Tenure Track

Die Debatte um akademische Karrierewege wird falsch geführt

Von Peter-André Alt
16.06.2022
, 08:57
Erstsemester-Begrüßung in Frankfurt im April
In der Debatte zum akademischen Mittelbau wird Wolkenschieberei betrieben. Das Mittel zur Reform ist längst gefunden und wird von den Hochschulen zunehmend praktiziert. Ein Gastbeitrag.
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Die Debatte über befristete Beschäftigung in der Wissenschaft leidet unter einer Vielzahl realitätsferner Erwartungen. Etliche Vorschläge, die hierzu eingebracht wurden, lassen den nötigen Wirklichkeitssinn vermissen. Das gilt für die Interventionen der GEW, die immer noch zu glauben scheint, dass die Schaffung von mehr Dauerstellen bei gleichzeitigem Erhalt aller befristeten Positionen möglich sei. Das gilt für die Verfechter des Berliner Hochschulgesetzes, die diese befristeten Positionen in permanente Stellen umwandeln wollen und dabei verkennen, dass wir faire Chancen auch für nachrückende Generationen benötigen.

Es gilt für die Junge Akademie, deren Ziel es ist, ein Departmentmodell mit mehr Freiheit für die Inhaber von Positionen unterhalb der Professur zu schaffen, dabei aber übersieht, dass in Technik- und Naturwissenschaften freischwebende Mittelbaustellen ohne Anbindung an eine Arbeitsgruppe für den Forschungsbetrieb gänzlich ineffektiv wären. Und alle miteinander vergessen vollkommen, dass es längst eine Lösung für das Problem schlecht planbarer Karrieren gibt: Es heißt Tenure-Track-Professur. Der Umbruch, der mit ihrer Einführung verbunden ist, hat weitreichende Konsequenzen. Über sie und nicht über akademische Wunschphantasien sollte gesprochen werden.

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Prinzip des Tenure Track ist klar:

Mit der vom Bund finanzierten Eta­blierung von tausend Tenure-Track-Professuren wurde 2017 der Weg in eine neue Berufungsstruktur beschritten. Bis 2032 läuft das entsprechende Förderprogramm, von dem in der ersten Runde 34, in der zweiten 57 Universitäten profitierten. Die meisten Hochschulen haben schon den nächsten Schritt vollzogen und sind dabei, den Tenure Track in den Alltag zu überführen. Das erlaubt es, Berufungen auf wiederzubesetzende Professuren in jedem Fach langfristig vorzubereiten.

Im alten Modell wurde frühestens zwei Jahre vor dem Freiwerden eines Lehrstuhls eine Kommission gebildet, die den Ausschreibungstext verabschiedete und nach Eingang der Bewerbungen in einen meist langwierigen Auswahlprozess eintrat. Im Tenure-Track-Modell beginnt die Wiederbesetzung sechs Jahre vorher, mit der Etablierung einer Zeitprofessur, die für Postdocs nach der Promotion zur Verfügung steht. Wer entsprechende Leistungen in Forschung, Lehre, Mentorierung und akademischer Selbstverwaltung erbringt, wird nach sechs Jahren auf die dann freie Dauerprofessur berufen.

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Je nach Landesgesetz unterscheiden sich die Verfahren der Leistungsüberprüfung im Detail, doch nicht in grundsätzlicher Hinsicht. Das Prinzip des Tenure Track ist klar: Berufungsfähige Bewerber werden frühzeitig gewonnen und können sich für eine spätere Dauerprofessur auf einer Stelle qualifizieren, die ihnen bereits einen hohen Grad an wissenschaftlich-institutioneller Selbständigkeit bietet.

Tiefgreifende Neurorientierung nötig

So attraktiv das Programm ist, so deutlich sind auch die Herausforderungen, die es für die Universitäten birgt. Zuallererst verlangt es eine tiefgreifende Neurorientierung aller Fächer im Hinblick auf ihre Berufungsprozesse. Akademische Selbstergänzung beginnt früher als im alten Modell, eben schon auf der Ebene der Postdocs. Ein Wechsel von im Lebensalter fortgeschrittenen Professorinnen und Professoren auf den Lehrstuhl an einer anderen Universität ist in diesem System kaum möglich. Denn alle Stellen werden von den Jüngeren via Tenure Track besetzt, nicht mehr über den Quereinstieg, der im bisherigen Modell neben der Erstberufung nachrückender Generationen immer möglich war.

