Plagiate

Berliner Gericht verschärft Zitierregeln

Von Jochen Zenthöfer
Aktualisiert am 04.08.2020
 - 15:21
Die Bestimmung von Plagiaten aus „Zwischenquellen“ ist jetzt gerichtlich präzisiert worden
Die Rechtsprechung zu Plagiaten wird immer strenger. Nun hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden, dass eine Täuschung auch dann vorliegt, wenn eine „Letztquelle“ aus einer „Zwischenquelle“ zitiert wird.

Vor dieser Situation stand wohl jeder Student schon einmal beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit: In einem Buch oder Aufsatz findet man ein schönes, übernahmefertig eingebettetes Zitat, zu dem auch die Originalquelle angegeben ist. Darf man dann das Zitat und den Verweis auf die Originalquelle übernehmen, die auch „Letztquelle“ genannt wird?

Nein, sagt nicht nur jeder seriöse Wissenschaftler, sondern nun auch das Berliner Verwaltungsgericht – und zwar rückwirkend für eine im Jahr 2001 veröffentlichte Doktorarbeit. Auch damals galt diese Regel aus Sicht der Richter schon. Das zeigt ein bislang unveröffentlichtes Urteil zu einem Plagiatsfall bei einer Doktorarbeit am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin (VG 12 K 412.17), das der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Darin heißt es: „Von einer sanktionsfähigen Täuschungshandlung ist auch dann auszugehen, wenn lediglich die sogenannte 'Letztquelle' – der Ursprung der inhaltlichen Aussage – , aber nicht die 'Zwischenquelle' zitiert wird, aus der die wörtliche Übernahme der Textpassage stammt, die ihrerseits wiederum inhaltlich auf die Letztquelle verweist.“

Grund: Durch das angebliche Zitat erwecke man den Anschein, die zitierte Stelle selbst gelesen zu haben, obwohl das Zitat aus einer Drittquelle entnommen wurde. Im konkreten Plagiatsfall wurde die Täuschung erkannt, weil ein Vornamenfehler aus der (nicht zitierten) Zwischenquelle übernommen wurde, der wohl kaum passiert wäre, wenn die zitierte Letztquelle tatsächlich gelesen worden wäre.

Nachweis von Täuschungen wird erleichtert

In der Praxis bedeutet das Folgendes: Wer etwa in einem Buch ein treffendes Zitat von Niklas Luhmann findet, muss sich anhand der dort gemachten Zitierung auf die Suche nach der Originalquelle machen und dort nachlesen, wenn er die Originalquelle zitiert. Liegt die Originalquelle nicht vor, muss er kenntlich machen, dass er nur die Zwischenquelle zitiert, also: „(Luhmann 1990, S. 12, zitiert nach Mustermann 2000, S. 99)

Bereits im April 2009 hatte das Verwaltungsgericht Berlin (erstmals) zu dieser Frage Stellung beziehen müssen (12 A 319.08). Damals ging es allerdings nur um eine studentische Hausarbeit, die mit „durchgefallen“ bewertet wurde. Das Gericht argumentierte, der Autor verschweige, dass er die durch „seinen“ Text widerspiegelnde Interpretation der „Letztquelle“ und deren semantische Wiedergabe nicht selbst vorgenommen, sondern im Wortlaut identisch aus einer „Zwischenquelle“ übernommen hat. „Dieses Vorgehen verstößt nicht nur gegen die elementaren Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens, sondern stellt – in Prüfungsarbeiten – auch eine Täuschung dar.“

Diese Ansicht wurde von der Universität Hamburg im Jahr 2017 in eine Handreichung des Rechtsamtes übernommen.

Die nun auf Doktorarbeiten erweiterte Ansicht des Verwaltungsgerichts dürfte den künftigen Nachweis von Täuschungen im Einzelfall erleichtern. Studenten müssen sich noch mehr bemühen, die seit Jahrzehnten geltenden Grundsätze wissenschaftlichen Zitierens einzuhalten. Denn nicht die Regel hat sich geändert, sondern nur die Tatsache, dass ihre Einhaltung von den Gerichten auch akribisch überprüft wird.

Im aktuellen Fall bestätigte das Gericht den Entzug des Doktortitels durch die FU. Dabei war die Täuschung über die Zwischenquelle allerdings nur ein Grund von einer großen Zahl von ungekennzeichneten Übernahmen. Eine einzelne Täuschung hätte den Titelentzug nicht ermöglicht. Die Plagiate sind auf der Wissenschaftsplattform VroniPlag Wiki zusammengetragen.

Quelle: FAZ.NET
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