Bürokratie und Praxisferne

„Wir müssen die Lehrerausbildung völlig umkrempeln“

Von Uwe Ebbinghaus
19.02.2021
, 16:25
Wie blickt ein Experte für Berufsbildung auf die deutschen Schulen – vor und in der Pandemie? Christian Ernst von der TH Köln sieht im Interview dringenden Reformbedarf an vielen Fronten.

In einem Essay auf Ihrer Website schreiben Sie: Die Tatsache, dass die deutschen Schulen nicht in der Lage waren, sich über den Sommer auf eine zweite Pandemiewelle vorzubereiten, sei kein Momentversagen gewesen, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger struktureller Versäumnisse. Welche kommen Ihnen als Professor für Personalmanagement und Berufsbildung als erste in den Sinn?

Christian Ernst: Schon seit Jahrzehnten beobachte ich eine gewisse bildungspolitische Lethargie. Es befindet sich wenig Reformbemühen im ganzen System. Zudem gibt es viel Bürokratie, die alles hemmt, was zu Reformen führen könnte, gerade auch in einer Extremsituation wie der Pandemie.

Wie gravierend ist das Problem der Bildungsbürokratie? Von diesem Problem hört man eher selten in den gängigen Schuldebatten.

Wenn Sie in die Tiefen der Prozesse schauen, ist das Problem in meinen Augen tatsächlich gravierend. Da gibt es zum Beispiel Schulleiter, die im Detail mitformulieren wollen, wenn es um Vorschläge für Prüfungsfragen geht – in der Angst, dass irgendetwas schieflaufen könnte.

Befindet sich zu viel Misstrauen im Bildungssystem?

Es ist Misstrauen, es ist auch Angst. Was eigentlich paradox ist, weil Beschäftige im öffentlich-rechtlichen System viel weniger Angst haben müssen, ihren Job zu verlieren als in Wirtschaftsunternehmen. Es gibt eine große Absicherungs- und Misstrauenskultur, nicht nur an den Schulen, auch an den Hochschulen. Die Kernzielsetzung, Menschen umfassend zu qualifizieren, gerät zu häufig aus dem Blick. Schule wird verwaltet und nicht gestaltet.

Warum gibt es eigentlich keine systematische Management-Qualifizierung für Schulleiter?

Das frage ich mich auch. Es gibt durchaus Angebote, doch es handelt sich mehr um Verwaltungsschulungen als um Managementschulungen.

Was müsste Bestandteil dieser Qualifizierung aus Ihrer Sicht sein?

Die größten Defizite bestehen beim Managementverhalten und in der Personalentwicklung. Lehrer werden nicht entwickelt. Wenn sie einmal ausgebildet sind, sind sie völlig auf sich allein gestellt. Es gibt keine Strukturen für eine wirkliche Lehrerqualifizierung. Lebenslanges Lernen spielt an den Schulen überhaupt keine Rolle.

Sie schlagen für Schulen eine Doppelspitze vor: zwei unterschiedliche Personen, die für Bildung und Verwaltung zuständig sind. Gibt es dafür eigentlich Vorbilder in anderen Ländern – oder ist der Vorschlag sehr gewagt?

Der Vorschlag ist ein bisschen aus der Not heraus geboren. Ich glaube, dass es an Schulen einen Menschen geben muss, der sich um die Weiterentwicklung von Schule hin zu einem modernen Format kümmern muss. Zugleich muss es jemanden geben, der sich in der Verwaltung und ihrem engen Apparat gut zurechtfindet. Muss beides in einer Person zusammenkommen, entspricht das einer völligen Arbeitsüberlastung. Im Zweifelsfall sind Rektoren dann eher Verwalter, die andere Rolle kommt zu kurz oder nicht zustande. Daher wäre eine Doppelspitze eine sinnvolle Notlösung.

Sie fordern als Experte für Berufsbildung einen sehr praxisnahen Ansatz für Schulen. Welche Fächer müssen aus Ihrer Sicht hinzukommen?

