FAZ plus ArtikelZensur in der Wissenschaft

Universität als Risikozone

Von Bernhard Kempen
23.07.2021
, 15:04
Mit Farbbeuteln verunziert: Die Statue des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant
im früheren Königsberg, heute Kaliningrad
Die Zensurschere im Kopf vieler Wissenschaftler wird immer länger, obwohl sie eigentlich die größte Freiheit haben. Hochschulen sind und bleiben Risikozonen. Ein Gastbeitrag.

Die Freiheit der Wissenschaft ist in Gefahr. Es ist nicht der Staat, der sie bedroht, es sind die Akteure des Wissenschaftssystems selbst, die einen schleichenden Aushöhlungsprozess in Gang gesetzt haben. Er zeigt sich an der Engführung des wissenschaftlichen Diskurses auf einigen Forschungsfeldern wie der Klimaforschung, der Genderforschung, der Migrationsforschung, der Geschichtsforschung, an der identitätspolitischen Kampfansage an nahezu alle Formen des postmodernen kulturellen Austauschs. Und auch an dem dirigistischen Diktat vermeintlich geschlechtergerechter Schreibweisen, an der Tabuisierungspraxis der universitären „Cancel culture“, an der Etablierung des neuen Attributs „woke“, das eine neue, notwendige Bedingung jeder wissenschaftlichen Existenz sein soll. Der Deutsche Hochschulverband verzeichnet eine signifikante Häufung von Fällen, in denen sich Wissenschaftler in ihrer Freiheit durch wissenschaftsimmanente Mechanismen oder „political correctness“ zunehmend eingeengt fühlen.

Der Staat ist an alledem unbeteiligt. Es sind Studenten und Wissenschaftler in allen Stadien ihrer universitären Karrieren, die ihrer eigenen Freiheit ein Grab schaufeln. Allerdings kann auch der Staat seine Hände nicht in grundrechtstreuer Unschuld waschen. Der Staat lenkt mit dem goldenen Zügel, er setzt die Wissenschaft unter wirtschaftlichen Leistungsdruck, er beschränkt studentische Freiheiten (wir brauchen immer noch eine Reform der Bologna-Reform), er entwickelt in einigen Regionen wissenschaftsinadäquate Strukturen und Organisationsformen. Aber alles dies wirkt sich nicht so dramatisch aus wie der selbstverschuldete Verlust an wissenschaftsfreiheitlicher Essenz im Denken und Handeln der Wissenschaftsakteure.

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