Start des Wintersemesters

Präsenz ja! Aber wie viel?

Von Sarah Obertreis
17.10.2021
, 10:40
Seit langem wieder in Präsenz: Studierende der Uni Münster in dieser Woche bei der Einführungsvorlesung BWL 1
An den Universitäten beginnt das vierte Pandemie-Semester und mit ihm die Hybridlehre. Dabei hat jede Hochschule ihr eigenes Konzept. Eine Übersicht.
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Es ist nicht ganz einfach, ein Muster zu finden in den Regelungen, die die Hochschulen für das vierte und hoffentlich letzte Corona-Semester entwickelt haben. Alle wollen irgendwie zurück zur Präsenz, aber wie weit und auf welche Art – das unterscheidet sich selbst bei ähnlich großen Universitäten stark. Eigentlich gibt es nur eine Regel, die für die Studierenden so gut wie überall gilt – egal ob Großstadt-Uni oder Kleinstadt-FH: Wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht gewährleistet werden kann, muss in den Vorlesungen Maske getragen werden.

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Aber schon bei der 3-G-Regel gibt es Ausreißer: Die Technische Hochschule Mittelhessen etwa verzichtet im kommenden Semester auf die Vorgabe, dass sich nichtgeimpfte oder -genesene Studierende testen lassen müssen. Stattdessen hält man es hier für sinnvoller, die Studierenden mit Maskenpflicht und Abstand in die Vorlesungen zu schicken und sie dazu zu verpflichten, ihre Plätze im Hörsaal vorher zu reservieren.

Die meisten anderen Hochschulen aber setzen auf Impf-, Genesenen- oder Testnachweise und haben sich Wege gesucht, sie möglichst zeitsparend zu kontrollieren. Am weitesten verbreitet ist der Weg der Uni Münster: In dieser Woche konnten sich alle geimpften oder genesenen Studierenden Plaketten abholen, die auf den Studierendenausweis geklebt werden und den 2-G-Nachweis anzeigen. Die Nachweise lassen viele Unis von externen Dienstleistern an den Hörsaal-Eingängen kontrollieren. Große Hochschulen wie die Uni Köln haben das vorher sogar geprobt. Handelt es sich um kleinere Veranstaltungen, sollen die Dozentinnen und Dozenten die Nachweise häufig selbst überprüfen. Das hat zu Beschwerden geführt, an der TU Berlin etwa.

In Hannover verteilen sie Impf-Armbänder

Zu Protesten kam es auch in Hannover, weil die Hochschulen dort statt Plaketten Armbänder anbieten, die anzeigen, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Studierenden geimpft oder genesen sind. „Wir haben Verständnis dafür, dass die Hochschulen nach pragmatischen Lösungen suchen. Eine öffentlich sichtbare Kenntlichmachung geimpfter Personen lehnen wir allerdings ab“, teilte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit.

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Auch Studierende beschwerten sich vielerorts, weil die Hochschulen sie aufgefordert hatten, an ihren jeweiligen Studienort zu ziehen, nun jedoch kaum Veranstaltungen in Präsenz anbieten. An der Uni Mannheim plante der VWL-Lehrstuhl deswegen noch mal um und bietet nun doch Erstsemester-Übungen vor Ort an. „Entgegen der Erwartungen werden manche von einem weiteren Online-Semester überrascht“, teilten auch die Studierendenvertreter des Landes-ASten-Treffens von Nordrhein-Westfalen mit.

Dabei hatte eigentlich ein großer Teil der Hochschulen angekündigt, die meisten Veranstaltungen nach drei Pandemiesemestern wieder in Präsenz stattfinden zu lassen. An der Uni Potsdam beispielsweise sollen es schon 90 Prozent aller Seminare und Vorlesungen sein, an der Uni Frankfurt machen einige Fachbereiche sogar nur noch Veranstaltungen vor Ort. Und auch die TU München teilte mit, Präsenzveranstaltungen sollten wieder „die Regel“ werden.

In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung sogar festgelegt, dass die Hochschulen in diesem Wintersemester überwiegend Präsenzlehre anbieten müssen. Der Rektor der Uni Münster sprach von einem „hoffentlich normalen Semester“. Er begrüßte rund 4000 Studierende im Fußballstadion der Stadt. „Es wird Zeit, den Campus wieder zum Leben zu erwecken“, sagte auch der Rektor der Uni Bochum. An seiner Hochschule werden große Vorlesungen aber weiterhin ausschließlich digital gehalten. Auch die Erstsemesterbegrüßung fand per Video statt. Die Uni Bonn machte aus ihrem traditionellen Festakt in der Aula eine hybride Veranstaltung.

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Die LMU machte einen digitalen „Tanz ins Semester“

Die Erstsemesterbegrüßung richtete zwar keine andere Hochschule so groß vor Ort aus wie die Uni Köln, in Sachen Präsenzveranstaltungen ist man hier aber vergleichsweise zurückhaltend: Etwa 50 Prozent der Vorlesungen und Seminare werden in den Hörsälen angeboten. „Wir wollen sichergehen, dass wir nicht durch eine zu starke Präsenz wieder ganz ins Digitale gehen müssen“, sagte der Kölner Rektor. Seine Uni hat versucht, sich mit mehr Schreibtisch-Arbeitsplätzen für Studierende darauf vorzubereiten, dass es passieren kann, dass direkt aufeinanderfolgende Veranstaltungen in verschiedenen Formaten angeboten werden – ein Seminar in Präsenz, direkt danach eine Vorlesung online. Dann haben die Studierenden keine Möglichkeit, sich rechtzeitig an den eigenen Schreibtisch zu Hause zu setzen.

An vielen Hochschulen sind zwar nur kleinere Veranstaltungen in Präsenz erlaubt, in der Einführungswoche konnten so aber oft Kennenlern-Frühstücke und Spieleabende stattfinden. Die RWTH Aachen verzichtete zur Sicherheit noch auf ihre Stadtrallye für die etwa 6900 Erstsemester. Die LMU in München versuchte, trotz des Abstands Partystimmung aufkommen zu lassen, und lud den Münchner Club Harry Klein ein, nach einer virtuellen Führung über das Uni-Gelände Musik für einen „Tanz ins Semester“ zu spielen.

Vereinzelt spüren die Hochschulen, dass die hybriden Konzepte Studierende abschrecken. Die Uni Stuttgart vermeldete einen Bewerberrückgang um zehn Prozent. An der Uni Magdeburg hatten im vergangenen Jahr 15 Prozent weniger Studierende angefangen als vor der Pandemie. „Und eine Erholung ist für 2021 noch nicht in Sicht“, sagte der Rektor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin in der Wirtschaft.
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