Nudging

Ein Stupser für die Umwelt

Von Christina Gravert
27.09.2021
, 12:27
 Die Tellergröße beim Frühstücksbuffet hat einen messbaren Effekt auf die Lebensmittelabfälle der Hotels.
Verhaltensökonomen erforschen mit Experimenten, wie Menschen sanft in eine „bessere“ Richtung gelenkt werden können – auch in der Umweltpolitik. Ein Gastbeitrag.
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Wir müssen unser Verhalten nachhaltig ändern, wenn wir den nächsten Generationen einen lebensfähigen Planeten hinterlassen wollen. Obwohl viele Menschen sich dessen bewusst sind, ändert sich unser Verhalten nur langsam. In der Verhaltensökonomie nennt man dieses Phänomen die Absicht-Verhaltens-Lücke. Wir haben gute Absichten, treffen im Alltag aber dann doch die falschen Entscheidungen. Beim „Nudging“ (deutsch: „Stupsen“) geht es darum, diese Lücke zu reduzieren, indem man es leichter macht, das Richtige zu tun. Nicht indem man den Menschen ändert, sondern indem man die Umwelt so anpasst, dass es uns leichter fällt, unseren guten Absichten nachzukommen.

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Ein bekanntes Nudging-Beispiel sind bunte Fußstapfen, die in Kopenhagen zum nächsten Mülleimer zeigen. Die wenigsten Menschen haben die Absicht, ihren Abfall auf die Straße zu werfen, aber es gibt einige, die aus Vergesslichkeit ihren leeren Kaffeebecher auf der Parkbank stehen lassen. Auffällige Mülleimer können daran erinnern, den Müll korrekt zu entsorgen. Fleischfreie Montage in der Kantine sind dagegen kein Nudging, denn sie reduzieren tatsächlich Optionen. Ebenso wenig sind vergünstigte Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr Nudging, denn sie verändern den Preisunterschied zwischen Optionen.

Entscheidungen meist Ergebnis von Gewohnheiten

Wieso fällt es uns so schwer, unsere guten Absichten in die Tat umzusetzen? Die meisten unserer Tausenden Entscheidungen jeden Tag sind das Ergebnis von Gewohnheiten, oder wir treffen sie spontan aus dem Bauch heraus. Das spart Zeit, kann aber zu systematischen Fehlern führen.

Letztens im Restaurant bekam ich die folgende Abendkarte: Rote-Beete-Carpaccio, Thunfisch-Ceviche und Tatar vom Ochsen. Fällt Ihnen etwas Besonderes auf? Als Verhaltensökonomin ist mir der Nudge direkt ins Auge gesprungen. Das vegetarische Gericht kam als Erstes, nicht das Fleisch, wie es klassischerweise der Fall ist. Ich selber habe diesen Reihenfolgeneffekt experimentell erforscht. Über mehrere Wochen haben wir nach dem Zufallsprinzip der Hälfte der Gäste ein Tagesmenü mit der klassischen Reihenfolge vorgelegt und der anderen Hälfte die umgekehrte Reihenfolge. Die Gruppe, die zufällig die „Fleisch oben“-Karte bekommen hatte, bestellte signifikant häufiger das Fleischgericht als die Gruppe, die erst das vegetarische Gericht sah. Mit dieser Art von Experimenten können wir zeigen, dass unser Verhalten zum großen Teil davon abhängt, wie uns Optionen vorgelegt werden. Und diese Entscheidungssituationen können wir mit Nudging bewusst gestalten und steuern.

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Der effektivste Nudge ist ganz klar die Standardvorgabe. Tut man nichts, so wird eine Vorauswahl umgesetzt. Besonders effektiv hat sich die Standardvorgabe bei grünen Stromtarifen erwiesen. Obwohl Verbraucher leicht wieder in einen regulären Tarif wechseln konnten, bleiben die meisten beim grünen Strom. Bei Veranstaltungen oder im Flugzeug essen die meisten das Standardfleischmenü, denn für eine vegetarische Alternative muss man aktiv werden. Eine schwedische Studie hat gezeigt, dass, wenn die Vorauswahl bei einem Event vegetarisch ist, sich nur wenige aktiv dagegen entscheiden. Nicht nur, was wir essen, sondern auch, wie viel wir uns auf den Teller laden, wird durch den Kontext beeinflusst. Die Tellergröße beim Frühstücksbuffet hat einen messbaren Effekt auf die Lebensmittelabfälle der Hotels. Hotels, die nach dem Zufallsprinzip 20 Zentimeter große Teller für ihr Frühstücksbuffet zugewiesen bekommen hatten, registrierten fast 20 Prozent weniger Lebensmittelabfälle im Vergleich zu Hotels mit 24 Zentimeter großen Tellern.

