Transdizplinarität

Wissenschaft im Grenzverkehr

Von Gerald Wagner
28.09.2021
, 14:02
An der TU Berlin wird aktuell diskutiert, ob Transdisziplinarität praxistauglich sein kann.
Eine Konferenz an der TU Berlin überprüft das Schlagwort „Transdisziplinarität“ auf seine Praxistauglichkeit. Doch dafür hätte es zunächst einer Einigkeit über dessen Bedeutung bedurft.
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Disziplinär, multidisziplinär, interdisziplinär, transformativ, transdisziplinär: Drückt sich in diesem inflationären Wortfeld ein Steigerungsverhältnis aus, das eine bessere wissenschaftliche Praxis verspricht? Man muss nur auf den Klimawandel, die Migration, soziale Ungleichheit oder globale Pandemien blicken, um zu erkennen, dass Wissenschaft hier selbstverständlich in multidisziplinären Verbünden arbeitet, die in vielfältigen Beziehungen zu außerwissenschaftlichen Akteuren stehen. Was aber soll das neue Schlagwort Transdisziplinarität vermitteln? Die Einsicht, dass die disziplinäre Verfassung der Wissenschaft selbst das Problem ist? Fordert der Begriff dazu auf, über die Disziplinarität hinauszuwachsen in eine „gemeinsame Forschung mit der Gesellschaft“ statt über sie?

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Eine Tagung an der TU Berlin hat jetzt versucht, den in der Wissenschaftstheorie seit fünfzig Jahren diskutierten Begriff zu schärfen und seine Praxistauglichkeit in einem umfangreichen Handbuch „Transdisziplinäre Didaktik“ nachzuweisen. Auffallend war, dass man zwar wie TU-Vizepräsident Hans-Ulrich Heiß die Lehre transdisziplinär „ganz neu denken“ wolle, die Tagung selbst aber von unverhohlener Skepsis gegenüber der Transdisziplinarität als wissenschaftlicher Praxis geprägt war.

Ambitionierte Selbstkritik?

In der Theorie reagiert man mit dem Begriff auf die Befürchtung, als Wissenschaft immer noch nicht offen genug zu sein für die Zivilgesellschaft. Eine solche Selbstkritik gibt sich ambitioniert, wirkt aber eher eingeschüchtert. Von der „fiebrigen Unsicherheit“ einer „Wissenschaft im Krisenmodus“ schreiben Thorsten Philipp und Tobias Schmohl in dem von ihnen herausgegebenen Handbuch. Aber wie viel erhöhte Temperatur und Skrupel angesichts der eigenen Gestaltungsmacht verträgt die Wissenschaft denn noch, ohne sich zu lähmen?

Gerade die Corona-Krise hat doch vorgeführt, wie kurz die gesellschaftliche Geduld mit den methodischen Skrupeln wissenschaftlicher Praxis ist, wenn es ganz schnell gehen soll mit der Entwicklung von Impfstoffen. Andererseits ist der Ausweis innovativer Lehrformate zunächst auch nur ein Zugeständnis an die Erwartungen neuer Generationen von Studenten, aber noch kein Nachweis struktureller Umbrüche. Oder werden an der TU Berlin neuerdings Lehrstühle ohne disziplinäre Zuordnung ausgeschrieben?

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Umstrittene Debatte

Rudolf Stichweh machte keinen Hehl daraus, dass er eher in der Multidisziplinarität den „Innovationsmotor“ der heutigen Wissenschaft auf der operativen Ebene sieht. Es sei ja auch nicht auszuschließen, meinte in ähnlicher Richtung Ines Langemeyer, dass die aktuellen Herausforderungen durch die genannten „gesellschaftlichen Großprobleme“ (Stichweh) nur Übergänge markierten, die durch die Entstehung neuer Disziplinen Lösungen finden könnten und nicht durch die Einbindung von immer mehr externen Akteuren aus der Gesellschaft.

Den Gegenstand der Tagung als umstritten zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung, schließlich fragte Langemeyer unverblümt, ob es Transdisziplinarität überhaupt gebe. Nimmt man der Begriff wörtlich, geht es dabei schließlich um die Überschreitung von Grenzen. Aber soll damit der wissenschaftliche Anspruch auf eine privilegierte Rationalität angegriffen werden? Begegnen sich in der transdisziplinären Kooperation Wissenschaftler und nichtwissenschaftliche Akteure denn auf Augenhöhe? Philipp und Schmohl jedenfalls verlangten unverblümt, dass die kanonisierten Disziplinen weichen müssten. Transdisziplinär bedeute „gegenhierarchisch“. Grundsätzlich sei dafür die Anerkennung des Gleichheitsgrundsatzes wissenschaftlicher wie nichtwissenschaftlicher Wissensressourcen. Letztlich sei das eine „Machtfrage“.

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Die Umsetzung ist kompliziert

Zunächst ist es eine Frage nach den Ressourcen. Studenten, die schon jetzt mehrheitlich die Regelstudienzeit nicht schafften, noch drei Semester in Transdisziplinarität auszubilden, sei der falsche Weg, meinte Alex Ruser. Er empfahl stattdessen stärkere Praxisorientierung in der Lehre. Das ist zwar eine uralte Forderung, aber sie beruht auf der Erfahrung, dass Transdisziplinarität in der Forschung weniger ein Steigerungs- als vielmehr ein Überforderungsverhältnis darstelle, so Ruser.

Auch Dirk Baecker stellte ganz nüchtern klar: Transdisziplinäre Wissenschaft ist betreuungsintensiv. Der Abstimmungsbedarf in solchen Projekten wäre enorm. Man dürfe darum erwarten, dass dies zu einem massiven Ausbau der Beschäftigung des Mittelbaus in langfristig finanzierten Anstellungsverträgen führen „könne“. Aber wer soll das finanzieren? Braucht das deutsche Hochschulsystem jetzt auch noch eine Agentur für Transdisziplinarität?

Das Problem der Definition

Baecker wollte damit nicht den Sinn transdisziplinärer Forschung und Didaktik in Frage stellen, aber er stellte klar, dass die drängenden Probleme „einer sich selbst zerstörenden Menschheit“ trotz aller Dramatik nicht an die Stelle der Disziplinen treten könnten. Baecker zufolge ist nicht die Öffnung der Universität der entscheidende Punkt der transdisziplinären Forschung und Lehre, sondern die Richtung des damit gemeinten Lernverhältnisses. Er warf der Wissenschaft Arroganz vor, wenn sie nicht anerkenne, dass die verwissenschaftlichte berufliche Praxis der Universität in vielem voraus sein könnte. Baecker meinte damit Rechtspflege, Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Beratung und Therapie. Hier werde Wissenschaft betrieben, aber anders als an der Universität, mit anderen Methodologien, anderen Verfahren der Problemstellung, der Kritik und Bewertung von Lösungen.

Der Wissenschaftsrat veröffentlichte 2015 sein Positionspapier „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über große gesellschaftliche Herausforderungen“, in dem zum ersten Mal die Gemeinwohlorientierung als Richtschnur für deren Lösung empfohlen wurde. Gesine Schwan vertritt im Handbuch zur transdisziplinären Didaktik recht apodiktisch die Überzeugung, dass damit methodisch nichts anderes als Transdiszipli­narität gemeint sei. Aber damit ver­bindet Schwan nur die Unschärfe des einen Begriffs mit der normativen Überfrachtung des anderen. Auch daran zeigt sich: Transdisziplinarität ist noch keine etablierte Lösung, sondern selbst das Problem, das dringend gelöst werden müsste.

Quelle: F.A.Z.
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