Studieren im Ausland

Nach Amerika? Nein danke

Von Birgitta vom Lehn
20.07.2020
, 14:44
Wenig los: So geht es derzeit auf dem Campus der University of California in Berkeley zu.
Corona hat die Auslandspläne vieler Studenten durchkreuzt – und auch die Geschäftsmodelle einiger Unis. Alle hoffen nun auf das Frühjahr.
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Auch wenn allenthalben weltweit Grenzen wieder hochgezogen worden sind, lässt sich das Rad nicht zurückdrehen: Wir brauchen den Austausch über Grenzen hinweg mehr denn je“, stellt Dorothea Rüland, Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), klar.

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Und: Der Austausch müsse schon früh am Anfang einer wissenschaftlichen Karriere beginnen, damit junge Wissenschaftler internationale Netzwerke aufbauen können, schreibt sie in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Forschung & Lehre“, das der Deutsche Hochschulverband herausgibt. Denn, so argumentiert die Fachfrau: „Schaut man sich die Lebensläufe der derzeit gefragten Experten an, so haben sie fast alle früh erste Auslandserfahrungen gesammelt.“

Derzeit ist die Sache mit der Auslandserfahrung allerdings leichter gesagt als getan. Nicht nur junge Wissenschaftler, auch „einfache“ Studenten müssen coronabedingt umdisponieren, Auslandssemester oder Doppelabschlüsse verschieben oder gleich ganz absagen. Die „physische Mobilität“, die für Rüland auch weiterhin „den Königsweg“ darstellt, findet in diesem Jahr für die meisten Studierenden nicht mehr statt – vor allem nicht außerhalb Europas.

Welche Einschränkungen werden wie lange bleiben?

Die Studienstiftung des deutschen Volkes bewilligt aktuell an außereuropäischen Hochschulstandorten nur langfristige Vorhaben ab sieben Monaten Dauer und fördert diese zunächst auch nur als Online-Studien. Das heißt: Sie übernimmt die Studiengebühren für ein reines Online-Studium und zahlt die Reisekostenzuschüsse und Auslandspauschalen erst, wenn eine tatsächliche Ausreise wieder möglich ist. Grundsätzlich bewilligt werden bei überzeugendem Antrag hingegen Studien- und Forschungsaufenthalte sowie Praktika in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Großbritannien, der Schweiz, Norwegen und Liechtenstein. Hier würden Reisekostenzuschüsse und Auslandspauschalen gewährt, teilt eine Sprecherin mit.

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Vielen Studenten geht es zurzeit so wie dem 24 Jahre alten Jonas Beckmann: Der Stipendiat der Studienstiftung wollte im Herbst nach Kalifornien. Zusätzlich ausgestattet mit einem Fulbright-Stipendium, plante der angehende Wirtschaftsingenieur zunächst ein Semester an der University of California in Berkeley, bevor er im darauffolgenden Sommersemester seine Masterarbeit an der RWTH Aachen schreiben wollte. Er sei nun zwar „in der privilegierten Lage, die Zeit akademisch sinnvoll zu nutzen und die Planung einfach umzudrehen“, sprich:

Er schreibt jetzt schon seine Masterarbeit, hat sich einen zweiten Job als wissenschaftliche Hilfskraft organisiert und hofft, im Frühjahr dann nach Kalifornien zu können. „Bislang bin ich optimistisch, dass es klappt, aber es ist natürlich schon die Frage: In welchem Umfang findet das Studium dort überhaupt statt? Einschränkungen wird es sicher geben.“

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„Für mein Studium hat die Absage keine Konsequenzen“

Lena Muser, die im vierten Semester Wirtschaftswissenschaften an der Universität Nürnberg studiert, macht es ebenso: Ihr Auslandssemester an der California State University Fullerton sollte im August starten, jetzt verschiebt sie es auf das kommende Frühjahr und schreibt erst mal ihre Bachelorarbeit. „Für mein Studium hat die Absage keine Konsequenzen, da ich freiwillig ins Ausland gehen möchte“, sagt die 24-Jährige.

