Unterstützung für Uni-Dozenten

Lehre lernen

Von Lisa Kuner
24.08.2020
, 10:10
Eine Vorlesung zum Einschlafen? Das muss nicht sein.
Wer im Hörsaal Studierende unterrichtet, hat nicht immer viel Ahnung von Didaktik und Rhetorik. Wie es besser und mit weniger Gähn-Faktor geht.
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Ihr erstes Seminar hielt Stephanie Gast Zepeda digital. So hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt, aber wie alle anderen musste auch die 25 Jahre alte Doktorandin der Staatswissenschaften an der Universität Erfurt wegen der Corona-Krise umdisponieren. „In der ersten Sitzung hat erst mal mein Mikrofon nicht funktioniert“, erzählt sie. Gast Zepeda gibt dieses Sommersemester zum ersten Mal einen Kurs, es geht um Economic Governance in der Europäischen Union. Die Vorbereitung war aufwendig, weil es ihr erster Kurs war und weil er von Grund auf konzipiert werden musste. Unterstützung und Rat bekam sie dafür wenig. „Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Uni muss man sich sowieso viel selbst erarbeiten.“

So wie Gast Zepeda geht es vielen jungen Lehrenden an deutschen Unis: Wenn sie das erste Mal unterrichten sollen, sind sie hauptsächlich auf sich allein gestellt. Lehrende werden wegen ihrer fachlichen Expertise angestellt, unterrichten sollen sie eher nebenher. Wie Universitäten sie auf diese Aufgabe vorbereiten, ist sehr unterschiedlich. Meist sind die Weiterbildungsangebote freiwillig.

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Das führt auch dazu, dass in den hinteren Reihen schwer erkennbare Powerpoint-Folien, scheinbar zusammenhangslose und monotone Vorträge oder reiner Frontalunterricht zum regelmäßigen Alltag an deutschen Hochschulen gehören. Denn auch wenn die Person vorne am Pult ein Mathegenie oder eine grandiose Politiktheoretikerin ist, heißt das nicht automatisch, dass sie auch weiß, wie man diese Inhalte vermittelt. Hinzu kommt, dass Unterrichten kein gottgegebenes Talent ist, sondern, wie fast alles, geübt werden muss. Nicht immer tun das Lehrende, eine Didaktik- oder Rethorikveranstaltung mussten die meisten nie besuchen.

Für Jan-Hendrik Schleimer, der zu theoretischer Biologie an der Humboldt-Uni in Berlin forscht, ist das Designen einer guten Vorlesung oft das Ergebnis von Ausprobieren. „Die erste Variante ist oft nicht ideal, und der erste Jahrgang leidet da auch darunter“, gibt er zu. Meistens spiegelten die Studierenden aber schnell zurück, was funktioniere und was nicht, und man könne die Veranstaltung dann verbessern.

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Coaching mit Videoanalyse

In den Niederlanden ist das anders. Jeder, der dort dauerhaft an einer Uni lehren will, müsse einen Basiskurs im Unterrichten machen, erklärt Manon Kluijtmans, Leiterin des Zentrums für Akademische Lehre an der Universität Utrecht. Sie selbst arbeitet an der medizinischen Fakultät und ist Epidemiologin, hat sich inzwischen aber auf die Erforschung der Lehre spezialisiert. Schon in den neunziger Jahren erkannte man in den Niederlanden, dass Forschung einen zu hohen Stellenwert an den Unis einnahm und darunter die Qualität der Lehre litt.

„Lehre wurde eher als Belastung wahrgenommen“, sagt Manon Kluijtmans. Heute müssen darum Lehrende an niederländischen Unis in den ersten beiden Jahren ihrer Anstellung eine University Teaching Qualification, also ein Zertifikat, das ihre Lehrfähigkeit bestätigt, erwerben. In einer Mischung aus Workshops und Mentoring sollen die Lehrenden dabei ihr Unterrichtsportfolio in den Dimensionen Vorlesungsdesign, Durchführung und Bewertung aufbauen. Zehn Präsenztage plus einige Zeit, um das Portfolio schriftlich auszuarbeiten, müssen die Dozierenden dafür mindestens investieren.

