HR-Tech-Start-ups

Die jungen Wilden

Von Nadine Bös
17.04.2021
, 11:30
Digitale Start-ups wirbeln Personalabteilungen durcheinander – ob Mitarbeitersuche mit KI oder Online-Burnout-Prävention. Wir stellen einige von ihnen vor.

Monday Rocks – Teamarbeit durch Daten verbessern

Wie funktioniert's?

Monday Rocks ist eine App. Das Start-up, das sie erfunden hat, hat sich zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit von Teams zu verbessern. In Unternehmen, die die App einsetzen, bekommt jedes Mitglied eines beruflichen Teams in jedem Quartal 43 Fragen aufs Handy geschickt. Aus den Antworten, die anonymisiert ausgewertet werden, können Chefs zum Beispiel ablesen, wie die Feedback-Kultur ist, ob Qualifikationen fehlen und ob das Team eher innovativ-kreativ oder strukturiert arbeitet. Machen sich Führungskräfte nach der Analyse der Ergebnisse daran, die Teamarbeit oder Team-Zusammensetzung zu verbessern, lässt sich schon im nächsten Quartal datenbasiert der Erfolg nachverfolgen, weil die Befragung abermals per App stattfindet. „Unser digitales Team-Instrument unterstützt die Teams dabei, ihr volles Potential zu aktivieren“, wirbt Gründer und CEO Mario Reis.

Warum ist das in der Corona-Zeit besonders wichtig geworden?

„Bei vielen werden 2020 und 2021 als Jahre des Wandels und der Neustrukturierung in die Unternehmensgeschichte eingehen – als Jahre, in denen die Bedeutung und das Potential von Teams einmal mehr deutlich wurde“, sagt Reis. Hybrides Arbeiten zwischen Büro und Homeoffice werde langfristig weitergehen. „Hochleistungsteams“ zu formen sei daher wichtiger denn je. Nach eigenen Angaben konnte „Monday Rocks“ seinen Umsatz seit Beginn der Pandemie verdoppeln.

Wer steckt dahinter?

Monday Rocks wurde 2018 in Düsseldorf gegründet und hat aktuell rund 15 Mitarbeiter. Gründer sind Wirtschaftswissenschaftler Mario Reis und Software-Entwickler Tobias Liedtke. Später kamen die Psychologin Luisa Bunzel und der Soziologe Christoph Schönfelder hinzu. Das Start-up finanziert sich schon jetzt stark aus dem Cashflow und seit Anfang 2019 auch durch eine Seed-Runde. Im März 2021 bekam „Monday Rocks“ eine siebenstellige Series-A-Finanzierung, an der sich auch Stefan Ries, langjähriger Personalvorstand von SAP, beteiligte.

Taledo – Headhunting mit KI

Wie funktioniert‘s?

Normalerweise veröffentlichen Personalabteilungen offene Stellen auf diversen Jobportalen. Hinzu kommen Karriereseiten und andere Marketingkanäle. Falls das nicht reicht, kommt noch die direkte Ansprache von Kandidaten hinzu. Wenn Bewerbungen eintreffen, müssen Personalmanager sie verwalten, Gespräche terminieren und sich mit Fachabteilungen absprechen. Taledo versucht all das in einer Software zu digitalisieren. Das Programm postet Stellen in mehr als 100 Portalen, erstellt für Betriebe automatisch Karriereseiten, identifiziert suchende Kandidaten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) und verwaltet eingehende Bewerbungen. Im Prinzip soll hier alles digital passieren, was ein Headhunter aus Fleisch und Blut auch machen würde.

Warum ist das in der Corona-Zeit besonders wichtig geworden?

„Die Krise hat seit Beginn im März 2020 zwar in einigen Branchen einen kurzzeitigen Einstellungsstopp bewirkt, allerdings werden Top-Fachkräfte immer noch händeringend gesucht“, sagt Marcel Poelker, Mitgründer und Technikchef von Taledo. Zudem hätten sich viele Prozesse in den Personalabteilungen digitalisiert, die bislang analog abliefen, etwa Feedback zu Bewerbern geben oder (Video)-Vorstellungsgespräche terminieren.

