Präsidentschaftskandidat Trabert

Das Paradies auf Rädern

Von Thomas Thiel
02.02.2022
, 09:56
Respekt für Sie: Gerhard Trabert versorgt einen Obdachlosen mit einem neuen Schlafsack.
Sein Dauereinsatz am Rand der Gesellschaft machte den Hochschullehrer Gerhard Trabert zum Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten. Mit seiner rollenden Praxis flickt er die Löcher des Sozialstaats. Eine Visite.
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Herr K. hat noch einmal Glück gehabt. Erst hat er zu tief ins Glas geschaut und die Kontrolle verloren. Doch bevor er ins Unglück stolpern konnte, haben ihn zwei Freunde vom anonymen Alkoholikertreff aufgegabelt und den Notdienst gerufen. Er sitzt jetzt an einer Bushaltestelle, das Kinn auf die Brust ge­rutscht, im Mund ein Zigarillo. Äußerlich ist er regungslos, innerlich steht er unter Druck. Er hat seinen Schlafsack verloren. Gerhard Trabert beugt sich zu ihm vor: Er könne die Nacht im Krankenhaus verbringen. Er schreibt ihm ei­ne Einweisung, damit man ihn dort nicht zurückweisen kann. Eine Versicherungskarte hat K. nicht. Bevor die Sanitäter mit ihm abfahren, wendet sich Trabert noch einmal an ihn: Im Krankenwagen bitte nicht rauchen.

Es ist nasskalt und zugig an diesem Januartag. Wie jeden Donnerstag kreist Gerhard Trabert mit seinem Arztmobil durch Mainz, um Menschen zu versorgen, die durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen. Nach den Visiten in Wohnheimen kommt die Suche nach Ob­dachlosen. Er kennt ihre Stammplätze, doch heute muss er mehrmals durch die Innenstadt kreisen. Vor der Stadtbi­bliothek ist ein Schlaflager, vom Besitzer keine Spur. Er findet ihn über einem warmen Belüftungsschacht vor dem Gutenberg-Museum. Er reicht ihm einen neuen Schlafsack. „Wo waren Sie heute auf Platte?“ Trabert siezt seine Patienten. Er will sie mit Würde behandeln und ihnen das verlorene Selbstwertgefühl zurückgeben. Er gibt Herrn B. Me­dikamente und bittet ihn, weniger in Alkohol zu investieren. Zuletzt rät er ihm, im Obdachlosenheim zu übernachten, bei den Temperaturen werde dort niemand abgewiesen. Herr B. will es sich überlegen.

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Seit die Linkspartei Gerhard Trabert für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen hat, sind der Sozialmediziner und sein Arztmobil bundesweit bekannt. Er schiebt die Tür des Transporters zurück und sagt mit einem Hauch Ironie: „Das ist mein Behandlungsparadies.“ Im Innenraum befindet sich eine Liege. Medikamentenfächer. Eine kleine Arbeitsfläche. Dort erledigt er die Abrechnung. Patienten mit Chipkarte werden abgerechnet. Unversicherte behandelt er ehrenamtlich. Er will das Gesundheitssystem nicht aus der Verantwortung entlassen.

Lücken im sozialen Netz

Hauptberuflich ist Gerhard Trabert Professor für Sozialmedizin an der Rhein-Main-Hochschule in Wiesbaden, dazu hat er eine Zulassung als Notfallmediziner. Der Hochschulverband hat ihn vor zwei Jahren für seinen selbstlosen Einsatz zum Professor des Jahres gewählt. Trabert war der erste Besitzer einer mobilen Praxis. Seit 25 Jahren geht er auf Visite. Es gibt heute in rund zwanzig Städten fahrende Ambulanzen. Nicht viel, aber ein Anfang. Warum gibt es überhaupt Obdachlosigkeit in einem Sozialstaat, der Krankenversorgung und Wohnraum garantiert? Manche brächten nach einem schweren Schicksalsschlag nicht die Kraft auf, ihre Rechte einzufordern, sagt Trabert. Andere halte die Scham davon ab, besonders nach dem Verlust des Arbeitsplatzes. Und außerdem gibt es noch eine Bürokratie, die Entscheidungen verzögert. Haftentlassene hätten beispielsweise erst einmal keine Krankenversicherung, das ließe sich auf einfache Weise ändern, indem man den Antrag vorverlegt. Bekanntlich entscheidet sich in den ersten Monaten nach der Entlassung, ob Häftlinge zurück ins Leben finden.

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Außerdem gibt es Menschen ohne Versorgungsansprüche. Trabert erzählt von einem rumänischen Patienten, der ohne sein Wissen als Schwarzarbeiter benutzt wurde und deshalb in Deutschland keine Krankenversicherung hatte. Er bekam Lungenkrebs. Eine Therapie durch die Universitätsklinik konnte er ihm noch organisieren, doch sie kam zu spät. Die Beerdigung wurde vor der Kapelle abgehalten. Drinnen hätte extra gekostet. Trabert fährt mit dem Arm durch die Luft: „Das ist so ein skandalöses Thema!“

Eigentlich will er sich und seine Ar­beit überflüssig machen. Die Armen und Obdachlosen sollen wieder ins Re­gelsystem zurückgeführt werden. Weil das so schnell nicht passieren wird, en­gagiert er sich politisch. Er ist davon überzeugt, dass ein reiches Land wie die Bundesrepublik die Versorgungslücken schließen könnte, auch wo es dazu nicht verpflichtet sein sollte. Über einen Notfallfonds für Schwererkrankte ohne Versicherung kam er in Kontakt zur Linkspartei-Vorsitzenden Janine Wissler, die seine politische Karriere ins Rollen brachte. Gerhard Trabert hat als Präsidentschaftskandidat keine Chance, doch es hat Charme, sich ihn als Bundespräsidenten vorzustellen. Wie er mit grauem Parka und offenem Hemd vor Bellevue steht und die Kranken behandelt, die er, wie er angekündigt hat, auch als Präsident weiter versorgen würde. Vielleicht würde sich Frank-Walter Steinmeier, der seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit geschrieben hat, ja zu ihm gesellen.

