Programmierschule 42

Die Nerds von morgen

Von Oliver Schmale
01.12.2020
, 10:16
Die Programmierschule 42 wirft alte Bildungsmodelle über Bord: Studienabbrecher werden ebenso gefördert wie junge Menschen ohne Ausbildung. Denn der IT-Branche mangelt es nach wie vor an Fachkräften.

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Sie gilt als wichtigste Technologie der Zukunft und wird praktisch in allen Bereichen eingesetzt. Für den 30 Jahre alten Programmierer Emil Wallner stellen sich da ganz neue Fragen: „Ich finde es auch spannend, zu überlegen, was Kreativität eigentlich ist: Kann eine KI einen Artikel schreiben, der uns etwas Neues lehrt, ein Gemälde schaffen, das eine fesselnde Botschaft hat, oder ein Lied schreiben, das ich in der Dauerschleife höre?“, fragt der IT-Fachmann. Er ist zuletzt im Bereich der automatisierten Kolorierung tätig gewesen.

Bei der Kolorierung gebe man einem Algorithmus ein Schwarzweißfoto und die entsprechende Farbversion. „Nach ein paar Millionen Beispielen lernt das System, wie der Algorithmus konfiguriert sein muss, um jedes Schwarzweißfoto in Farbe zu übersetzen“, erläutert Wallner, der derzeit bei Google in Paris im dortigen Arts & Culture-Laboratorium tätig ist. „Wir untersuchen, wie man Kunst und Kultur unterhaltsam, lehrreich und interaktiv gestalten kann.“ Das Rüstzeug dafür hat sich der Schwede an der Programmierschule 42 in der französischen Hauptstadt geholt.

Diese sucht keine Computerfreaks, Sonderlinge oder Streber, sondern junge Leute, die einmal im Bereich der Informationstechnologie arbeiten und Karriere machen wollen. Auch wenn sie noch gar nicht wissen, in welchem Bereich. An solche Menschen wendet sich die Programmierschule 42, die eine etwas andere Art der Ausbildung anbietet. Es wird studiert, ohne Professoren, Vorlesungen, Noten, Anwesenheitspflicht – und dann auch in „Leveln“ (Module) statt Semestern. Die erste École 42 ist 2013 in Paris von dem französischen Milliardär und Unternehmer Xavier Niel ins Leben gerufen worden und soll den Unternehmen jene IT-Fachkräfte liefern, die momentan fehlen. Inzwischen gibt es ein Netzwerk von 31 weiteren solcher Ausbildungsstätten mit 10 000 Studenten. Sie sind auf der ganzen Welt verteilt.

Ausbildung auch ohne Schulabschluss

In Wolfsburg und in Heilbronn entstehen die ersten beiden deutschen Ableger. Ihren Namen hat die Schule von dem Roman und dem gleichnamigen Film „Per Anhalter durch die Galaxis“ des britischen Autors Douglas Adams. Die 42 ist dort die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Das Curriculum besteht aus 21 „Levels“. Stina Lützenkirchen aus Karlsruhe studiert seit November 2018 an der Schule in Paris. „Ich hatte schon immer Interesse an allem, was mit Computern zu tun hat“, sagt die 23-Jährige, die sich auch in Deutschland um einen Studienplatz für Medieninformatik beworben hatte. Doch die Ausbildung an der École 42, die allen auch ohne Schul- oder Hochschulabschluss und unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft offensteht, sagte ihr mehr zu als ein klassisches Universitätsstudium in Deutschland.

Vor dem Umzug von Karlsruhe nach Paris stand aber erst einmal ein Auswahlverfahren der besonderen Art an: Zunächst gab es zwei Online-Tests zum Thema Logik, berichtet Lützenkirchen. „Das hatte noch nichts mit Programmieren zu tun.“ Die absolvierte sie erfolgreich und wurde dann zu Aufnahmeprüfung eingeladen. Dort wurden dann die ersten, einfachen Grundlagen der Programmierung vermittelt. Mit diesen Kenntnissen müssen die jungen Leute dann beispielsweise ein Programm schreiben, mit dessen Hilfe Sudokus gelöst werden können.