Wer steckt dahinter?

Taledo ist seit 2017 am Markt. Das Gründerteam besteht aus dem Informatiker Poelker, dem CEO Melikshah Ünver, der zuvor unter anderem für die Boston Consulting Group tätig war, seinem Bruder Mengühan Ünver, der lange Jahre bei Google arbeitete, und Julius Cichon, der sich für Taledo ums operative Geschäft kümmert. Angefangen hat das Team mit privatem Eigenkapital, danach gab es einige Privatinvestoren und inzwischen diverse Business Angels, unter anderem aus Digital- und Finanzwirtschaft, Strategieberatung und Recruitment. 2018 erhielt Taledo zudem eine hohe sechsstellige Summe im Rahmen des Profit-Förderprogramms der Investitionsbank Berlin (IBB) und der Europäischen Union zur Weiterentwicklung seiner KI.

Selfapy – Online-Hilfe für die Seele

Wie funktioniert‘s?

Selfapy bietet Online-Therapie für Menschen an, die Depressionen, Angst- oder Essstörungen beklagen. Das Unternehmen hat zudem präventive Online-Kurse gegen Stress oder depressive Verstimmungen im Portfolio. In diesem Zusammenhang hat das Psychotherapie-Start-up schon viele Partnerschaften mit Unternehmen geschlossen, die sich davon erhoffen, die Mitarbeitergesundheit oder -zufriedenheit zu verbessern.

Warum ist das gerade in der Corona-Zeit wichtig?

„Die Nachfrage steigt gerade extrem, und wir merken, wie wichtig die mentale Gesundheit insbesondere im Homeoffice ist“, sagt Nora Blum, Mitgründerin und CEO von Selfapy. Corona habe die Lage verschlimmert, es gebe noch weniger Therapeuten als ohnehin schon, weil viele die Praxen geschlossen haben oder notgedrungen nur telemedizinisch arbeiten. „Viele Menschen leiden unter der Situation, denn die Pandemie hat erhebliche Effekte auf die psychische Gesundheit“, sagt Blum, „ich kenne niemanden, der oder die gerade nicht damit zu kämpfen hat.“ Aktuell merke man viel deutlicher als ohnehin schon, wie wichtig digitale Therapie- und Präventionsangebote als Ergänzung seien.

Wer steckt dahinter?

Selfapy wurde im Februar 2016 von den drei Psychologinnen Nora Blum, Katrin Bermbach und Farina Schurzfeld in Berlin gegründet. Im Januar 2020 schloss Selfapy seine jüngste Finanzierungsrunde ab: SHS, Think.Health Ventures, VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin und der High-Tech Gründerfonds haben sich an der Finanzierungsrunde beteiligt, die ein Volumen von sechs Millionen Euro aufweist. Das Start-up hat sich zum Ziel gesetzt, noch in diesem Jahr die Gewinnzone zu erreichen.

Entwicklerheld – ein Computerspiel, um Nerds zu finden

Wie funktioniert‘s?

Unternehmen, die Softwareentwickler einstellen wollen, haben oft große Probleme, welche zu finden. Softwareentwickler zählen zu den gefragtesten Personen auf dem Arbeitsmarkt, trotzdem haben auch sie oft Schwierigkeiten bei der Jobsuche, weil sie häufig recht anspruchsvoll hinsichtlich der Arbeitsinhalte und -bedingungen sind. Entwicklerheld hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass beide Seiten besser zusammenfinden sollen. Die Plattform im Internet funktioniert wie ein Computerspiel: Softwareentwickler können dort Coding-Aufgaben lösen, die regionale Unternehmen auf der Plattform einstellen. Dafür bekommen die Nutzer Erfahrungspunkte, steigen im Level auf und erhalten virtuelle Coins, die gegen echte Gutscheine getauscht werden können. Unternehmen finden auf der Plattform Kandidaten, denen sie Stellenangebote machen können. Die Nutzer bleiben dabei anonym – die Unternehmen sehen nur die Lösung der Aufgabe und die Region.