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Trabert hat eine zugewandte, unaufdringliche Art und wache, sensible Augen. Während der Visite hebt er sich kaum von seiner Umgebung ab. Nur der vorgebeugte Oberkörper und der prüfende Blick lassen den Arzt erkennen. Ein halbes Dutzend Personen steht jetzt an der Notunterkunft im Stadtteil Gonsenheim vor seinem Wagen. Eine junge Frau kommt heulend und fluchend auf sie zumarschiert. Heroin Kid steht auf ihrer Jacke, es riecht nach Marihuana. Sie knallt die Tür zu und verschwindet im Haus. Wenige Minuten später steht sie vor dem Arztmobil und sagt lä­chelnd: „Da sind Sie ja, Herr Doktor, ich suche Sie schon seit Wochen.“

Gerhard Trabert will seine Kandidatur nutzen, um auf das Schicksal von Obdachlosen und Armen aufmerksam zu machen und vielleicht auch ein bisschen auf den Verein Armut und Gesundheit, den er 1997 gegründet hat. Mittlerweile hat er 26 Angestellte, er unterhält eine Ambulanz in Mainz und hat Ableger in Syrien und Kenia, außerdem im Flüchtlingslager von Lesbos. Trabert reist jedes Jahr ins Ausland, er war in Haiti und Sri Lanka nach den großen Naturkatastrophen, in Kobane und Mossul versorgte er Kriegsopfer knapp hinter den Frontlinien des Bürgerkriegs. Seine nächste Reise soll nach Afghanistan führen. Er will Krankenhäuser mit medizinischem Gerät versorgen.

Politik der Ausgrenzung

Gerhard Trabert ist kein Lifestyle-Linker. Die Wagenknecht-These von der ehemals linken Partei, die sich von den Arbeitern abgewendet habe hin zu einer Symbolpolitik, die niemand etwas koste, will er nicht kommentieren. Seine linke Überzeugung geht auf seinen Großvater zurück, der dem Nationalsozialismus die Stirn bot. Der Faschismus habe auch deshalb entstehen können, weil man damals weggeschaut habe, als Menschengruppen ausgegrenzt wurden. Das dürfe nicht wieder geschehen. „Hinschauen, hinschauen, hinschauen!“, sagt er fast flehentlich. Dass ihm ein NS-Vergleich als Trivialisierung des Holocaust ausgelegt wurde, hat ihn geschmerzt. Er habe das Schicksal von Flüchtlingen nicht mit Holocaust-Opfern gleichsetzen wollen, sondern nur auf die Mechanik der Ausgrenzung hinweisen wollen. Das jüdische KZ-Opfer Mosche Flinker, das er zitiert hatte, hat dies in seinem Tagebuch so beschrieben: „Es ist, als wäre man in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen, während eine kleine Gruppe Menschen still in der Ecke sitzt. Ab und an holen sie aus diesem Grüppchen ein paar Leute, schleppen sie in ein Nebenzimmer und drücken ihnen die Kehle zu. Die anderen feiern gelassen weiter. Es berührt sie nicht. Vielleicht haben sie ja dadurch noch mehr Spaß.“

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Die meisten von Traberts politischen Zielen – Vermögensteuer, höhere Einkommensteuer, Reform der Erbschaftsteuer, Bürgerversicherung – decken sich mit denen der Linkspartei, aber er will kein Parteimitglied werden. Was habe es mit Neid zu tun, fragt er, wenn man Um­verteilung fordere in einer Gesellschaft, in der 45 Haushalte so viel Geld hätten wie die untere Hälfte der Gesellschaft? Er will, dass Armut in jedem Ressort eine Rolle spielen müsse, natürlich auch im Gesundheitsministerium. Dort habe es dazu einmal eine Arbeitsgruppe gegeben, die wieder aufgelöst worden sei, obwohl man wisse, wie stark Armut und Krankheit zusammenhängen.

Seit der Pandemie ist das Leben für Obdachlose noch einmal schwerer geworden. Plötzlich waren Tafeln, Toiletten, Teestuben geschlossen. Vor dem Coronavirus sind eben doch nicht alle gleich, wie man durch sozialmedizinische Studien weiß. Die Infektionsrate ist in unteren Schichten deutlich höher, die Verläufe sind schwerer, die Probleme sind andere. „Wie kann ich mich ohne Smartphone testen lassen?“, fragt ein junger Mann vor der Teestube in der Mainzer Zitadelle, der letzten Station der Visite. „Kommen Sie her. Wir machen das“, sagt Gerhard Trabert und öffnet die Schiebetür. Wie jeder gute Hausarzt ist er auch ein Sozialarbeiter.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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