Mehrfachstudium

Doppelt hält besser

Von Deike Uhtenwoldt
30.10.2020
, 11:01
Viel Aufwand, viel Ehre: Ein Doppelstudium kann sich richtig auszeichnen.
Ein bisschen verrückt sind sie ja schon: Studenten, die zwei Hochschulabschlüsse gleichzeitig anstreben. Doch die Mühe lohnt sich und mit ein paar Kniffen lässt sich der Stress reduzieren.
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Am Anfang war es mehr ein Spaß, aus dem dann aber schnell Ernst wurde: Silas Fenimore Kißmer schreibt in seinem fünften Semester der Wirtschaftswissenschaften freiwillig eine Klausur in Zivilrecht, besteht und fängt Feuer. „Das ist superspannend!“ Zumal Rechtskenntnisse eine gute Basis für die Bereiche Personal- und Talentmanagement seien, in die sich der Student beruflich bewegen will. Kißmer erkundigt sich bei der Studienberatung, überzeugt eine Kommilitonin von der Idee und bewirbt sich auf einen Doppelbachelor an der Universität Lüneburg: Auf den englischsprachigen Studiengang „International Business Administration and Entrepreneurship“ setzt er noch Wirtschaftsrecht mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht drauf.

Mittlerweile hat Kißmer sein drittes und letztes Semester Rechtswissenschaft vor der fächerverbindenden englischsprachigen Bachelorarbeit abgeschlossen. „Ich habe das auf keinen Fall bereut, weil das viel praktischer und handfester ist als mein eigentlicher Studiengang“, sagt der 22 Jahre alte Student. „Ich kann jetzt auch eine Abmahnung schreiben und kenne die Zusammensetzung eines Betriebsrates.“ Dank eines Doppelstudiums im Schnelldurchgang, das ein Rechtsprofessor und auch die Studienberatung ideell unterstützten und das Kißmer unter anderem mit einem Job als studentische Hilfskraft finanzierte: „Ich mag es, wenn ich Stress habe, das motiviert mich.“

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Nur die Klausurenphase sei bisweilen grenzwertig gewesen. „Die International-Business-Module als Hausarbeit im Semester fertigstellen und die Rechtmodule als Klausur im Anschluss, das hat nicht immer funktioniert, aber das war zumindest der Plan.“ Bewährt hat sich dagegen das Prinzip Doppelstudium im Doppelpack: Zeitliche Überschneidungen und Hängepartien hat sich Kißmer von Anfang an mit einer Kommilitonin geteilt. „Wenn man da nicht allein durchmuss, klappt das viel besser.“ Etwa das sechste Semester, in dem der Doppelstudent insgesamt 45 Leistungspunkte geholt hat. Üblich sind 30. „Man muss auch nicht in jede Übung gehen, es geht manchmal auch ohne“, weiß er inzwischen.

„Man muss wissen, wieso man das macht, sonst wird es zu viel“

Kißmer und seine Kommilitonin sind zwei von rund 60 Studierenden, die an der Leuphana Universität ein Doppelstudium belegen. Bezogen auf die Gesamtzahl der angestrebten Bachelorabschlüsse beträgt der Anteil rund ein Prozent, bei den Masterstudiengängen liegt er darunter. Obwohl das Doppelstudium von beiden Programmverantwortlichen genehmigt werden muss und an den überdurchschnittlich erfolgreichen Verlauf des zuerst aufgenommenen Studiums gekoppelt ist, wurde bisher noch kein Antrag abgelehnt. „Man muss wissen, wieso man das macht, sonst wird es zu viel und nervig“, betont Kißmer. Was so viel heißt wie: Das ist viel Arbeit, und wer sie sich antut, zeigt Leistungsbereitschaft.

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Hochmotivierte Studierende hat es immer schon gegeben und damit auch ein Doppeldiplom aus Mathe und Physik beispielsweise. Doch das Angebot an Kombistudiengängen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. So finden sich unter den 20 000 Studiengängen im Kompass der Hochschulrektorenkonferenz interdisziplinäre (an der Universität Oldenburg etwa „Betriebswirtschaftslehre mit juristischem Schwerpunkt“) oder flexible Studiengänge, wie an Kißmers Hochschule: „Wir haben an der Leuphana den Studiengang Individuale, da kann man einen großen Teil des Curriculums frei gestalten“, sagt Sprecher Henning Zühlsdorff. Das Problem ist nur: Schulabgänger folgen erst mal ihren Neigungen und schon bekannten Fächern. Die Frage eines Berufsziels konkretisiert sich da häufig erst im Laufe des Studiums. Und wer die Stärken von zwei Einzelstudiengängen kombinieren und sich nicht mit oberflächlichen Einblicken begnügen will, wählt lieber eine eigene Kombination.

Jellina Thies hat das getan, die Leidenschaft für Tennis und Klettern zum Berufsziel gemacht, Sportwissenschaften an der Universität Leipzig belegt und schon im zweiten Semester Sportmanagement dazugenommen, zusammen mit sechs weiteren Studierenden. „Ich wollte mich breiter aufstellen, Jobchancen verbessern. Das ging auch recht einfach, weil sich viele Module überschneiden.“ Nicht ganz so einfach gestalteten sich Zeitmanagement und Finanzierung: Thies jobbte nebenbei, verfolgte die Vorlesungen meist nur online und legte den Fokus auf die Prüfungsphase. „Ich habe es relativ sportlich gemacht“, sagt die 23 Jahre alte Studentin. Ihren Bachelor in Sportwissenschaften hat sie in sechs Semestern abgeschlossen, den in Sportmanagement in vier. Anschließend hat sie die gleiche Kombination noch mal als Masterstudiengang belegt.

