Kolumne „Nine to five“

Druck auf den kleinen Kessel

Von Ursula Kals
11.10.2021
, 09:21
Wie viel Potential steckt in den Schülern? Das sollen komplizierte Analysen herausfinden.
Auf dem Stundenplan für die Achtklässler steht „Potenzialanalyse“. Schön! Aber wie viel bringt das wirklich? Die Kolumne „Nine to five“.
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Großes hat die Schule mit kleinen Leuten vor. Auf dem Plan steht eine „Potenzialanalyse“. Ein sympathischer Sozialarbeiter im Power- point­-Rausch präsentiert auf dem Elternabend dolle Schlagworte. Es gibt Ankündigungszettel, die Achtklässler sind aus dem Häuschen. Sie sind wichtig, sollen sich und ihre Fähigkeiten testen. Klingt erwachsen. Die Idee dahinter ist sinnvoll. Die Kinder sollen sich „ihren Neigungen und Möglichkeiten annähern“. Es geht um die Fragen aller Fragen: Was soll ich später mal werden? Gesundheit, Partner- und Berufswahl sind schließlich die Säulen eines glücklichen Lebens, sagt die Forschung.

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Durch „Tage der Analyse“ hat der Nachwuchs zumindest ein Gefühl für die eigene Bedeutsamkeit und die des gewichtigen Themas. Manche Eltern belächeln den Managementsprech-Übereifer, andere geben sich ihm hin, um ihre Wunderkinder in High-Potential-Position zu bringen, eröffnen eine informelle Praktikumsbörse und sagen Sätze wie: Bei meinem Sohn muss mehr Druck auf den Kessel. Der Sohn ist 13 Jahre alt. Sein Vater Ingenieur. Der Tag mit seinen Gruppenaufgaben verlief offenbar so lala. Ein Tennisball soll per Seil gemeinschaftlich wie ein rohes Ei transportiert werden, dafür hätten wir einen Löffel nehmen können, maulen die Getesteten.

Die Rückmeldung ist aber ermutigend. „Alle können wir vieles“, berichtet freudig das Kind. Um das „Viele“ zu präzisieren, buchen manche Eltern zusätzlich teure Einzelcoachings. Dort wird der strebsamen Tochter der Freundin attestiert, sie sei prädestiniert, Ärztin zu werden. Leider kippt das Mädchen beim kleinsten Pikser um. Und ob der sprachbegabte 14-Jährige wirklich seine Erfüllung als Landschaftsplaner erleben wird? Manchmal macht ein Blick ins Kinderzimmer die Testerei überflüssig. Wenn dort nämlich ein Kind stundenlang komplizierte Legomaschinen entwirft. Da braucht’s dann gar keinen Druck auf den Kessel.

In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über den Alltag im Beruf, an der Hochschule und im Klassenzimmer.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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