Studi-Trend Studytube

Per Klick zum Erfolg

Von Laura Städtler
22.09.2022
, 16:19
Study-Tuber: Niklas Steenfatt spricht auf Youtube über Lernstrategien, Präsentationen und Freizeitaktivitäten.
Egal welche Frage, im Internet hält jemand die Antwort bereit. Auch zu den Themen Studium und Berufseinstieg. Manche Ratschläge von Influencern sind aber mit Vorsicht zu genießen.
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Niklas Steenfatt sitzt in seinem Wohnzimmer und spricht in eine Kamera. Im Hintergrund sorgt eine Stehlampe für angenehme Beleuchtung, im Vordergrund geht es um die „Top 10 der größten Fehler im Studium“. Schlechte Lernmethoden, Vorlesungen schwänzen oder sich selbst Prüfungsstress machen – Dinge, von denen Steenfatt abrät und die er in einem seiner Youtube-Videos thematisiert. „Ich möchte jungen Leuten zeigen, wie man das Beste aus sich herausholt“, sagt Steenfatt. „Das hätte ich mir selbst früher gewünscht.“

Für den heute 28-Jährigen lief es allerdings auch ohne Onlineratgeber ziemlich gut. Nach seinem Einserabitur schloss Steenfatt einen Informatik-Bachelor in Hamburg als Jahrgangsbester ab. Es folgte ein Master in Mathematik an der britischen Eliteuniversität Cambridge. Neben Erfahrungsberichten aus seiner Studienzeit gibt Niklas Steenfatt seit dem Jahr 2020 Tipps auf Youtube: von produktiven Lernstrategien über Stipendienbewerbungen bis hin zur perfekten Power-Point-Präsentation. Damit trifft er einen Nerv: Seinem Kanal auf der Plattform folgen 200.000 Personen, manche Videos haben mehr als eine Million Klicks.

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Nicht nur Steenfatt spricht im Netz über Themen wie Studium, Lernerfolg und Karriere – das Segment hat mittlerweile sogar einen eigenen Namen: „StudyTube“ lautet der geflügelte Begriff, unter dem die Inhalte auf Youtube zusammengefasst werden. Von konkreten Tipps und Anleitungen über Videoblogs – sogenannte „Vlogs“ – aus dem Alltag auf dem Campus und Frage-Antwort-Videos ist alles dabei.

Pauken in Hogwarts

Neben Youtube bietet auch Instagram eine Plattform für Lern-Influencer, dort finden sich unter dem Hashtag „Studygram“ rund 16,3 Millionen Beiträge. Auf Tiktok haben Clips mit diesem Schlagwort zusammen ganze 4,3 Milliarden Aufrufe. Die Zielgruppe sind junge Menschen, vor allem Studierende, teilweise auch Schüler. Sie wollen von den Erfahrungen ihrer Vorbilder profitieren, bessere Noten schreiben, ihre Traumpraktika bekommen und den perfekten Berufseinstieg schaffen. Das Angebot dafür ist riesig.

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Ein Trend, der während der Corona-Lockdowns auf besonders großen Anklang gestoßen ist, sind „Study-with-me“-Videos. Youtuber filmen sich selbst beim Lernen und kreieren so die moderne Version einer Lerngruppe. Gemeinsam online produktiv sein, Pauken in Hogwarts, an malerischen Strandpromenaden oder in schummrigen Jazzclubs – „StudyTube“ macht es möglich. ,

„Dass Schüler und Studierende für diese Inhalte empfänglich sind, hat den Grund, dass ihr Leben zu einem großen Teil davon bestimmt ist“, sagt Sven Dierks. Er lehrt Medien- und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt. Influencer seien vor allem dann erfolgreich, wenn sie für ihre Abonnenten nah und greifbar wirken. Ungefähr wie eine Person aus dem eigenen Alltag.

Gemeinsam statt einsam studieren: Rebecca Alvarado hat in der Corona-Krise Lerngruppen digitalisiert.
Gemeinsam statt einsam studieren: Rebecca Alvarado hat in der Corona-Krise Lerngruppen digitalisiert. Bild: privat

So wie die Youtuberin Rebecca Alvarado. Sie hat den Trend des gemeinsamen Onlinelernens während Corona entdeckt und auf der Chat-Plattform Discord einen virtuellen Raum für die Abonnenten ihres Youtube-Kanals eröffnet. Dort können sich ihre Zuschauer austauschen und zusammen lernen. „Ein bis zwei Mal am Tag schaue ich in den Channel und melde mich zu Wort“, sagt Alvarado, die selbst in Heidelberg molekulare Biotechnologie studiert. Auf ihrem Youtube-Kanal „Rebecca Elizabeth“ gibt die 29-Jährige Einblicke in ihren Uni-Alltag.

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„Ich will das gern für alle zugänglich machen. Jeder soll sich von meinen Inhalten angesprochen fühlen“, erklärt Alvarado. Die Tipps und Ratschläge aus ihren Videos sind nur selten fachspezifisch: Es geht darum, wie man ein WG-Zimmer findet, seine Klausuren vorbereitet oder einen Lernplan schreibt. Eine Sache ist ihr dabei besonders wichtig: „Ich lege viel Wert darauf, nur über Themen zu sprechen, mit denen ich selbst Erfahrungen gemacht habe und bei denen ich mich auskenne.“

Vom Youtuber zum Privatcoach

Auf Social Media sei das laut Sven Dierks längst nicht selbstverständlich. Er sagt: „Das Problem mit vielen Inhalten online ist, dass sie nicht redaktionell geprüft sind.“ Jeder könne auf Social Media „Wissen“ vermitteln und damit auch Geld verdienen. „Wenn es bei jemandem gut läuft – die Videos also zum Beispiel viele Klicks bekommen oder die Followerzahl hoch ist –, erscheint uns die Person automatisch kompetent“, sagt Dierks. Als Informationsquelle nehme Social Media bei jungen Leuten eine wichtige Rolle ein.