Im Tenure-Track-System ist Scheitern ein doppeltes, nämlich institutionelles und persönliches Problem. Wenn sich ein Kandidat nach der Evaluation als für die Dauerprofessur ungeeignet erweist, müssen nochmals sechs Jahre vergehen, ehe deren Wiederbesetzung im zweiten Anlauf gelingen kann. Solche Verzögerungen bedeuten in jedem Fach einen Verlust von Ansehen und Forschungskraft.

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Nicht zuletzt ist das Scheitern für die Individuen ein Dilemma, nachdem sie kostbare Lebensjahre in eine akademische Karriere investiert haben. In den Vereinigten Staaten mit ihren knapp 4900 Hochschulen führt der Weg für die, denen Tenure an einer Ivy-League-Universität versagt bleibt, zumeist auf eine Professur an einer leistungsschwächeren Hochschule, etwa einem Community College. In Deutschland gibt es solche Rückfalloptionen nicht, der Sturz wäre für die Gescheiterten härter und folgenreicher. Andererseits können nicht hundert Prozent aller Tenure-Track-Professuren zu einer positiven Evaluation führen; eine Lösung für dieses Problem ist nicht in Sicht.

Dilemma liegt im Bereich der Stellenkapazitäten

Die Tenure-Track-Professur muss sechs Jahre lang parallel zur regulär besetzten Dauerprofessur etabliert werden. Aus finanziellen Gründen, aber auch mit Rücksicht auf die konstant zu haltende Lehrkapazität wird man hier keine zusätzlichen Stellen schaffen, sondern vorhandene Mittel-baupositionen in Zeitprofessuren umwandeln. An einer großen Universität sind pro Jahr häufig dreißig Professuren neu zu besetzen. Das bedeutet, dass sechs Jahre vorher dreißig Zeitprofessuren für den Tenure Track zur Verfügung stehen müssen. Die Forderung nach einem Aufwuchs an Postdoc-Stellen mit Lebenszeitperspektiven ist also wirklichkeitsfern und sachwidrig. Diese Stellen befinden sich heute schon an allen Universitäten im Aufbau — aber es sind keine Mittelbaupositionen mehr, sondern Zeitprofessuren mit Tenure Track, die alle Parameter erfüllen, um die in der aktuellen Debatte gestritten wurde: Planungssicherheit, Transparenz, akademische Selbständigkeit.

In zehn Jahren wird der Tenure Track auch an deutschen Universitäten der Regelfall für die Wiederbesetzung einer Professur sein. Statt Wolkenschieberei zu betreiben, sollten alle Beteiligten in die Debatte darüber einsteigen, wie man diesen Übergang bestmöglich gestalten kann. Dazu gehört die Frage, ob ein kleines Kontingent von Professuren an jeder Universität künftig zur Besetzung mit etablierten älteren Spitzenleuten bereitgehalten werden soll.

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Dazu zählt aber auch die Notwendigkeit, Juniorprofessuren für fortgeschrittene Postdocs zu schaffen, die gemäß den meisten Landesgesetzen sechs Jahre nach der Promotion nicht mehr berufen werden dürfen. Wer eine „lost generation“ verhindern will, muss hier flexiblere Regelungen finden. Es gibt also mit Blick auf eine faire und erfolgreiche Ausgestaltung der neuen Berufungsmodelle viel zu tun. Die aktuelle Debatte über den Umbau unserer Postdoc-Strukturen wirkt angesichts der Evidenz des Tenure-Track-Systems, aber auch angesichts der Baustellen, die zu ihm gehören, wie die Suche nach den Sprossen einer Leiter, auf denen man längst steht.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Quelle: F.A.Z.
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