Stark betroffen von den coronabedingten Einschränkungen sind aber hiesige Hochschulen und Vermittlungsagenturen. „Der private Bildungsaustausch liegt diesen Herbst weltweit am Boden. Viele Studenten sind stark verunsichert. Die meisten verschieben ihre Auslandssemester aber auf das Frühjahr, nur sehr wenige sagen ab“, beschreibt Alexandra Michel, Geschäftsleiterin der College Contact GmbH, die aktuelle Lage. Ihre Agentur mit Sitz in Frankfurt berät Studenten kostenlos rund um das Thema Auslandsstudium. Die „Lust auf Ausland“ sei aber ungebrochen, sagt sie.

Mit Blick auf die zwischenzeitlich angekündigte rigide Visa-Praxis der amerikanischen Regierung sorgt Michel sich aber schon um die langfristigen Folgen dieser Entscheidung: „Natürlich sind wir sehr erleichtert, dass der ausdrückliche Protest der US-Hochschulen und Bundesstaaten Wirkung gezeigt hat und die US-Regierung die Neuregelung wieder zurückgenommen hat. Dennoch hinterlässt eine solche Entscheidung Spuren. Wer damit rechnen muss, mitten im Semester plötzlich unverschuldet ausreisen zu müssen, wird sich künftig vielleicht zweimal überlegen, ob er überhaupt dorthin geht.“

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Was wird insgesamt aus der Mobilität der Studenten?

Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte diesen Monat angekündigt, ausländische Studierende auszuweisen, die wegen der Corona-Pandemie nur an Online-Kursen amerikanischer Universitäten teilnehmen können. Am Dienstag zog er das Vorhaben überraschend zurück. Als Alternativen zu den Vereinigten Staaten böten sich Kanada, Australien und Neuseeland an, deren Regierungen „sehr gastfreundlich gegenüber internationalen Studenten“ aufträten“, sagt Michel.

Silke Bochow, die das International Office der CBS International Business School in Köln leitet, teilt diese Beobachtung: „Die USA sind für unsere Studenten gerade nicht mehr das englischsprachige Top-Ziel. Stattdessen zieht es sie nach Kanada, Neuseeland und Australien.“ Die private Hochschule mit staatlicher Anerkennung, die sich über einkommensabhängige Beiträge ihrer Absolventen finanziert, sorge sich aber generell um ihr „Verkaufsargument“, gesteht Bochow, „und das sind unsere 120 Partnerunis“. Denn es stehe schon die Frage im Raum: Was wird insgesamt aus der Mobilität der Studenten?

„Zurzeit können die Pflichtsemester noch getauscht werden“

Ein Auslandssemester ist in den englischsprachigen Bachelorprogrammen der Hochschule mit Standorten in Köln, Mainz und Potsdam fest im Studienverlauf verankert. In einigen deutschsprachigen Bachelor- und sämtlichen Masterprogrammen kann das vierte Semester wahlweise im Ausland studiert werden. Im Gegenzug kommen regelmäßig ausländische Studenten für ein Semester, ein Jahr oder ein komplettes Studium an die CBS. „Zurzeit können die Pflichtsemester noch getauscht werden mit dem späteren Beginn im Frühjahr. Falls das auch nicht klappen sollte, gibt es ein Problem“, gibt Bochow zu bedenken. Da die Studiengänge akkreditiert seien, müsse dann auch die Prüfungsordnung geändert werden. Insofern blicke man bei der CBS „mit einigem Zittern“ auf das nächste Frühjahr.

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Besonders betroffen sind sogenannte „Double Degree“-Programme, bei denen Studenten Abschlüsse an Hochschulen in zwei Ländern erwerben können. Die Universität Heidelberg unterhält solche Programme mit Partnereinrichtungen in Frankreich, Italien und Japan. „Zum Teil können die an der jeweiligen Partneruniversität zu absolvierenden Studienleistungen über digitale Lehrangebote abgedeckt werden, zum Teil kommt es aber auch zu Verzögerungen im Studienverlauf“, heißt es aus dem Dezernat Internationale Beziehungen.

An der mit 4000 Studenten vergleichsweise kleinen TU Bergakademie Freiberg könne man hingegen „individuelle Lösungen anbieten“, berichtet Ingrid Lange, Direktorin des International Office. Man sei mit jedem einzelnen der betreffenden Studenten in Kontakt. Doppelabschlüsse seien derzeit natürlich eine besondere Herausforderung. Man hoffe hier aber auf „Entspannung“.

Quelle: F.A.Z.
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