Populismus-Forschung

Kontaktanbahnung mit dem Vulgären

Von Wolfgang Krischke
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 09:46
Die Erforschung des Populismus bedarf einer besonderen Unvoreingenommenheit
Wir da oben? In seiner Auftaktsitzung reflektiert das neue „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ seine eigene Position. Unvoreingenommenheit spielt dabei eine besondere Rolle.

„Ein unheimliches Grauen“ empfand Heinrich Heine bei der Vorstellung, dass „die große rohe Masse, welche die Einen das Volk, die Andern den Pöbel nennen, und deren legitime Souverainetät bereits längst proklamiert worden, zur wirklichen Herrschaft käme“. Was der Dichter hier beschreibt, ist der alte Zwiespalt der Liberalen, die das Volk als verfassungsrechtliche Abstraktion lieben, als Vulgus aber verabscheuen.

Albrecht Koschorke, Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz, hätte Heine zum Kronzeugen aufrufen können, als er bei der Eröffnungskonferenz des neugegründeten „Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (FZG) über die Vulgarität als Ausdrucksform des Populismus sprach. Das „Institut“, initiiert und finanziert von der Bundesregierung, ist ein Verbund von 83 Forschungsprojekten, die über elf Standorte verteilt sind.

Koschorke nahm in seinem Vortrag auch die Befangenheiten in den Blick, die das liberale Milieu, dem er und seine Kollegen mehrheitlich angehören, gegenüber ebendiesem Forschungsgegenstand hegen. Es genüge nicht, so Koschorke, sich über die Verrohung des Diskurses und die Entzivilisierung des gesellschaftlichen Umgangs durch Pegida-Anhänger oder Trump-Fans zu entrüsten. Stattdessen komme es auf eine nüchterne Analyse der sozialen Triebkräfte und ihrer historischen Wurzeln an. Dass der Referent es für angebracht hielt, seinem Publikum die wissenschaftliche Tugend der kühlen Unvoreingenommenheit ins Gedächtnis zu rufen, sagt einiges über den Einfluss normativer Einstellungen auf den Erkenntnisprozess in diesem Forschungsfeld.

Die Hoffnung auf das große Strafgericht

Koschorke sah hinter der populistischen Vulgarisierung neben destruktiven Energien auch starke moralische und egalitäre Impulse am Werk. Sie speisen sich aus dem Gefühl, von den gesellschaftlichen „Eliten“ bevormundet und um angestammte Rechte betrogen zu werden. Schmähungen, Verleumdungen und Hetztiraden sollen „die da oben“ durch ihre Herabwürdigung wenigstens symbolisch vom Sockel holen. Die verbalen Aggressionen heutiger Populisten stellte Koschorke in die lange Tradition der Pöbelerhebungen. Er zog eine Linie von den Konfessionskämpfen – mit Luther als dem Großmeister der Unflätigkeit – über die englischen Levellers des siebzehnten Jahrhunderts und die Pamphletisten des Ancien Régime, die den Adel mit Obszönitäten verunglimpften, bis zur Diffamierungspolitik Trumps und seiner Anhänger.

Zu den Gemeinsamkeiten dieser Revolten von links oder rechts unten gehören die oft religiös eingefärbte Hoffnung auf ein großes Strafgericht, der Hang zu Verschwörungstheorien und die treibende Kraft medialer Innovationen. Wie zu Luthers Zeiten die gedruckte Flugschrift den Streit anheizte, so wirkt heute das Internet als Brandbeschleuniger. Dass die Volkstribunen selbst meist dem Establishment entstammen, gegen das sie wüten, und dass sie den Zorn ihrer Anhänger machtpolitisch instrumentalisieren, sind weitere Konstanten. Gleichwohl erscheinen die Eruptionen des Vulgären in dieser Perspektive der Pöbel-Geschichte als Ausdruck eines ernstzunehmenden „sozialmoralischen Erneuerungswillens“. Die populistischen Parteien und Bewegungen der Gegenwart sehen sich selbst nicht als Gefährder des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sondern als dessen Verteidiger gegen den Zangenangriff eines „linken“ kulturellen und eines „rechten“ ökonomischen Liberalismus.

Im Gegensatz zur Mehrzahl der Konferenzvorträge, die wenig brachten, was nicht auch schon in der Zeitung zu lesen war, bot Koschorkes Beitrag eine Erweiterung des Blicks. Erstaunlich allerdings, dass er die Vulgarisierung als ein kaum erschlossenes Forschungsfeld darstellte. Schließlich gibt es an der TU Dresden den Sonderforschungsbereich „Invektivität“, wo dieses Thema – auch unter der Perspektive des gesellschaftlichen Zusammenhalts – intensiv erforscht wird. Die TU gehört allerdings nicht zum FZG, obwohl – oder weil – sie mit dessen verschlungener Gründungsgeschichte verbunden ist. In Dresden nämlich lehrte der eigentliche Erfinder des „Instituts“, der Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Als konservativer Merkel-Kritiker gehört der Christdemokrat zur Minderheit profilierter Sozial- und Kulturwissenschaftler, die nicht im links-liberal-grünen Milieu zu Hause sind. Wegen des Vorwurfs, gegenüber der AfD und Pegida die Grenze zwischen wissenschaftlichem Verstehen und politischer Sympathie überschritten zu haben, wurde Patzelt an der Gründung des FZG aber schließlich nicht beteiligt.

Vom Verdacht, auf dem rechten Auge blind zu sein, ist das frisch zusammengezurrte Zusammenhaltsinstitut nun gewiss frei. Ob sein Blick ebenso ungetrübt auf die anderen Facetten des politischen und religionspolitischen Spektrums fällt, wird sich zeigen. „Wir als Sozialwissenschaftler haben noch große Schwierigkeiten, zu verstehen, was hier gesellschaftlich passiert. Wir gehören selbst zu den liberalen Eliten, und wir wollen in den Dialog mit größeren Teilen der Gesellschaft kommen“, sagte der Bremer Soziologe Olaf Groh-Samberg zu Beginn der Tagung. Dass das gelingt, ist zu wünschen – dem FZG und der Gesellschaft, die es erforschen soll.

Quelle: F.A.Z.
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