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Kollektives Verhalten ohne Zwang und höhere Kosten verändern

Aber nicht immer steht der Umweltschutz im Fokus. Nudges, die auf Kosten der Verbraucher und der Umwelt Unternehmensgewinne erhöhen, nennt man Sludges – vom englischen Wort für Schlamm und Matsch. In einer meiner neuesten Studien haben wir den Effekt von Mengenrabatten auf Lebensmittelverschwendung in Haushalten getestet. Wieder sind wir nach dem Zufallsprinzip vorgegangen, um den Effekt der Intervention isolieren zu können. Einige der teilnehmenden Supermärkte boten ausgewähltes Gemüse zum Mengenrabatt an, 2 Stück für 2 Euro, andere boten das gleiche Gemüse zum reduzierten Preis, 1 Stück für 1 Euro, an. In beiden Situationen kosten zwei Stück Gemüse das Gleiche. Unsere Ergebnisse zeigen allerdings, dass mit Mengenrabatt 17 Prozent mehr Gemüse verkauft wurde als mit einfachen Rabatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden, die mit Mengenrabatt zwei Stück Gemüse gekauft hatten, das Gemüse auch gegessen hatten, war deutlich geringer als bei der Gruppe, die zwei Stück Gemüse mit reduziertem Preis gekauft hatte. Die Standardvorgabe „Kauf zwei“ führte also zu höherer Lebensmittelverschwendung.

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Manchmal reichen Nudges auch nicht aus, um Verhalten zu ändern. In einer neu publizierten Forschungsstudie mit über 14 000 Teilnehmern haben wir verglichen, ob ein Nudge oder ein monetärer Anreiz zu einer höheren Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs führt. Ein Drittel der Gruppe bekam ein gratis Zweiwochenticket, ein Drittel eine gratis Monatskarte und ein Drittel das gratis Zweiwochenticket mit dem Nudge, dass über 70 Prozent der Menschen in der Region regelmäßig den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Der Nudge hatte keinen Effekt, aber das Monatsticket führte zu einer deutlichen Erhöhung der Nahverkehrsnutzung. Die positiven Effekte waren noch 7 Monate später zu sehen, obwohl die Nutzer zu dem Zeitpunkt selber für ihre Monatskarte bezahlen mussten. Das Experiment zeigt, wie wichtig es ist, für jede gewünschte Verhaltensänderung die richtigen Steuerungsmaßnahmen – Nudging, monetäre Anreize, Information oder Verbote – zu identifizieren.

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Generell sollte man Nudging nicht als Substitut, sondern als Komplement zu anderen politischen Steuerungsmaßnahmen sehen. Bei unseren Verkehrsregeln klappt dieses Zusammenspiel schon lange. Unangeschnallt Auto zu fahren kostet 30 Euro Bußgeld, und das erhöht die Absicht, sich anzuschnallen, der Piepton beim Losfahren nudgt den Fahrer, im richtigen Moment ans Anschnallen zu denken und es auch zu tun.

Nudging hat enormes Potential, unser kollektives Verhalten ohne Zwang und höhere Kosten zu verändern. Wir brauchen dafür kontrollierte Experimente, um den Status quo zu hinterfragen und evidenzbasiert zu verändern. Dazu kann jeder beitragen. Jedes Unternehmen, jeder Supermarkt, jede Fluggesellschaft oder Restaurant kann Nudging testen und nutzen, um es Kunden und Mitarbeitern leichter zu machen, das Richtige für unsere Umwelt zu tun.

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Christina Gravert ist Assistenzprofessorin für Verhaltensökonomie an der Universität Kopenhagen.

Quelle: F.A.Z.
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