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In Deutschland gehört die Uni Jena zu den Hochschulen, die sich besonders darum bemühen, ihre Lehrenden auch für das Unterrichten zu qualifizieren. Evelyn Hochheim leitet dort die Servicestelle „Lehre lernen“. Seit dem Jahr 2012 gibt es diese Stelle, mehr als 400 Personen hatten im vergangenen Jahr ihre Angebote wahrgenommen. Einrichtungen wie diese gibt es an vielen deutschen Unis. Wie gut sie ausgestattet sind und was sie anbieten, variiert allerdings stark. Oft sind sie projektfinanziert, das bedeutet auch, bei Einsparungen bleiben schnell die Gelder weg. „Wir bieten fast täglich Weiterbildungsveranstaltungen oder Coachings an“, sagt Hochheim.

„Gute Lehre und gute Forschung müssen Hand in Hand gehen“

Das Besondere dabei sei, dass sie diese Kurse selbst gäben, statt sie an freie Trainer abzugeben. Abgedeckt wird dabei die ganze Bandbreite: Vom Workshop für studentische Tutoren bis hin zur Fortbildung für Professoren und Professorinnen ist alles dabei. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, die eigene Veranstaltung per Kamera aufzeichnen zu lassen und dann anschließend in einem Coaching mit Videoanalyse darüber zu sprechen, was verbessert werden kann. „Lange haben wir gerade die ältere, erfahrenere Gruppe schlecht erreicht“, sagt Hochheim. Gelöst hat ihr Team das mit einem Zertifikatsprogramm speziell für Professorinnen und Professoren. Es beinhaltet mehrere Tagesworkshops, Videoanalyse und Coaching. Wenn Professoren das durchlaufen, bekommen sie zusätzliche Gelder für ihren Lehrstuhl. „Die zusätzliche Lehrqualifikation muss sich lohnen“, sagt Hochheim.

Ein Grundproblem sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden: Universitäre Lehre hat nicht denselben Stellenwert wie Forschung. „Anerkennung bekommt man nicht über den Lehrbetrieb“, sagt Jan-Hendrik Schleimer. Wenn Stellen besetzt werden, geht es in Deutschland typischerweise vordergründig darum, wie viele Publikationen die Bewerberinnen oder Bewerber vorweisen können, oder auch, wie gut sie in der Vergangenheit darin waren, Drittmittel einzuwerben.

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Die Lehre spielt zwar laut Evelyn Hochheim auch zunehmend eine Rolle, aber eben keine ausreichend große. „Seit letztem Jahr gehört hier in Jena aber zumindest eine Lehrprobe verpflichtend zum Berufungsverfahren. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, sagt sie. Denn tatsächlich sei gute Lehre immens wichtig, denn nur durch sie könne es wissenschaftlichen Nachwuchs geben. „Gute Lehre und gute Forschung müssen Hand in Hand gehen.“

Digitalisierung frisst viel Zeit

„Professoren haben auch einfach nicht die Zeit, die Lehre zu verbessern“, wirft Jan-Hendrik Schleimer von der HU einen weiteren Problempunkt auf. Denn dafür sei es nötig, Geld und Energie zu investieren, die oft auch an anderen Stellen gebraucht würden. Eine Lösungsmöglichkeit sieht er darin, wie zum Beispiel in Großbritannien üblich, mehr Menschen speziell für die Lehre anzustellen. Zusätzlich fände er es sinnvoll, den akademischen Mittelbau zu stärken. Gerade die vielen befristeten Stellen verhinderten echten Fortschritt.

Stellen für die reine Lehre gibt es an deutschen Universitäten kaum, meist sind stattdessen bei einer Forschungsstelle acht bis zehn Semesterwochenstunden Unterricht Pflicht. Das Prinzip dahinter ist die Idee einer Einheit von Forschung und Lehre. In der Theorie soll das aktuelle Forschungsergebnisse möglichst schnell zu den Studierenden bringen, in der Praxis bedeutet das oft, dass gestresste Forscherinnen und Forscher jahrelang dieselben mittelmäßigen Kurse geben.

