Hochschullehre

Das wundersame Lehrformenwachstum

Von Wolfgang Krischke
22.06.2022
, 09:37
Vorlesung in Hannover im Oktober 2021
Jahr für Jahr werden in der Hochschullehre die Räder neu erfunden. Die Innovationsrhetorik verdeckt das eigentliche Problem: den Mangel an Dozenten.
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Die Hochschullehre ist ein Stiefkind der Bildungspolitik. Dem will die Stiftung „Innovation in der Hochschullehre“ entgegenwirken. „Freiraum 2022“ heißt ein Förderprogramm, mit dem sie neue didaktische Ansätze in Hörsälen, Seminarräumen und Laboren unterstützen will. Nach der Ausschreibung Anfang des Jahres wurden nun 204 Projekte ausgewählt. Eingereicht hatten sie Dozenten von Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen.

Das Spek­trum spannt sich vom „Escape Room“ in der medizinischen Lehre und der „gamifizierten Lern-App“ für Mathematikstudenten über das „Forumtheater“ in der Psychologie und den diversitätssensiblen MINT-Unterricht bis zur „Talentschmiede für nachhaltiges Handeln“. Die Auswahl traf ein Ausschuss aus Experten für Hochschuldidaktik, Studenten und Mitarbeitern von Wissenschafts- und Bildungsministerien. Insgesamt 46 Millionen Euro stehen für die Projekte zur Verfügung. Die Förderung beginnt im Juli unter der Voraussetzung, dass zuvor der Bundesrat den Bundeshaushalt freigibt.

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Von den sechshundert Anträgen, die als erste bei der „Freiraum“-Jury landeten, wurde jeder dritte bewilligt. Die Stiftung zeigt sich von den ausgewählten Projekten erwartbar begeistert. Eine „inspirierende Lehre“, die „die Studierenden zu aktiven Gestalter:innen ihres Lernprozesses werden lässt“, bescheinigt ihnen Evelyn Korn, Volkswirtschaftsprofessorin und Vorstandsmitglied. Und Joe Lockwood, Mitglied des Auswahlausschusses und „Director of Innovation“ der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sieht hier einen „powerful space to help us foster thinking, confidence, and skills to make this world a better place“. Auf eine Übersetzung hat man verzichtet – auf Englisch ist der Weltrettungssound voller.

Mangel an Dozenten

In den geförderten Projekten stecken gewiss Ideen, die den akademischen Unterricht beleben. Doch die Innovationsrhetorik lenkt davon ab, dass das eigentliche Problem der Hochschullehre nicht der Mangel an immer neuen didaktischen Konzepten, sondern der an Dozenten ist. Zwar kommt laut bundesamtlicher Statistik im Durchschnitt eine Lehrkraft auf achtzehn Studenten. Dieses gut anmutende Zahlenverhältnis gilt aber nur, wenn man alle Personen einbezieht, die irgendwie mit der Lehre befasst sind – also auch wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrbeauftragte und Tutoren. Greift man nur die Professoren heraus, die ja die Träger der Hochschullehre sein sollten, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Mittlerweile betreut ein Hochschullehrer im Durchschnitt 65 Studenten.

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Seit Jahrzehnten feiert die Bildungspolitik die permanent wachsenden Studentenzahlen als Erfolg, ohne aber die Finanzmittel für das notwendige Personal entsprechend zu steigern. Das Ergebnis ist eine kontinuierlich schlechter werdende Betreuungsrelation. Diese Misere lässt sich nicht durch „agile Methoden“, „Augmented Reality“ und „Blended Learning“-Baukästen beheben und auch nicht dadurch, dass das Antrags-, Wettbewerbs- und Drittmittelprinzip von der Forschung auf die Lehre übertragen wird. Notwendig wäre die Grundfinanzierung einer ausreichenden Zahl von Dozentenstellen.

Mangel an Wertschätzung der akademischen Lehre

Das Problem ist nicht nur quantitativer und finanzieller Natur. Es mangelt auch, allen Qualitätsoffensiven zum Trotz, an der Wertschätzung der akademischen Lehre. In den Berufungsverfahren werden Lehrqualitäten zwar der Form halber verlangt, aber was am Ende zählt, ist die Länge der Publikationsliste und die Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

Diese Rahmenbedingungen führen dazu, dass der Stellenwert, den die Lehrenden der Lehre geben, von ihrer persönlichen Einstellung abhängt. Das wurde während der pandemiebedingten Schließung der Hochschulen besonders deutlich: Während die einen viel Zeit und didaktische Kreativität in ihre digitalen Unterrichtsveranstaltungen investierten, kam anderen der Lockdown gerade recht: Sie konnten sich die lästige Anfahrt aus ihren oft Hunderte von Kilometern entfernten Wohnorten sparen und durch virtuelle Schmalspurveranstaltungen mit ein paar hochgeladenen Dokumenten ersetzen. Wem vor diesem Hintergrund seine Tätigkeit im Hörsaal eher als unerwünschte Begleiterscheinung denn als eine Kernaufgabe seines Berufs erscheint, dem täte vielleicht ein Perspektivwechsel gut. Es gibt eine Innovation, die dabei helfen könnte: Sie heißt Residenzpflicht.

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Quelle: F.A.Z.
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