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Der Campus der Schule sei rund um die Uhr geöffnet. Auch am Wochenende und an Feiertagen. „Es kommt schon vor, dass ich manchmal bis 22 Uhr da bin“, sagt die junge Frau. Gemeinsam mit den anderen löst Lützenkirchen die Programmieraufgaben, die das pädagogische Team ins Intranet stellt. Wenn sie es geschafft hat, erreicht sie die nächste Stufe und kann sich dem nächsten Projekt widmen. So arbeitet sie sich Level für Level hoch – fast wie in einem Computerspiel. Lützenkirchen lernt nicht nur das Programmieren, sondern auch Bildbearbeitung, Netzwerk-Administration, Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und Projektmanagement. Künftig will sie sich verstärkt mit der App-Entwicklung für Mobiltelefone befassen. Ihr schwebt die Entwicklung einer besonderen Carsharing-App für Unternehmen vor, mit deren Hilfe die Mitarbeiter ihre Mitfahrgelegenheiten zum Arbeitsplatz organisieren können.

Unterricht ohne Skripte und Lehrbücher

Ihr erstes Pflichtpraktikum hat die 23-Jährige gerade beim Energiekonzern Engie absolviert. Dort arbeitet sie nun als Werkstudentin neben ihrem Studium. Klassische Dozenten oder Professoren gibt es an den Programmierschule nicht. Ebenfalls wird oftmals auf Skripte oder Lehrbücher verzichtet. Es wird auf Gruppenarbeit und praxisnahe Projektarbeiten gesetzt.

Der 25 Jahre alte Dustin Krecisz aus Paderborn studiert seit einem Jahr an dem niederländischen Ableger in Amsterdam. Er hat nun Level vier bei der auf dreieinhalb Jahre angesetzten Ausbildung erreicht. Inzwischen hat er schon ein Spiel programmiert, einen eigenen Webserver aufgesetzt und auch gelernt, warum ein kleiner Programmierfehler Folgen für ein ganzes Programm haben kann. Er habe schon einmal vier Stunden an einem Programmierfehler gearbeitet und zuerst im Internet nach einer Lösung gesucht, erzählt er. „Doch die Lösung habe ich nicht gefunden.“ Dann sei er zu einem Mitschüler gegangen, der sehr gut im Programmieren sei. Dieser hatte innerhalb von wenigen Sekunden die Lösung parat.

Krecisz schätzt an der Ausbildung, dass die Schule den jungen Leuten die Freiheit gebe, alles selbst zu organisieren. So gebe es keine Vorgaben, in welcher Zeit ein Projekt abgeschlossen werden oder wann daran gearbeitet werden müsse. „Man darf so viele Fehler machen, wie man möchte.“ Ziel des 25-Jährigen ist es, die Ausbildung ganz durchzuziehen und Stufe 21 zu erreichen. Nach Beendigung der Programmierschule gibt es lediglich ein Zertifikat. Das Diplom ist staatlich nicht anerkannt, für die Schule und viele Unternehmen spielt das aber keine Rolle. Für die Schüler durchaus. Staatliche Studienunterstützung können sie deshalb nicht beantragen. Krecisz ist das egal gewesen. Im ersten Jahr bekam er ein Stipendium von der Schule in Amsterdam, und er betont, dass sie gleichfalls manchmal die Studenten unterstützt, wenn sie ein Problem haben, beispielsweise bei der Zimmersuche vor Ort, oder wenn es einmal um die Überwindung einer Frustphase geht.

Mangel an IT-Fachkräften entgegenwirken

„Wir versuchen, die Schüler zu motivieren, wenn sie einen Hänger haben“, sagt Thomas Bornheim, der Geschäftsführer der Programmierschule in Heilbronn. Dort und am künftigen Standort in Wolfsburg sollen im Mai 2021 jeweils 150 Studierende starten, und langfristig soll es bis zu 600 Studierende pro Campus geben. Die jungen Leute bewerten während der Ausbildung ihre Aufgaben auch gegenseitig, erläutert der 44-Jährige, der selbst zuletzt bei Google im Silicon Valley gearbeitet hatte. Bei der Bewertung spielt natürlich erst einmal die Frage eine Rolle, ob das Programm funktioniert oder nicht.