Warum ist das in der Corona-Zeit wichtig geworden?

„Corona hat gezeigt, dass wir mehr digitale Lösungen brauchen“, sagt Felix Hanspach, Mitgründer der Plattform. Um diese umzusetzen, brauche es natürlich Entwickler. Doch die fänden sich „nur selten über teure Headhunter“.

Wer steckt dahinter?

Das Gründerteam besteht neben Hanspach aus Ilja Bauer, Jakob Blume, Philipp Dienst und Daniel Schneider. Die vier Erstgenannten haben sich im Informatik-Studium kennengelernt und 2018 das Start-up ins Leben gerufen, Daniel Schneider kam später als Wirtschaftswissenschaftler hinzu. Nach dem Studium finanzierten sich die Gründer zunächst durch ein Exist-Gründerstipendium. 2019 erhielten sie ein erstes Investment von Lovoo-Gründer Björn Bak. Im vergangenen Jahr stieg auch der Technologiegründerfonds Sachsen ein. Der Nutzerkreis umfasst mittlerweile mehr als 20.000 Entwickler.

Hi People – digitale Referenzen vom früheren Chef

Wie funktioniert‘s?

Wenn Personalentscheider Referenzen haben wollen, bitten sie normalerweise ihre Bewerber um Kontakte zu früheren Chefs oder ehemaligen Kollegen. Diese Kontakte müssen die Personalabteilungen dann einzeln durchtelefonieren und die Gespräche protokollieren, um sich ein Bild von dem Kandidaten zu machen. Die Antworten sind oft uneinheitlich und schwer unter einen Hut zu bringen. „Hi People“ hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Prozess zu digitalisieren und zu vereinheitlichen. Das Start-up nimmt den Personalabteilungen das Herumtelefonieren und Auswerten der Antworten ab. „Die Daten der Referenzen werden in Form von standardisiert abgefragtem Feedback von beispielsweise vorherigen Managern oder Arbeitskollegen eingesammelt“, sagt Hi-People-Mitgründer Jakob Gillmann. „Dieser Prozess läuft komplett automatisiert ab, spart den Unternehmen neben Fehlentscheidungen im Personal also auch viel Zeit und Geld.“

Warum ist das in der Corona-Zeit wichtiger geworden?

„Dadurch, dass Arbeit jetzt im Homeoffice stattfindet, ist auch der Großteil des Einstellungsprozesses remote geworden“, sagt Gillmann. „Alte Prozessschritte, wie zum Beispiel das persönliche Kennenlernen im Büro, gibt es nicht mehr.“ Es sei eine Lücke entstanden. Das systematische Einholen von Daten über Kandidaten von ehemaligen Chefs oder Kollegen könne einen Teil der Lücke schließen.

Wer steckt dahinter?

Jakob Gillmann und Sebastian Schüller haben Hi People am 19.09.2019 gegründet. „Ein Datum zum Heiraten“, sagt Gillmann. Gillmann war zuvor beim Mitarbeiterbefragungsunternehmen Peakon beschäftigt, Schüller hat früher für Google und ein Venture-Capital-Unternehmen gearbeitet. Kennengelernt haben sich beide vor vielen Jahren, als sie Praktikanten beim Spotify-Konkurrenten Simfy waren. Sie haben bisher in zwei Finanzierungsrunden rund 3,45 Millionen Euro für Hi People eingesammelt. Bislang sind sie ein Team von 9 Mitarbeitern; bis zum Sommer wollen sie 15 sein.

Talentwunder – eine Suchmaschine für Talente

Wie funktioniert's?

