Studium zu Coronazeiten

Ungeübt in der digitalen Lehre

Von Kai Kauffmann und Matthias Buschmeier
03.04.2020
, 09:46
Ausprobieren auf der Messe „Learntec“ im Januar 2018
Hochschulen und Universitäten fehlt die nötige Ausstattung, um die Aussetzung des Präsenzbetriebs zu überbrücken. Doch nicht alles, was geht, ist auch sinnvoll. Ein Gastbeitrag von zwei Literaturwissenschaftlern.
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Nach der Verschiebung des Vorlesungsbeginns an den deutschen Hochschulen wegen der Corona-Pandemie auf den 20. April erwarten viele Dozenten und Studenten die baldige Absage des gesamten Sommersemesters. Ein „Offener Brief aus Forschung und Lehre“, der online inzwischen von Tausenden Akademikern unterzeichnet worden ist, fordert, das kommende Semester müsse zumindest in dem Sinne ein „Nichtsemester“ werden, dass Studenten zwar Leistungen ablegen können, ihnen aber keine Nachteile entstehen, falls dies für sie nicht möglich ist.

Auch für Hochschullehrer solle das Semester „unter Aussetzung strenger Deputatsberechnungen stattfinden“. Die Wissenschaftsministerien und die Hochschulleitungen scheinen derweil noch fest entschlossen zu sein, den Lehrbetrieb in provisorischer Form aufrechtzuerhalten. In den letzten Wochen oder Tagen haben sich Rektorate und Präsidien an die Lehrenden gewandt und diese aufgefordert, ihre als Präsenzveranstaltungen geplanten Vorlesungen, Seminare und Übungen so weit wie möglich durch digitale Formen des sogenannten „Distance Teaching and Learning“ zu ersetzen.

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Auch in Bielefeld arbeitet das Rektorat der Universität unter enormem Zeitdruck daran, die Infrastruktur für die Umstellung auf E-Learning-Formate auszubauen. Nahezu alle Hochschulen dürften heute digitale Plattformen zur Bereitstellung von Materialien und Übungsaufgaben im Angebot haben. Diese Lernräume sind vor allem für asynchrone Lernsituationen gedacht. Doch die Hochschullehre kann auf Präsenz und Interaktion in synchroner Form nicht völlig verzichten. Deshalb verhandelt man derzeit unter anderem über eine Campus-Lizenz für das Webkonferenz-Programm „Zoom“, obwohl dessen Einsatz im Lehrbetrieb datenschutzrechtliche Fragen aufwirft. Zugleich wird von Seiten der Hochschulleitungen darauf verwiesen, dass durch die umfangreichen Pakete von E-Publikationen der stark eingeschränkte Zugriff auf die Präsenzbestände der Bibliotheken weitgehend kompensiert werden könne.

Technische und didaktische Kompetenzen fehlen

Ob sich allerdings binnen weniger Wochen die Voraussetzungen für eine Umstellung Tausender Präsenzveranstaltungen an den Hochschulen schaffen lassen, erscheint schon in technischer Hinsicht fraglich. Das fängt damit an, dass sicherlich nicht alle Studierenden und vielleicht auch nicht alle Dozenten über die leistungsfähigen Netzanschlüsse und Rechnerkapazitäten verfügen, die für die digitale Kommunikation erforderlich wären. Als Schwierigkeit kommt auf der Ebene der Systeme hinzu, dass die digitalen Lehrräume, die in den vergangenen Jahren an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen als ergänzendes Angebot aufgebaut worden sind, bei flächendeckender Nutzung unter den Datenmengen zusammenzubrechen drohen. Schon heute, Wochen vor dem Beginn der Lehrveranstaltungen, gelingt es beispielsweise nicht, die vom Deutschen Forschungsnetz (DFN) betriebenen virtuellen Konferenz- und Vorlesungsplattformen zu normalen Arbeitszeiten zu betreten. Der Verein weist selbst auf die Gefahr einer Überlastung seiner Server durch die massiv steigende Nachfrage hin.

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Ebenso gravierend ist es, dass es vielen Dozenten an den nötigen technischen und didaktischen Kompetenzen fehlen dürfte, weil sie bislang wenig Erfahrungen mit Formen des E-Learning gesammelt haben. Handreichungen für Hochschullehrer, die jetzt online zur Verfügung gestellt werden, können allenfalls ein Notbehelf sein. Auch in dieser Hinsicht bleibt unklar, wie durch eine flächendeckende Nutzung digitaler Werkzeuge, die nicht mehr in Präsenzveranstaltungen eingebunden sind, ein sinnvoller Lehrbetrieb gewährleistet bleiben soll.

Klassisches Seminar nicht einfach ersetzbar

Besonders in den Geisteswissenschaften wird es gegen die geforderte Umstellung der Präsenzlehre auf Formen des E-Learning hochschuldidaktische Vorbehalte geben. Denn hier dominiert weiterhin die Überzeugung, das gemeinsame Unterrichtsgespräch sei als zentrale Form der akademischen Erkenntnisgewinnung für das Studium unverzichtbar. Diese Auffassung ist prinzipiell richtig. Die mitschwingende Sorge, die von der Hochschulpolitik unter den Bedingungen der Epidemie durchgesetzte Umstellung auf E-Learning könnte zur Dauerlösung für die bekannten Kapazitätsprobleme der deutschen Universitäten gemacht werden, verkennt aber nicht nur die aktuelle Ausnahmesituation. Sie wird auch dem gegenwärtigen Stand der hochschuldidaktischen Diskussionen über den Einsatz des E-Learning nicht gerecht, in denen die notwendige Integration ihrer Werkzeuge in die Präsenzlehre betont wird. Im Übrigen eignet sich E-Learning nicht für Sparprogramme. Im Großversuch des Sommersemesters wird man vielerorts zu der Einsicht gelangen, dass nicht allein der Auf- und Ausbau, sondern auch der Betrieb digitaler Angebote einen erhöhten Ressourceneinsatz erfordert, und zwar auch im Blick auf das Personal, das über fachwissenschaftliche und technische Expertise verfügen muss.