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An der Uni Utrecht in den Niederlanden versucht man aktiv, dieses Problem anzugehen. Es gibt eine Kampagne zur Diversifizierung akademischer Karrieren. In Zukunft soll exzellente Forschung nicht der einzige Weg sein, um Anerkennung zu bekommen, auch gute Lehre oder Führung sollen stärker in den Fokus rücken. Die meisten Lehrenden lieben es aus Manon Kluijtmans Sicht zu unterrichten und im Kontakt mit Studierenden zu stehen, aber wenn das nicht anerkannt werde, ginge die Motivation dafür verloren. Sie wünscht sich, dass in Zukunft für eine gelungene Lehrveranstaltung genauso gratuliert wird wie für einen publizierten Artikel.

Für Lernerfolg intrinsische Motivation entscheidend

„Wenn Anstrengungen in der Lehre nicht honoriert werden, bringt das alles nichts“, sagt sie. Die Uni Utrecht nimmt darum Geld in die Hand: Zwei Millionen Euro investiert sie jedes Jahr in gute Lehrprojekte. Wichtig sei zum Beispiel, dass es ein regelmäßiges Feedback für Studierenden gebe. „Wir setzen auf tiefes und nachhaltiges anstatt auf oberflächliches Lernen“, sagt Kluijtmans. Außerdem werden Stipendien an ausgezeichnete Dozentinnen und Dozenten vergeben. „Das ist ein doppelter Vorteil: Sie bekommen Geld, und der Einsatz für die Lehre wird auch auf dem Lebenslauf sichtbar“, fasst sie zusammen. Allgemein ist Kluijtmans zufrieden damit, wie sich der Stellenwert und die Qualität von Lehre in den vergangenen Jahren entwickelt haben, aber es sei noch immer Luft nach oben: „Ich wünsche mir, dass akademische Karrieren flexibel und dynamisch ablaufen können.“

Die meisten deutschen Unis haben da im Gegensatz zu dem niederländischen Programm noch einiges nachzuholen. Aber auch Hochheim teilt Kluijtmans Ansicht: „Gute Lehre muss genau wie gute Forschung honoriert werden.“ Sie ist sich allerdings nicht sicher, ob es auch in Deutschland ein guter Ansatz wäre, Lehrende zu verpflichten, an Weiterbildungsprogrammen teilzunehmen. „Lehrende sollten frei entscheiden können, was für sie der richtige Weg zur guten Lehre ist. Hochschuldidaktische Weiterbildung ist zwar ein sehr guter Weg, aber nicht der einzige“, meint sie.

Aus der Perspektive einer Pädagogin fügt sie außerdem hinzu, dass es wenig Sinn ergebe, erwachsenen Menschen etwas beibringen zu wollen, das sie nicht hören wollten; für den Lernerfolg sei intrinsische Motivation entscheidend. Jan-Hendrik Schleimer sieht das ähnlich, aber ganz auf freiwilliger Basis geht es für ihn auch nicht. Wenn Lehrende zum Beispiel wiederholt schlechtes Feedback für Veranstaltungen bekommen, würde er sich stärkere Konsequenzen wünschen. Das müsste nicht zwangsläufig eine Weiterbildung sein, manchmal würden vielleicht auch einfach zusätzliche Tutorien Sinn ergeben.

Corona hat die Situation für viele Lehrende noch mal verschärft und bedeutet auch für Schleimer Zusatzaufwand. Seine Vorlesungen ins Digitale umzustellen fraß viel Zeit. Gleichzeitig gebe es von der Uni wenig Unterstützung darin, wirklich innovative Lösungen auszuprobieren. Inzwischen läuft es aber einigermaßen: „Wir wursteln uns da durch“, erzählt er. Das sei sicher problematisch, schweiße aber auch zusammen.

Quelle: F.A.Z.
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