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Fast 800 Treffer finden sich dazu im Hochschulkompass

„Man muss schon gut organisiert sein“, sagt Thies. Und so hartnäckig wie zielstrebig: Thies ließ sich durch nichts abbringen, nicht von der Aussage „Das hat noch keiner gemacht“ oder der Aussicht, zwei Abschlussarbeiten verfassen zu müssen. Dafür waren die Signale zwischen Studienberatung, Studentensekretariat und den Fachberatungen der Fakultäten auch viel zu unterschiedlich und die Umsetzung einfacher als gedacht: „Ich habe eine sportwissenschaftliche Bachelorarbeit geschrieben, und niemand hat mehr nach Managementanteilen gefragt.“ In ihrem Masterdurchgang ist Thies die einzige Doppelstudentin, aber nicht an der Universität Leipzig: Von knapp 30 000 Studierenden streben im Schnitt der vergangenen fünf Jahre rund 300 einen Doppelbachelor und 80 einen Doppelmaster an. Das ergibt einen Anteil von knapp 1,3 Prozent.

Eine kleine, motivierte Gruppe, die aber in der Hochschulstatistik oder Forschung keine Rolle spielt. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung vermutet, dass die tatsächliche Abschlussquote weit unter einem Prozent liegt und verweist vielmehr auf die von den Hochschulen angebotenen Doppelstudiengänge. „Aber das sind wenige Ausnahmen, an wenigen Hochschulen“, sagt Sprecherin Filiz Gülal und nennt die private Hochschule für Angewandte Wissenschaften Europa, die mit zwei Mastern parallel in nur fünf Semestern und guten Arbeitsmarktchancen wirbt. Gar nicht so selten sind dagegen Doppelabschlüsse in internationalen Studiengängen: Fast 800 Treffer finden sich dazu im Hochschulkompass.

Darunter die Universität Paderborn und ihr Bachelor-Studiengang „Europäische Studien“, der gemeinsam mit der nordfranzösischen Partnerstadt Le Mans durchgeführt wird. Nicht zu verwechseln mit dem Zwei-Fach-Bachelor der Fakultät für Kulturwissenschaften, der zwei Fächer gleichwertig zu einem Abschluss führt, wie Sprecher Simon Ratmann betont: „Wir bieten an der Universität Paderborn nur ein Double Degree an“, also einen Abschluss in zwei Fächern. Was Studierende, die an dem einjährigen Austauschprogramm mit der Illinois State University teilnehmen, nicht daran hindert, an beiden Hochschulen einen Masterabschluss zu erwerben: Leon Hundehege hat den amerikanischen MBA schon in der Tasche, zurück in Paderborn hängt der 24 Jahre alte Student jetzt noch den Master in International Business dran.

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Je mehr Kompetenzen, Abschlüsse und Erfahrungen desto besser

Eine gute Ergänzung, findet der Student: „Die Module in Paderborn sind deutlich theorielastiger, in den USA haben wir uns Case Studies angeschaut, es ging um die Anwendung.“ Allerdings musste er sein Studium von Anfang an konsequent auf den Doppelabschluss ausrichten: Zunächst Managementthemen belegen, die sich auf den MBA anrechnen ließen, dann rechtzeitig eine umfassende Bewerbung mit dem kostenpflichtigen Nachweis von logischem Denkvermögen und Sprachkenntnissen auf den Weg bringen. Dazu kam noch die Frage der Finanzierung, die Hundehege mit Auslands-Bafög, einem Studienkredit und im ersten Semester durch eine Dozentenstelle als Deutschlehrer beantwortete: „Aber das war neben den vier Kursen, die ich belegt hatte, schon gut anstrengend.“

Viel Aufwand, viel Ehr? „Im Lebenslauf macht sich so ein doppelter Abschluss gut“, ist Hundehege überzeugt. In seinem Studiengang ist er der Einzige, der ihn anstrebt. Das wecke Neugierde und Nachfragen, wie der Paderborner in Bewerbungsgesprächen festgestellt hat. „Ich hatte auch das Gefühl, dass viele nicht wussten, dass es so etwas wie einen doppelten Abschluss gibt.“ Auch Jellina Thies irritiert mit ihrer Doppelqualifikation, allerdings nicht zum Positiven, wie die Sportsfrau berichtet: „Ich habe mich bei Sportmanagementfirmen für Praktika beworben und mehrmals eine Absage bekommen mit dem Argument, ich sei überqualifiziert.“

Aus der Bahn geworfen hat das die Doppelstudentin nicht: „Ich bin jetzt viel breiter aufgestellt, ich würde das jederzeit wieder so machen.“ Gut so, würden die meisten Personaler urteilen, wie die Hamburger Karriereberaterin Ragnhild Struss sagt: „Es gibt keine Überqualifikation. Je besser jemand aufgestellt ist, je mehr Kompetenzen, Abschlüsse und Erfahrungen man vorweisen kann, desto mehr Chancen werden sich auf dem Arbeitsmarkt bieten.“ Ein Doppelstudium signalisiert Ehrgeiz, Organisationstalent und Durchhaltevermögen. Zielstrebigkeit ist auch immer dabei: Nach seinem Abschluss will Silas Fenimore Kißmer in der Praxis beweisen, was ein Doppelbachelor so kann, möglichst in der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Falls er dann nach einem halben Jahr noch einen Master anhängt, wird das aber kein doppelter sein: „Irgendwann reicht es dann auch!“

Quelle: F.A.Z.
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