Hybrid-Lehre im Wintersemester

Sehnsucht nach dem Sozialen

Von Gerald Wagner
28.10.2020
, 09:40
Zur Ruhe musste im Sommersemester nur selten gebeten werden, etwa im Studio zur Produktion digitaler Inhalte
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Zum Start ins möglichst hybride Wintersemester werten die Hochschulen ihre Erfahrungen mit der Online-Lehre aus – und entdecken den Studenten als soziales Wesen wieder.
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Eigentlich könnten die deutschen Hochschulen richtig stolz auf sich sein: Der Corona-Lockdown des Sommersemesters 2020 hat sie innerhalb weniger Wochen aus dem analogen in das digitale Zeitalter der Lehre geschleudert. Eine aktuelle Befragung des Stifterverbandes und McKinseys zeigt, dass im vergangenen Wintersemester gerade einmal zwölf Prozent der Lehrangebote digital stattfanden. Die Pandemie habe diesen Anteil auf mehr als neunzig Prozent erhöht – eine Entwicklung, die von sechzig Prozent der befragten Dozenten und Studenten positiv bewertet wurde. Dennoch wollen die gleichen Hochschulen, die sich gerade erst für die Bewältigung des digitalen Sommers lobten, wieder zurück in den Präsenzbetrieb. So viel Präsenzlehre wie möglich wird für das jetzt beginnende oder gerade begonnene Wintersemester angestrebt, auch wenn das neue Format der „Hybriduniversität“ enorme Kosten verursachen sollte. Ist der kurze Sommer der digitalen Hochschule schon wieder zu Ende?

Von der „Entbehrung des Sozialen“ sprach Sabine Kunst bei der Vorstellung des Berliner Stufenplans für den Hochschulbetrieb der Hauptstadt unter Pandemiebedingungen. Das war allerdings noch vor der Erklärung Berlins zum Corona-Hotspot. Die Präsidentin der HU gab damit einem Bedürfnis Ausdruck, das repräsentativ sein dürfte für die aktuelle Gefühlslage unter Dozenten und Studenten. Aber ist es mehr als die berechtigte Sehnsucht nach Normalität? Dass man mit der Wiedereröffnung besondere Risiken eingeht, ist den Hochschulleitungen natürlich bewusst – nicht nur in Berlin. Schließlich steigen die Infektionszahlen in keiner Bevölkerungsgruppe derzeit schneller als unter den jungen Erwachsenen. Die Hybriduniversität mit ihrem Mix aus streng geregeltem Vor-Ort-Betrieb und der Arbeit zu Hause am Bildschirm wird Studenten, Dozenten und insbesondere die Verwaltungen auf jeden Fall vor enorme Herausforderungen stellen – und jederzeit von coronabedingten Schließungen bedroht sein.

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Zwei Bilanzen des Online-Semesters

Dieses unbestreitbare Risiko und die Digitalisierungsfortschritte des Sommersemesters hätten also durchaus ausgereicht, zumindest vorläufig auf die Priorisierung des Präsenzbetriebes weiter zu verzichten. Dass dieser Verzicht dennoch als nicht länger durchhaltbar gilt, wird aktuell insbesondere mit den Ergebnissen der McKinsey-Befragung und den Befunden einer aktuellen Studie der Universität Hildesheim zum Studieren unter Corona-Bedingungen legitimiert. Man kann diese Umfragen als ein deutliches Plädoyer für die Rückkehr in die Hörsäle lesen – aber nur, wenn man zahlreiche andere Einsichten daraus außer Acht lässt.

Für die Hildesheimer Befragung „Studieren digital in Zeiten von Corona“ (Stu.diCo.) wurden zum Ende des Sommersemesters bundesweit 2350 Online-Fragebögen ausgewertet. Das Problem mit dieser Studie ist ein methodisches: Befragt wurden ausschließlich Studenten, Dozenten wurden nicht einbezogen. Die so gewonnene Stichprobe hat kuriose Mängel: 76 Prozent der Befragten sind weiblich, sie studieren zu 39 Prozent in Hildesheim, und Lehramtsstudenten sowie die Sprach- und Kulturwissenschaften sind deutlich überrepräsentiert. Deshalb sollte man vielleicht etwas zurückhaltend mit dem Befund umgehen, dass sechzig Prozent dieser Studenten angegeben haben, die Aussicht auf ein weiteres digitales Semester schlecht zu empfinden.