Talentwunder ist eine App mit der man – ähnlich wie mit einer Meta-Suchmaschine – über Soziale Netzwerke verschiedener Sprachen und Länder hinweg Fachkräfteprofile recherchieren kann. Unternehmen können sie zum so genannten „Active Sourcing“ nutzen, also dann, wenn sich nicht genug oder nicht die richtigen Leute bei ihnen bewerben. Unterstützt von einer Künstlichen Intelligenz spürt die App Kandidaten im Internet auf, damit Personalmanager sie anschließend individuell ansprechen können. Die KI berücksichtigt auch verwandte Jobtitel und relevante Fähigkeiten von Bewerben. Die App verspricht, so auch Kandidaten zu finden, die zwar nicht die gesuchte Berufsbezeichnung haben, aber dennoch dem Anforderungsprofil entsprechen.

Warum ist das in der Corona-Zeit wichtiger geworden?

„Auch wenn die Arbeitslosenquote in der Corona-Krise gestiegen ist, heißt das noch lange nicht, dass wir auf einmal keinen Fachkräftemangel mehr haben und vor allem heißt das auch nicht, dass Unternehmen ihre Top-Mitarbeiter freistellen“, sagt Steffen Tröger, Geschäftsführer von Talentwunder. Active Sourcing sei gerade in der Krise wichtig, denn auf dem Markt fänden sich zwar mehr, aber nicht unbedingt bessere Bewerber.

Wer steckt dahinter?

Talentwunder gibt es seit 2014. Die eigentlichen Gründer sind operativ nicht mehr an Bord. Anfang 2020 hat sich zuletzt der Gründer Andreas Dittes aus der Geschäftsführung zurückgezogen und die Aufgabe an Tröger übergeben. Dittes unterstützt nur noch in beratender Funktion. Finanziert wurde Talentwunder Anfangs durch Business Angels und Investoren aus der Personalmanagement-Branche. Mittlerweile lebt das Unternehmen aus Eigenmitteln.

Hrmony – digitale Essensmarken

Wie funktioniert's?

Essensmarken für Mitarbeiter in Papierform gibt es schon lange. Diese Möglichkeit wurde vom Gesetzgeber geschaffen, um Arbeitnehmern einen Ausgleich bieten zu können, wenn es keine Kantine im Betrieb gibt. In Papierform sind sie aber nur an ausgewählten Stellen einlösbar. Das Start-up Hrmony hat das Prinzip „Essensmarke“ digitalisiert. Mitarbeiter kaufen ihr Mittagessen einfach wo sie wollen, fotografieren ihren Beleg und schicken ihn per Smartphone an Hrmony. Mit ihrer Gehaltsabrechnung erhalten sie dann das Geld für ihr Mittagessen erstattet.

Warum ist das in der Corona-Zeit wichtiger geworden?

„Die Corona-Pandemie hat bei vielen Unternehmen eine Art 'Digitalisierungs-Turbo' aktiviert“, sagt Deniz Caglayan, Mitgründer und operativer Chef von Hrmony. „Viele Unternehmen kommen aktuell auf uns zu, weil sie ihre Kantine schließen mussten und eine Alternative suchen, die auch im Homeoffice funktioniert.“ Andere Unternehmen hätten 30 Jahre lang Papiermarken im Einsatz und wollten jetzt eine digitale und flexiblere Lösung, die besser zur neuen Arbeitsrealität passt.

Wer steckt dahinter?

Hrmony wurde 2015 im Ruhrgebiet gegründet, ist mittlerweile aber nach Berlin umgezogen. Gründer sind neben Caglayan Jan Saupe, Dennis Ortmann und Sebastian Blautzik. Die ersten drei haben Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke studiert, Blautzik IT-Sicherheit in Bochum. Das Start-up hat in den letzten Jahren mehrere Finanzierungsrunden abgeschlossen. Zu den Investoren gehören z.B. die IBB Beteiligungsgesellschaft, Dr. Max Iann Invest, LeadX Capital sowie das Verlags- und Medienhaus Müller Medien und MGO Digital Ventures.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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