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Speziell für die Geisteswissenschaften bringt die Notlage nicht nur Probleme mit sich. Sie bietet zugleich die Chance für individuelle und institutionelle Reflexionen von Lehrenden und Lernenden darüber, was es eigentlich bedeutet, eine geisteswissenschaftliche Disziplin heute zu unterrichten und zu studieren. Welche Grundformen des Lehrens und Lernens sind wirklich wichtig? Und welche Werkzeuge des E-Learning lassen sich nicht nur in der gegenwärtigen Krisensituation, sondern auch im künftigen Normalbetrieb sinnvoll einsetzen?

Grundlegend für ein geisteswissenschaftliches Studium ist zum einen das individuelle Lesen und Schreiben. Die Aneignung im Lesen war und bleibt zunächst ein einsames Geschäft, das nicht ohne jede Anleitung und Rückmeldung erfolgen sollte. Beides kann auf analogem wie auf digitalem Weg erfolgen. Zum anderen aber bleibt der gedankliche Austausch in dialogischen Formen entscheidend. Zwar lässt sich das klassische Seminar nicht einfach ersetzen; doch stehen inzwischen auch viele für Gesprächs- und Diskussionsformate geeignete Werkzeuge des E-Learning zur Verfügung.

Was kann gestreamt werden?

Der Einsatz von E-Learning-Formaten wird den Lehrenden allerdings abverlangen, dass sie sich intensiver mit diesen Werkzeugen beschäftigen. Nicht alles, was geht, ist sinnvoll. Wollte man beispielsweise alle Präsenzveranstaltungen eines Semesters durch simples Live Streaming ersetzen, müssten die Studierenden, die oft sieben, acht oder mehr Kurse pro Woche belegen, einen großen Teil ihrer Arbeitszeit passiv vor dem Bildschirm verbringen, wenn die vorhandenen Techniken zur Interaktion ungenutzt blieben. Und die Aufzeichnung einer stundenlangen Vorlesung macht auch für sich genommen wenig Sinn. Studien haben gezeigt, dass Lernvideos die Aufmerksamkeit der Betrachter kaum länger als sechs Minuten zu fesseln vermögen. Doch selbst die Produktion von guten Lernvideos dieser Länge ist sehr zeitaufwendig.

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Das kommende Sommersemester wird daher im besten Fall eine Zeit der Reflexion, der Diskussion und der Erprobung von Formen des E-Learning sein. Dazu sollte auch gehören, dass man sich im Kollegium gemeinsam darauf verständigt, welche Pflichtveranstaltungen mit größerem Aufwand online gestreamt werden. In den meisten Fällen wäre es didaktisch wünschenswert, wenn die Lehrenden das zum Selbststudium vorgesehene Lektürepaket mit konkreten Lese- und Schreibaufträgen verknüpften, um dann in kürzeren OnlinePhasen mit den Studierenden über deren Zwischenergebnisse zu diskutieren.

Das neue Semester als große Chance

Die Bielefelder Germanistik macht seit einigen Jahren mit solchen Lektürepaketen sehr gute Erfahrungen. Die Intensität der Lektüre steigt. Und die Notwendigkeit zur schriftlichen Fixierung der eigenen Arbeitsergebnisse bringt oft größere Lernfortschritte, als wenn man den Vortrag eines Dozenten an sich vorbeirauschen lässt. Entscheidend für den Erfolg sind dabei Rückmeldungen auf die Schreibprodukte. Gerade hier bieten die Tools der digitalen Lernräume hervorragende Möglichkeiten für Dozenten, aber auch für die wechselseitige Rückmeldung von Studierenden auf ihre Texte. Dies gilt darüber hinaus für die gemeinsame Erarbeitung von schwierigen Forschungstexten. Werkzeuge wie Hypothesis zum gemeinsamen Markieren, Kommentieren, Annotieren sowie der Verschlagwortung dieser Anmerkungen in PDF-Dokumenten sind nur ein Beispiel dafür, wie Dozenten den Lernprozess stärker in die Eigenverantwortung der Studierenden geben können.

Es ist zu Recht im politischen Raum auf die Notwendigkeit solidarischen Handelns verwiesen worden. Dies wird auch für den Lehrbetrieb der deutschen Hochschulen gelten. Lehrende wie Studierende können die Situation nur gemeinsam meistern. Probleme wird es geben, und nicht alles wird funktionieren. Das kommende Semester wird aber auch die Chance eröffnen, dass sich endlich wieder ein Geist gemeinsamer intellektueller Arbeit einstellt, der von vielen im Normalbetrieb vermisst wird. Es hätte eine gewisse Ironie, wenn dieser Geist jenseits der Hörsäle und Seminarräume wieder zum Leben erweckt werden könnte. Aber einmal aus der Flasche, wird er dann seinen Weg dorthin zurück finden, wo sein Platz eigentlich sein sollte.

Matthias Buschmeier und Kai Kauffmann lehren Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Quelle: F.A.Z.
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