Studierende im Ausland

„30 Stunden, um da rauszukommen“

Von Kim Maurus
02.04.2020
, 09:17
Maike Stemmler vor Verhängung der Ausgangssperre in Barcelona
Viele Studierende träumen von einem Semester im Ausland. Aber jetzt funkt Corona dazwischen. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen in Barcelona, Südostasien – und einem Auslandsstudium zu Hause.
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An der Ramon-Llull-Universität in Barcelona ist das Coronavirus schon Thema, bevor es ganz Spanien in den Griff nimmt. Ende Februar sitzt Maike Stemmler in einem Seminar und diskutiert mit anderen Studierenden am Beispiel der weit entfernten Gesundheitskrise in China, wie sich in Zeiten von ständigen Veränderungen Prognosen machen lassen. „Da war das noch nicht so wirklich real“, sagt sie. „Und jetzt ging das alles relativ schnell.“

Stemmler studiert normalerweise im Masterstudiengang Medienwissenschaft in Bonn. Für ein Auslandssemester ist die 25-Jährige aber Anfang Februar nach Barcelona gekommen. Seit Mitte März ist ihre Gastuniversität wegen der Corona-Krise geschlossen, die sich in Spanien mittlerweile beinahe so verheerend entwickelt wie in Italien. Das Land hat die Ausgangssperre verhängt. Stemmler darf ihre Wohngemeinschaft, in der sie mit drei Mitbewohnern lebt, nur noch zum Einkaufen verlassen. „Draußen gehen sich die Leute absichtlich aus dem Weg, so eine Art Menschenslalom ist das“, sagt sie. Im Supermarkt gebe es Plastikhandschuhe, die müsse jeder anziehen. „Man schleicht durch die Regale. Dann geht man wieder.“ Alles fühle sich an wie in Zeitlupe, sagt sie.

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Drinnen gewöhnt sich die WG langsam an den neuen Alltag. „Gegen 14 Uhr macht sich jeder Mittagessen. Um 18 Uhr machen meine Mitbewohnerin und ich Sport.“ Ihre Unikurse macht Stemmler nun online. „Das hilft, um eine Tagesstruktur zu haben. Aber ich habe keinen Schreibtisch im Zimmer.“ Ursprünglich hatte sie geplant, in der Bibliothek zu lernen.

Luisa Walz
Luisa Walz Bild: Privat

Damit sie im Stehen arbeiten kann, steht ihr Laptop auf einer Kombination aus Abstelltisch und umgedrehtem Wäschekorb. Nicht mehr aus dem Haus zu gehen ist alltäglich geworden. „Ich weiß gerade nicht, wie viel Grad es draußen ist“, sagt sie. „Es ist aber auch ein bisschen egal.“ Als die spanische Regierung weitere Regelungen erlässt, meldet Stemmler sich mit einer kurzen Nachricht: „Ausgangssperre wurde um 15 Tage verlängert.“ Bis Mitte April soll sie dauern. Wenige Tage später schreibt Stemmler noch einmal: Sie werde nach Hause fliegen, da sei momentan die beste Lösung.

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Einreise mit Herzklopfen

Einige Wochen durch Südostasien zu reisen und dann für ein Semester an der Chung-Ang-Universität in Seoul zu studieren – das war der Plan von Matthias Weitkämper. Als seine Gastuniversität erst den Semesterstart auf Mitte März verschiebt und dann die Kurse erst mal nur online anbietet, verlängert der 25-Jährige seine Reise. Aber nach drei Tagen auf der philippinischen Insel Palawan ist Schluss. Die philippinische Regierung gibt bekannt, dass alle Flughäfen schließen. „Ich hatte 30 Stunden, um da rauszukommen. Hinterher hieß es zwar, dass Touristen auch nach der Frist ausreisen können, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht.“

Weitkämper kann sich für diesen Tag kein neues Ticket mehr kaufen, alle Flüge vom kleinen Inselflughafen sind ausgebucht. „Die Vorstellung, vier Wochen auf den Philippinen zu sitzen – man weiß ja nicht, ob es bei den vier Wochen bleibt –, das war schon irgendwie dramatisch“, sagt der Student. Ein Airline-Mitarbeiter rät ihm zu einem anderen Flughafen auf der Insel, sechs Stunden entfernt, aber länger geöffnet. Dort angekommen kann er über einen Zwischenstopp nach Seoul fliegen. Der Masterstudent, der eigentlich Unternehmenskommunikation in Mainz studiert, überlegt zu diesem Zeitpunkt, ob er nach Deutschland zurückfliegen soll. Denn auch die nächtliche Einreise in Südkorea verläuft nicht ganz ohne Herzklopfen. „Die haben sich da echt sehr, sehr genau meinen Reisepass angeschaut, mit drei Leuten.“ Am nächsten Tag kann er sich das erste Mal entspannen. „In der Stadt war alles weitgehend normal. Die Läden waren geöffnet, die Leute haben in Cafés gesessen.“

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Weitkämper entscheidet sich, in Seoul zu bleiben. „Es wirkt so, als hätten die das relativ gut im Griff hier“, sagt er. In der Stadt dürfe er sich frei bewegen, aber er müsse das koreanische Gesundheitsministerium jeden Tag per App informieren: „Da muss man ankreuzen, ob man Fieber und andere Symptome hat oder nicht.“

Kurz vor der Sperre ausgereist

„Es ist nicht ganz das Auslandssemester, das ich mir vorgestellt habe“, sagt Luisa Walz. Die 24-Jährige ist für ein Semester an der Luiss-Universität in Rom eingeschrieben – nun macht sie die Kurse dort vom Schreibtisch in Deutschland aus. Als sich das Coronavirus Ende Februar in Italien ausbreitet, handelt Walz’ Gastuniversität schnell. Noch in Italien kann Walz ihre Kurse über das Internet weiter besuchen: „Man betritt virtuell den tatsächlichen Vorlesungsraum und kann mit dem Professor und anderen Studenten chatten.“

Matthias Weitkämper
Matthias Weitkämper Bild: Privat

Anfang März wird das öffentliche Leben in Rom merklich eingeschränkt. „Geschäfte, Kinos und Museen waren zu, das italienische Leben konnte man nicht mehr wirklich genießen“, sagt sie. In einer Bar werden sie zu dritt an einen Tisch für sechs gesetzt. „Die Kellner haben sich entschuldigt, aber erklärt, dass sie keine andere Wahl haben.“

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Die Masterstudentin, die Management an der Universität Mannheim studiert, fühlt sich nicht mehr wohl. Gemeinsam mit ihrem Freund, der sie zu dem Zeitpunkt besucht, fliegt Walz nach Deutschland zurück. Dass das problemlos klappt, ist Zufall. „Ich bin am 9. März morgens ausgereist. Am Abend wurde verkündet, dass ab dem 10. März die Ausgangssperre gilt. Damit hatte, glaube ich, niemand gerechnet.“

Zurück in Deutschland bleibt Walz für 14 Tage zu Hause. Inzwischen ist klar, dass sie das gesamte Semester von Deutschland aus absolvieren kann. „Ich bin wirklich positiv überrascht, dass das so gut klappt“, sagt sie über ihr Online-Studium. Sogar Zusatzleistungen wie Essays könne sie online einreichen. Sie plant nicht mehr damit, zurückzugehen, zumindest nicht für eine längere Zeit. „Meine Abreise war super spontan, ich habe nur Handgepäck mitgenommen. Ich muss irgendwann noch die anderen Sachen holen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maurus, Kim
Kim Maurus
Volontärin.
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