Das Thema „Medienerziehung“ halte ich für sehr wichtig, Jugendliche müssen für die Gefahren der neuen Medien und der Digitalisierung sensibilisiert werden. Ich persönlich denke auch, dass das Thema „Wirtschaft“ noch stärker vermittelt werden müsste, auch im Hinblick auf notwendige alltagsweltliche Fertigkeiten. Jugendliche sollten zum Beispiel das Versicherungssystem verstehen, das Bankensystem, sie sollten wissen, wie man eine Steuererklärung ausfüllt.

Was soll wegfallen – es wird wohl nicht mehr Wochenstunden geben?

Schule muss sich weiterentwickeln zu einer Instanz, die methodische Kompetenzen entwickelt. Die Wissensexplosion ist so enorm, dass wir Schüler nicht mehr alleine durch Wissensvermittlung ausbilden können. Wir müssen ihnen beibringen, wie man sich selbst Wissen aneignet mit modernen Medien. Wir trainieren unsere Kinder momentan aufs Bulimielernen. Es sollte aber nicht das Auswendiglernen honoriert werden, sondern die kritische Auseinandersetzung mit Themen.

Kann Finnland mit seinen strengen Eingangstests für Lehrer tatsächlich Vorbild für Deutschland sein, wie Sie schreiben? Es gibt hierzulande ja jetzt schon einen Lehrermangel.

Man muss sich da nicht unbedingt an Finnland orientieren. Ich glaube, wir haben genügend Potential, um unsere Ausbildung von Lehrern aus eigener Kraft zu verbessern. Ich glaube, wir müssen die Lehrerausbildung völlig umkrempeln. Trotz der Nachwuchslücken müssen wir Menschen für diesen Beruf wirklich auswählen. Es muss eine frühe Beratung und auch Auswahl geben. Es gibt zu viele Lehrer, die ihren Beruf nur als Notlösung für sich betrachten. Wenn der Lehrerberuf eine neue Wertigkeit bekommt, werden wir aus meiner Sicht auch kein Nachwuchsproblem mehr haben.

Sie bringen Assessment-Center für Lehramtsanwärter ins Spiel. Ist so etwas nicht eine eher würdelose Veranstaltung?

Ich glaube, daraus könnte man eine sehr würdige Veranstaltung machen. Man müsste analysieren, welche Anforderungen es an den Lehrerberuf gibt. Unter Anwendung der Critical-Incident-Technik könnte man bestimmen, was ein Lehrer wirklich bewältigen können muss, welche psychischen Herausforderungen bestehen. So etwas kann man in Assessment-Centern, wenn sie gut gemacht sind, abbilden. Vielleicht sollte hier keine Selektion stattfinden, aber zumindest eine gute Beratung in einer frühen Phase. Es sollte für jeden einzelnen die Frage geklärt werden: Ist der Lehrerberuf für mich wirklich der richtige?

Die stärker praktische Ausbildung im Lehramtsstudium, die Sie fordern, wäre in der Pandemie jedenfalls sehr hilfreich gewesen. Die Studierenden hätte man sehr gut einsetzen können.

Aus meiner Sicht sollte eine Lehrerausbildung dual sein, so, wie wir es aus der Berufsbildung kennen. Dahinter steckt einfach eine gute Lernsystematik. Ich habe einmal grob kalkuliert: Die Praxisanteile im Lehramtsstudium entsprechen aktuell etwa zehn Prozent. Diesen Anteil sollte man auf vierzig oder fünfzig Prozent steigern. Dadurch könnte man einige Probleme, nicht nur in der Pandemie, auch danach, lösen. Lehrer könnten nicht nur für sich früh ausprobieren, ob sie den richtigen Beruf gewählt haben, wir könnten in Schulen auch viel mehr Differenzierung und individuelle Betreuung in kleineren Klassen erreichen. Das ist entscheidend für die Zukunft.

Korrektur: In einer früheren Version des Interviews hieß es in der letzten Antwort: „Die Praxisanteile im Referendariat entsprechen aktuell etwa zehn Prozent.“ Gemeint war das Lehramtsstudium insgesamt. Diese Formulierung wurde berichtigt.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

Prof. Dr. Christian Ernst ist Experte für Personalmanagement und Berufsbildung an der Technischen Hochschule Köln.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot