Universitäre Sammlungen

Schatzkammern der Wissenschaft

Von Thomas Thiel
Aktualisiert am 25.09.2020
 - 10:17
Kleinod aus der kunsthistorischen Sammlung: Sandro Botticellis „Die Krönung Mariens“ (um 1488)zur Bildergalerie
Die Hochschulen sollen kommunizieren, aber wie? Die Universität Göttingen hat ein vorbildliches Konzept entwickelt, wie man historische Gegenstände modern präsentiert und Forschung in die Öffentlichkeit trägt.

Von Wissenschaft wird heute erwartet, dass sie sich erklärt. Das ist nicht immer einfach, denn der größte Teil ihrer Arbeit ist für den Laien beim besten Willen nicht zu verstehen. Den schnell aus dem Boden geschossenen Populärformaten vom „Science Café“ bis zum „Scientific Boat Ride“ ist anzumerken, dass sie nicht aus innerer Motivation heraus entstanden sind. Ist die Barkasse wirklich ein guter Ort, um über das Weltbild der modernen Physik zu diskutieren?

Ein klassischer Ort für die Vermittlung von Wissenschaft ist das Museum. Es verfügt ganz von selbst über jene konzentrierte Atmosphäre, die für die Vermittlung von Objekten notwendig ist, an denen sich Erkenntnis festmacht. Von dort kann man stählerne Blicke in die Zukunft werfen wie in den Science Centern, die in Berlin und Wolfsburg entstanden sind, man kann aber auch den – wie immer fragmentarischen – Versuch wagen, das Ganze der Wissenschaft in den Blick zu nehmen. Dafür lohnt sich der Gang ins Archiv.

2011 hat der Wissenschaftsrat darauf gedrungen, die akademischen Sammlungen, die in mehr oder weniger gutem Zustand in den Archiven schlummern, ans Licht zu heben. Das Bundeswissenschaftsministerium hat sich dem Appell angeschlossen. Seit das Ministerium den eigentlich recht gut ausgelasteten Wissenschaftlern auch noch die Popularisierung ihrer Erkenntnisse ins Pflichtenheft geschrieben hat, fragt man sich fieberhaft, wie beides zu verbinden ist.

Verborgene Kunstschätze

In Göttingen hat man sich schon länger darüber Gedanken gemacht. Seit der Gründung des „Academischen Museums“ im Jahr 1773 sitzt die Universität auf einem riesigen Schatz. Unter dem frühen Museumsleiter Friedrich Wilhelm Blumenbach wurden zahlreiche Sammlungen erworben, und weil Blumenbach ein Geschick für deren Präsentation hatte, wurde die Universität weltweit zum gelehrten Pilgerort. Die moderne Forderung, die Sammlungen nicht nur als Faszinosa, sondern auch als Instrumente von Forschung und Lehre zu verstehen, wurde damals fast schon übererfüllt. Aus den Sammlungen, die Reinhold und Georg Forster von ihrer Weltumseglung mit James Cook aus der Südsee mitbrachten, und den Sibirica, die der Baron Georg Thomas von Asch der Universität ebenfalls Ende des achtzehnten Jahrhunderts schenkte, wuchs mit der heute Ethnologie genannten Völkerkunde eine eigene Fachwissenschaft. Der Kunstsammlung, die von der reichen Schenkung Johann Friedrichs von Uffenbach profitierte, verdankte sich die erste Professur für Kunstgeschichte. Auch die Archäologie wurde in Göttingen auf der Basis von Gipsabgüssen antiker Skulpturen zur akademischen Disziplin.

Während die Universitätsbibliothek expandierte, geriet die materielle Basis der Wissenschaft allerdings in Vergessenheit. 1868 wurde das Naturhistorische Museum aufgelöst, und die Sammlungen verteilten sich wieder in die Fachbereiche. Zwar werden sie weiter für Forschungen herangezogen, für die Öffentlichkeit sind sie wenn überhaupt aber nur wenige Stunden in der Woche zugänglich.

Schon ein kurzer Blick in die Gemäldesammlung macht klar, warum das ein Verlust ist. Die Kuratorin der Kunstsammlung, Ann-Katrin Kohrs, verfügt über Kunstschätze, die jeden Museumsdirektor neidisch machen: 240 Gemälde von Lovis Corinth bis Paula Modersohn-Becker, 14 000 Druckgraphiken von Dürer bis Botticelli, Rembrandt bis Kandinsky, dazu Zeichnungen und moderne Videokunst. Anders als Museen hat Kohrs für die in vielen Fällen dringliche Restauration aber kein Geld. Und kunstsinnige Menschen mögen sich fragen: Warum sind die Bilder so selten zu sehen?

Einblick in den Prozess der Wissenschaft

Weil es dafür nun einmal kein Gebäude gibt und weil es, wenn es das gäbe, immer noch schwer zu entscheiden wäre, welche der Zigmillionen Objekte aus den mehr als siebzig wissenschaftlichen Sammlungen dort ausgestellt sein sollten. Um dieses Problem zu lösen, hat man vor sieben Jahren die Zentrale Kustodie gegründet. Diese hat unter der Leitung von Marie Luisa Allemeyer jahrelang an einem Konzept gefeilt, das nicht nur alle Sammlungen integriert, sondern auch ein modernes, selbstreflexives und, das ist Allemeyer wichtig, lustvolles Bild der Wissenschaft präsentiert. Das Ergebnis ist das Forum Wissen, das im Herbst nächsten Jahres seine Pforten öffnen soll.

Das neue Museum wird im alten akademischen Museum einziehen, einem klassizistischen Bau direkt neben dem Bahnhof, der heute noch von Gerüsten eingekleidet ist. Den Innenraum wird der Besucher durch ein Säulenportal betreten, an der Rückfront hat man eine moderne Glas-Stahl-Konstruktion eingezogen. Auch das Ausstellungskonzept verbindet Altes mit Neuem. Es will nicht einzelne Schmuckstücke präsentieren, sondern Einblick in die Praxis und den Prozess der Wissenschaft geben. In den ersten drei Räumen wird der Besucher über Perspektiven, Methoden und Bedingungen der Wissenschaft aufgeklärt. Auf dem Parcours durch elf weitere Räume – vom Labor über die Feldforschung bis zur Bildgebung – kann er nachvollziehen, wie es zu dem kommt, was später Faktum genannt werden wird, und wie in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft damit umgegangen wird. Der Betrachter soll nicht in Vielfalt und Masse ersticken, sondern die Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit verstehen, die nicht auf die Besonderheit des Gegenstands angewiesen sind. Damit wird es möglich, fortlaufend neue Gegenstände aus den verschiedenen Sammlungen zu integrieren, ohne das Konzept selbst zu verändern.

Für neue Entdeckungen aus den Göttinger Instituten wird es einen eigenen Raum geben sowie eine Wechselausstellung, in der abgeschlossene Projekte vorgestellt werden können. Das entlastet die Wissenschaftler von der neuen Pflicht, ihr Wissen selbst zu präsentieren, über die, das ist kein Geheimnis, nicht jeder von ihnen hocherfreut ist. Aus der Zusammenarbeit mit zwei Agenturen, dem Atelier Brückner und den Exponauten, weiß Marie Luisa Allemeyer, dass bei der sinnfälligen Präsentation eine eigene Form von Professionalität gefragt ist, über die ein Wissenschaftler nicht von selbst verfügt.

Sinnliche Erfahrung der Wissenschaft

Man will keine toten Gegenstände zeigen, sondern Exponate, die einen didaktischen Wert haben oder weiter Einfluss auf die Forschung nehmen. Die achthunderttausend Pflanzen der botanischen Sammlung, die nach dem Übergang von der morphologischen Bestimmung zur Gestaltanalyse nur noch musealen Wert zu haben schienen, sind in der Forschung ebenso wieder gefragt wie die Sammlung von Algenkulturen, seit Algen als alternative Energiequelle gehandelt werden. Andere Sammlungen haben nur noch wissenschaftshistorischen Wert.

Für die Zentrale Kustodie bedeutet das eine große Integrationsarbeit. Viele Exponate, die aus den Fachbereichen kommen, müssen erst restauriert werden, wie immer an den Universitäten sind die Kassen knapp. Das Konzept jedenfalls überzeugt. Wer der Wissenschaft bei der Arbeit zusieht, wird einsehen, dass ein wissenschaftliches Faktum nicht verlustlos durch Meinungen ersetzt werden kann, und wer die konkreten Objekte vor Augen hat, an denen sich Theorie festmacht, bekommt vielleicht auch ein Verständnis dafür, dass hinter den vielen Perspektiven ein gemeinsamer Gegenstand steht.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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