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Kein Wunder, dass einige Zuschauer bereit sind, ihren Onlineidolen für eine persönliche Betreuung sogar Geld zu zahlen. Einige Influencer aus dem StudyTube-Universum haben ein Geschäft gewittert und bieten Coachings an – also persönliche Beratungsgespräche oder individuelle Lerntyp-Analysen. Einer, der dafür schon in der Kritik stand, ist David Döbele. Der ehemalige BWL-Student und heutige Unternehmer ist unter anderem durch seine Inhalte auf Youtube, Instagram und Tiktok bekannt geworden. Seit 2020 führt er seine eigene Coaching-Firma „pumpkincareers“ – für „die Investment Banker, Unternehmensberater, CEOs und Finanzinvestoren von morgen“, wie es auf der Website heißt.

Der schwierige Einstieg in eine „High­perfor­mance-Karriere“ soll durch die Beratung von Döbele und seinem 27-köpfigen Team gelingen. Für eine Summe zwischen 3000 und 7000 Euro erhält man eine studienbegleitende Betreuung. Es gibt wöchentliche „Live-Calls“ mit einem der Coaches, hinzu kommen Videomaterialien, Vorlagen und Präsentationen. Das erklärte Ziel: sich gegen die harte Konkurrenz durchsetzen, maximal effizient sein.

Diesen Ansatz befürwortet nicht jeder. Eine Journalistin der Tageszeitung „Die Welt“, die zu Döbeles Geschäft recherchiert hat, warf ihm vor, Geld an den Existenzängsten junger Menschen zu verdienen. Er selbst kann den Vorwurf nicht nachvollziehen. Döbele und sein Team beziehen sich laut eigener Aussage bei der Vermarktung der Coachings auf den angespannten Bewerbermarkt in den jeweiligen Branchen, zum Beispiel der Finanzbranche. Grundlage seien offizielle Aussagen der Firmen sowie „eigene Erfahrungswerte und die Erfahrungswerte unserer Coaches“, heißt es vom Unternehmen. Bedeutet: Aus Döbeles Sicht rentieren sich die Coachings, weil sie die Teilnehmer in gefragten Branchen zu gut bezahlten Jobs bringen könnten.

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Gegen den Leistungsdruck?

Dass junge Menschen bereit sind, für ein Coaching von Döbele mehrere Tausend Euro zu zahlen, hat laut Wirtschaftspsychologe Dierks einen bestimmten Grund. „Der Effizienzgedanke spielt heute eine ungeheure Rolle im Leben junger Menschen“, sagt er. Das lasse sich in verschiedenen Bereichen beobachten, mittlerweile auch in Dierks’ Vorlesungen. „Wenn ich mit meinen Studierenden mal ein paar Minuten nur philosophiere, werde ich gefragt: Was bringt mir das jetzt? Wie kann ich das verwerten?“ Und das, obwohl der Arbeitsmarkt insgesamt wesentlich entspannter ist als noch vor 20 Jahren. „Trotzdem leben junge Menschen ihr gesamtes Leben zunehmend unter einem ‚Dach der Effizienz‘“, sagt Dierks.

Youtuber Steenfatt sieht diese Entwicklung nicht unbedingt negativ: „Wenn man effizient arbeitet, hat man automatisch mehr Freizeit. Produktivität kann einen glücklich machen“, sagt er. Rund zwei Millionen Aufrufe hat sein Video zur effizientesten Lernmethode auf Youtube. „Eine gute Strategie reduziert in meinen Augen eher den Leistungsdruck, als ihn zu erhöhen“, meint Steenfatt. Mit Ratschlägen wolle er seinen Zuschauern Ängste und Bedenken nehmen.

Was aber, wenn die Tipps nicht funktionieren, der Erfolg ausbleibt? Experte Dierks erklärt, dass sich bei Social-Media-Nutzern schnell Frustration einstellen kann, wenn sie die online vorgelebten Ziele nicht selbst erreichen. „Einige Studien zeigen, dass sich der ständige Vergleich mit anderen negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken kann. Man denkt automatisch: Bei denen klappt alles, bei mir nichts. Was mache ich falsch?“

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„Ich bin auch nicht perfekt”

„StudyTube“ arbeitet mit Rezeptwissen. Influencer geben klare Handlungsanweisungen, die in wenigen Schritten zum gewünschten Ziel führen sollen. „Fünf Schritte zur perfekten Hausarbeit“ oder „Mit zehn Tipps zum Traum-Praktikum“. Diese Anleitungen funktionieren aber nicht unbedingt für alle gleichermaßen. „Eigentlich ist eine viel individuellere Analyse notwendig, als jedem zu raten: Du musst das so und so machen“, sagt Dierks. Nur die eigenen Vorbilder zu imitieren führe nicht automatisch zum Erfolg.

Die Uni-Influencer Steenfatt und Alvarado sind sich der möglichen negativen Effekte, die ihre Videos auf die Zuschauer haben könnten, durchaus bewusst. „Man zeigt oft nur, was gut läuft. Die Leute stellen einen dann auf ein Podest“, sagt Alvarado. „Mir ist es aber wichtig, das immer wieder einzureißen und klarzumachen: Ich bin auch nicht perfekt.“ In ihren Videos spricht sie deshalb bewusst auch über schlechte Noten, Stresssituationen und Selbstzweifel. Und Steenfatt gibt bei Instagram aus diesem Grund immer wieder Einblicke in seine Freizeit, Ausgleich ist ihm wichtig – er selbst geht gern auf Partys und zeigt auch das bei Instagram.

Quelle: F.A.Z.
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