. Meine Bachelorarbeit habe ich dann nach meinem Abschluss 2017 ans Ministerium geschickt. Darauf habe ich ein Jahr lang nichts gehört. Nach einem Personalwechsel wurde ich zu einem Workshop eingeladen, der dann noch einmal auf den Oktober 2019 verschoben wurde. Bei diesem Workshop habe ich meine Arbeit präsentiert. Bisher haben wir nur über die Printformulare gesprochen, ich habe aber auch ein komplettes digitales Konzept erarbeitet. Mein Konzept wurde dann abgekauft und, leicht abgeändert, übernommen – und jetzt, zum Wintersemester, sind die Formulare und der neu konzipierte digitale Auftritt verfügbar. Bisher stimmten die Formulare analog und digital vollständig überein.

Was machen Sie heute?

Ich bin in meine Heimatstadt Meppen gezogen und bin dort Grafikdesigner für die Volksbank und nebenbei selbständig.

Gibt es eigentlich viele Designer, die auf Formulare spezialisiert sind?

Kaum. Formulare sind ein eher nischiges Thema, für das nur wenige bereit sind, richtig Geld in die Hand zu nehmen. Das macht die Sache schwierig. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Designbewusstsein in deutschen Behörden gäbe.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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