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Interview mit IT-Spezialist

Der Ausfall der Lernplattformen war absehbar

Von Uwe Ebbinghaus
13.01.2021
, 15:13
Viele Schüler kamen zu Beginn des Homeschoolings zum Teil über Tage hinweg nicht auf ihre Lernplattform. Bild: dpa
Warum waren so viele Lernplattformen zum Beginn des Homeschoolings überlastet – wurden Serverkapazitäten falsch berechnet? Gespräch mit dem IT-Spezialisten Stefan Leibfarth vom Chaos Computer Club Stuttgart.
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Warum hatten die Lernplattformen so vieler Bundesländer Schwierigkeiten beim digitalen Schulstart?

Stefan Leibfarth: Aus meiner Sicht wurden einfach nicht genug Kapazitäten vorgehalten – sowohl Serverkapazitäten als auch personelle Kapazitäten. Man braucht nicht nur genug Serverleistung, sondern auch ausreichend Mitarbeiter, die sie betreuen. In Baden-Württemberg, dem Bundesland, in dem ich lebe, fehlt es offenbar an beidem.

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Man musste damit rechnen, dass die Server bei der zu erwartenden Zahl an Nutzern einer bestimmten Vorbereitung bedürfen. Schon im ersten Lockdown hatte es ja Schwierigkeiten gegeben.

Man kann ja ziemlich genau sagen, für wie viele Benutzer eine Infrastruktur ausgelegt sein sollte. Wenn man davon ausgeht, dass montagmorgens sich jeder, der einen Account besitzt, anmeldet, dann weiß man ziemlich genau, welche Kapazität man braucht. Vielleicht lagen die Probleme in Baden-Württemberg daran, dass für die Lernplattform Moodle, die von grob der Hälfte der Schulen genutzt wird, zwar die Serverkapazität erhöht worden war, es aber nach meiner Information nur umgerechnet eine volle Stelle gibt, die die 5000 Moodle-Instanzen betreut. Big Blue Button, das in Baden-Württemberg verwendete Videokonferenzsystem, ist nach meiner Information nur auf 100.000 Nutzer ausgelegt. Hätte Moodle zum Schulstart überall funktioniert, wäre in Folge dessen auch das Big Blue Button des Landes an seine Grenzen gekommen.

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Welchen Einfluss hatten Hackerangriffe, die von vielen Bundesländern für Ausfälle verantwortlich gemacht wurden?

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Das ist schwierig, von außen zu beurteilen. Für mich sehen die Probleme, die aufkamen, zunächst einmal so aus, als seien sie durch die beschriebene Fehleinschätzung entstanden. Es ist möglich, dass es mutwillige DDoS-Attacken gab, bei denen sehr viele Rechner zur selben Zeit eine bestimmte Seite aufrufen. So etwas, solche Bot-Netze, kann man heute sogar auf Zeitbasis mieten. Solche Attacken ziehen sich allerdings in der Regel nur über eine kurze Zeit hin, nicht über Tage. Sie lassen sich auch effektiv bekämpfen, sie kommen regelmäßig vor.

Könnten die Probleme mit den Lernplattformen auch dafür sprechen, dass die Rechenzentren der Bundesländer der Situation systemisch nicht gewachsen sind? Andererseits hatte auch die vom Bund subventionierte Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts Probleme, dort wurde auf Attacken aus dem Ausland verwiesen.

Nein, bei entsprechender Ausstattung stellt das Betreiben eigener Systeme kein Problem dar. Es geht hier nicht um Magie, von der noch niemand zuvor gehört hat. Und bei Attacken aus dem Ausland könnte ich als Administrator einfach die Zugriffe aus dem Ausland unterbinden. Die Rechner deutscher Schüler werden davon wohl nicht betroffen sein. Ich bin aber grundsätzlich der Meinung, dass die Infrastruktur von Schulen auf eigenen Rechnern betrieben werden sollte. Dass Baden-Württemberg etwa eine Auslagerung seiner Bildungsplattform hin zu Microsoft plant, halte ich für sehr problematisch, nicht nur aus datenschutzrechtlichen Gründen. Ein Staat sollte ganz grundlegende Infrastruktur für die Daseinsfürsorge selbst betreiben und nicht aus der Hand geben. Dann müssen wir uns auch nicht mit den Datenschutzerklärungen von Microsoft oder Google herumschlagen, die mehrere hundert Seiten umfassen. Und die Kompetenz bleibt im Land. Wir mieten uns ja auch keine Feuerwehr und keine Polizei.

Sie meinen, ein gut geführtes Landesrechenzentrum ist einer eigenen Lernplattform vollauf gewachsen?

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Selbstverständlich. Aus meiner Sicht, kann man so etwas zuverlässig betreiben, wenn man es denn will und dieser Wille sich auch in entsprechenden Investitionen ausdrückt. Wenn man am Montag hingegen feststellt, dass man über zu wenig Serverkapazität verfügt, wird man sie nicht bis Dienstag aufgefüllt haben. So etwas muss man voraussehen. Dass die technischen Probleme etwas zurückgegangen sind, hat wohl vor allem damit zu tun, dass sich die Nutzer auf die angespannte Situation durch eine Umstellung im Bildungsangebot und in der Organisation eingestellt haben.

Wie müsste eine gute Infrastruktur für schulische Lernplattformen aussehen?

Das ist im Grunde einfach. Ich muss einen Plan haben, wie viele von meinen Nutzern gleichzeitig welche Art von Dienst benötigen. Dafür muss ich ausreichend Kapazität zur Verfügung stellen. Wenn ich weiß, dass eine besondere Situation bevorsteht – und wir befinden uns nicht in der zweiten Woche der Pandemie –, brauche ich ein eigenes Konzept für diese Situation. Ich muss wissen, wie ich meine Kapazität erhöhe. Man kann diese Situationen nicht vorher testen, daher finde ich es verzeihlich, wenn es in besonderen Lastzeiten an der einen oder anderen Stelle hakt, aber die Serverkapazität muss groß genug sein und die Architektur des Systems muss stimmen. Und auch die Kommunikation spielt eine Rolle. Das Kultusministerium hätte zum Beispiel gut mit den Schulen vorher überlegen können, wie man die Nutzung zum erwartbar schwierigen Start des Homeschoolings entzerrt und verhindert, dass alle zur selben Zeit ins System drängen. Solchen Lastspitzen kann man sehr gut organisatorisch begegnen. Auch die Lernunterlagen hätten man aus meiner Sicht schon früher als am Montag, vielleicht gestaffelt, hochladen können. Dann wären wesentlich mehr Schüler zum Homeschooling-Start arbeitsfähig gewesen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum der Semesterstart bei den Universitäten weitgehend störungsfrei verlaufen ist?

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Die Universitäten haben in aller Regel deutlich besser ausgestattete Rechenzentren, weil sie durch den Wissenschaftsbetrieb den Umgang mit extrem vielen Nutzern und großen Datenmengen kennen und entsprechend ausgelegt sind. Auch die Universitäten verwenden übrigens Moodle, sie beweisen, dass das geht. Außerdem haben die Studierenden nicht die Pflicht, sich am Montagmorgen um 7.45 Uhr einzuloggen. Es ist wirklich nicht nötig, aus den falschen Gründen von selbstbetriebenen Diensten abzugehen. Die Politik hat verschlafen, für die Schulen ausreichend Ressourcen bereitzustellen.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Stefan Leibfarth ist IT-Spezialist und beim Chaos Computer Club Stuttgart zu den Themen Datenschutz und Datensicherheit aktiv.

Quelle: FAZ.NET
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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