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Andererseits sagten achtzehn Prozent, diese Aussicht weder gut noch schlecht zu finden, und immerhin 22 Prozent gaben an, diese Möglichkeit sogar gut bis sehr gut zu finden. Ganz ähnlich die Ergebnisse der Stifterverband-Umfrage, an der 1800 Lehrende und 11.000 Studenten teilgenommen haben. Rund sechzig Prozent der Teilnehmer gaben hier an, mit der Umstellung auf digitale Lehrformate durchaus zufrieden zu sein. In Hildesheim sagten zwar 44 Prozent der Studenten, im Sommersemester weniger Veranstaltungen besucht zu haben als sonst. Demgegenüber äußerten sich aber 37 Prozent, sie hätten genauso viele Veranstaltungen geschafft, während sechzehn Prozent sogar an mehr als sonst teilgenommen hatten. Warum? Weil die Zwangsdigitalisierung ihnen eine bessere Integration des Studiums in den Alltag ermöglicht hätte, gerade weil das soziale Leben an der Universität zum Erliegen gekommen sei.

Sehnsucht nach dem Sozialen

Natürlich gibt es Fächer, die sich kaum digital lehren lassen. Kommunikation allein kann die Interaktion nicht ersetzen, die etwa ein Schauspielschüler braucht, ein Musikstudent oder jemand, der im Labor die Praxis des Pipettierens lernen soll. Es ist eigentlich trivial, aber Studieren ist doch mehr als Lesen und Schreiben. Es ist Unterweisung, es ist Korrektur in Echtzeit durch einen Anwesenden, es ist Körperlichkeit und viel Praxis. Im intellektualistischen Furor der Digitalisierung ist dieser Vorrang der akademischen Sozialisation vor der Kommunikation ein wenig vergessen worden.

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Dass die Sehnsucht nach dem Sozialen in diesen Umfragen eher in den Bereich des Nichtakademischen neigt, ist völlig nachvollziehbar. Wenn Fitnessstudios wieder offen sind, warum sollten dann Mensen und Campus-Cafés geschlossen bleiben? Das Campusleben werde durch die Digitalisierung natürlich nicht ersetzt, beklagt der Stifterverband. Darum sei die „Zufriedenheit mit der Lernerfahrung“ im Vergleich zum Wintersemester davor von 85 Prozent auf einen Anteil von 51 Prozent im Sommersemester gesunken. Auch hier fehle das Sozialleben, häuften sich Konzentrations- und Motivationsprobleme zu Hause.

Bemerkenswerter sind aber andere Befunde der beiden Studien. Die Digitalisierung der Lehre deckt Schwächen der heutigen Studenten auf. Was von diesen vor allem vermisst wird, sind anscheinend die schulischen Anteile des Studiums. Als schwierig werden nämlich die „Selbstorganisation und eigenverantwortliche Zeitplanung sowie die Fähigkeit zum eigenständigen Lernen“ betrachtet. „Studierenden“, bemerkt die Hildesheimer Studie spitz, „wird – in Abgrenzung zu Schülern – zugeschrieben, eigenverantwortlich und selbständig ihren Bildungsprozess zu gestalten und ihr Studium bewältigen zu können.“

Offensichtlich kommen nicht alle mit dieser Zuschreibung zurecht. Es ist ein Kompetenzmangel, der ältere Gründe hat. Die Studie des Stifterverbandes, die sich in diesem Befund mit den Hildesheimern einig ist, präsentiert auch gleich den Schuldigen: „Insgesamt“ zeige das Sommersemester, dass digitale Formate „eigenständiges Lernen und bessere Selbstorganisation voraussetzen – Fähigkeiten, die nach Ansicht einiger seit der Bologna-Reform nicht mehr so stark gefordert wurden“.

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Digitalisiertes Sozialleben?

Die Herausforderungen der Hochschul-Digitalisierung ähneln also zumindest in der Lehre eher denen der Schulen – was angesichts der steten Verjüngung der Erstsemester auch nicht überraschen sollte. Man muss also dem Senat der Hochschulrektorenkonferenz an dieser Stelle widersprechen. Der hat im Juli zur Corona-Krise erklärt, Vergleiche der Hochschulen mit den Schulen „gingen hier völlig fehl“, da die „Selbstorganisations- und Selbstlernfähigkeit“ von Studenten ungleich höher seien. Das gilt vielleicht für Teile der Studenten, aber mit Sicherheit nicht für alle.

Einig sind sich die beiden Studien trotzdem darin, dass auch ungeachtet der Pandemie der Trend zu einer stark digitalisierten Hochschullandschaft nicht mehr umkehrbar sein dürfte. Der Stifterverband sieht das eigentliche Defizit darum gar nicht bei der Digitalisierung der Lehre, sondern des Sozialen. Es brauchte mehr digitale „Formate zur Stärkung der sozialen Interaktion zwischen Studierenden“, um die Lernerfahrung zu verbessern. Lernen ließe sich das schließlich von den Unternehmen, die während der Corona-Krise hier wegweisende Experimente gestartet hätten. Allen Ernstes empfiehlt der Verband hier „digitales Speed-Dating“ als Pandemie-adäquates „Sozialformat“ insbesondere für Erstsemester und Austauschstudenten.

Quelle: F.A.Z.
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