„Es ist auch wichtig, ob die gefundene Lösung für alle anderen verständlich ist.“ Jede gestellte Aufgabe sei lösbar, sagt Bornheim, der sich mit rund einem Dutzend Mitarbeitern vor allem um das Organisatorische und Pädagogische in Heilbronn kümmert. Künftige Studenten müssten motiviert und selbstorganisiert sein. „Das ist sehr wichtig.“ Denn die jungen Leute haben unheimlich viele Freiheiten. So kann jeder Einzelne selbst entscheiden, welcher Zeitraum für ein Projekt angesetzt wird.

In Heilbronn ist die Dieter Schwarz Stiftung Sponsor der Schule. Nach Angaben von Geschäftsführer Reinhold Geilsdörfer stellt sie die Räumlichkeiten und die notwendige Erstausstattung zur Verfügung sowie die finanziellen Mittel für den laufenden Betrieb. Die genaue Summe nennt er nicht. In Wolfsburg investiert Volkswagen im ersten Jahr 3,7 Millionen Euro. In Heilbronn ist die Stiftung schon lange im Bereich der Bildung mit einem eigenen Campus aktiv. Ein Ziel sei es, mit dem neuen Angebot dem Mangel an IT-Fachkräften in der Region entgegenzuwirken. Geilsdörfer betont aber: „Die Studierenden sind vollkommen frei in ihrer Berufswahl und können ihren Arbeitgeber selbst auswählen.“ Glaubt man Erfahrungsberichten aus der Programmierschule im Ausland, absolvieren manche Studierende die Ausbidlung aber gar nicht bis zum Ende, weil sie schon vorher von einem Unternehmen einen Arbeitsplatz angeboten bekommen.

Krisenfeste Zukunft

Trotz – und sogar zum Teil wegen – der Corona-Pandemie werden IT-Fachleute weiterhin stark gesucht. Die Referentin Bildungspolitik vom Branchenverband Bitkom, Nina Brandau, sagt: Für die ganze Wirtschaft sei die aktuelle Situation eine Chance. Eine Art Auftrag, die Digitalisierung mutiger und entschlossener voranzutreiben. „Dementsprechend gefragt werden IT-Fachkräfte auch außerhalb der Kernbranche bleiben.“

Das durchschnittliche Gehalt in der IT Branche beläuft sich demnach zwischen 62.000 bis 65.000 Euro. Tendenz steigend. Die Gehälter von IT-Berufseinsteigern variieren abhängig vom Bildungsabschluss: Zwischen 55.000 Euro für Nichtakademiker und 79.000 für Akademiker mit Promotion, berichtet Brandau weiter. Und Sebastian Holmer von Kienbaum glaubt nicht, dass sich die positiven Beschäftigungsaussichten in den nächsten Jahren ändern werden. „Hervorzuheben ist dabei auch die Krisenfestigkeit nicht nur der Branche, sondern auch der jeweiligen Funktionen. Die meisten Unternehmen befinden sich an einem Punkt der eigenen digitalen Veränderung, so dass sich heute fast kein Arbeitgeber mehr erlauben kann, hier den Fortschritt zu verpassen.“

Mangel an Auszubildenden

Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich der Informationstechnologie gibt es zahlreiche: Neben dem klassischen Studium werden gleichfalls vier IT-Ausbildungsberufe angeboten. Brandau betont: „Bisher gibt es insgesamt mehr IT-Ausbildungsplätze als Interessenten. Es fehlen also in erster Linie die Auszubildenden und nicht die Plätze.“

Hinzu kommen private, kostenpflichtige Angebote, die um Interessenten werben. Dazu sagt die Bildungsexpertin vom Branchenverband: „Man sollte ein Interesse am selbstbestimmten Lernen haben und sich gut selbst strukturieren und motivieren können. Die Programme sind oft intensiv, und es sollte eine hohe Lernbereitschaft mitgebracht werden. Je nach Programmierschule und Ort werden Englischkenntnisse vorausgesetzt.“ Gleichfalls würden sogenannte Coding Bootcamps und private Programmierschulen immer populärer. Dies liege auch daran, dass oft keine bestimmten Schul- oder Uniabschlüsse vorausgesetzt werden und somit auch Menschen aus anderen Fachgebieten umsatteln können.

Quelle: F.A.Z.
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