Schulunterricht im Radio

Das virtuelle Klassenzimmer in Afrika

Von Claudia Bröll, Kapstadt
Aktualisiert am 28.06.2020
 - 15:59
Digitaler Unterricht: Lehrer in Nairobi korrigieren Tests auf ihren Laptops.
Auch in Afrika wurden die Schule während der Corona-Krise geschlossen – Zeit für digitale Bildung. Weil nur wenige über einen Internetzugang verfügen, findet der virtuelle Unterricht bisher hauptsächlich via Radio und Fernsehen statt.

Es ist nicht gerade der Stoff, der die „Generation Z“ vom Sessel reißt: „Büroklammer, Locher, Fotokopierer, Faxgerät“. Frederik, der Moderator in Kenias staatlichem Radiosender, diktiert jedes Wort mit Nachdruck. „Klasse, jetzt bildet Sätze mit diesen Wörtern“, sagt er und lässt dann die schwungvollen Takte einer Big Band über den Äther dudeln. Das Schulprogramm über Radio und Fernsehen gibt es in Kenia seit Jahrzehnten. Normalerweise ist es für Jugendliche auf dem Land gedacht, deren nächste Schule weit entfernt liegt. Jetzt lauschen auch Schüler in den großen Städten Frederik und seinen Kollegen.

In der Corona-Krise haben zahlreiche afrikanische Regierungen die Schulen im März geschlossen. Fast 300 Millionen Schüler sind betroffen. Vereinzelt werden die Schultore wieder geöffnet, aber zaghaft und oft gegen Widerstände. In Kenia soll es erst im September so weit sein. Auf einem Kontinent, auf dem die Informationstechnik schon Branchen wie das Finanzwesen revolutioniert hat, ist digitales Lernen jetzt das große Schlagwort.

So genannte Ed-Tech-Start-ups, „Ed“ steht kurz für „Education“, erhalten mehr Aufmerksamkeit als je. Mobilfunkkonzerne kooperieren mit internationalen Universitäten, bieten Sondertarife für den Zugriff auf deren Plattformen. Auch Behörden sind aktiv. So entwickelt das Bildungsministerium in Ghana offene Online-Lernprogramme, wobei der Telekomriese MTN mit von der Partie ist. Die Hoffnung ist groß, dass Afrika es schafft, dank Mobilfunk und Internet auch im Bildungswesen Entwicklungsstufen zu überspringen: von den vielzitierten „Schulen unter einem Baum“ zum virtuellen Klassenzimmer.

Mischung aus Online- und Präsenzunterricht

Wesley Lynch führt das 2012 in Südafrika gegründete Unternehmen Snapplify, einen der führenden Anbieter digitaler Bildungsmaterialien in Afrika. „IT ist keine Wunderwaffe, aber sie kann eine wichtige Rolle spielen, um die Herausforderungen in Afrikas Bildungswesen zu stemmen“, sagt er. „Covid und der Lockdown haben definitiv zu enormen Verhaltensänderungen und breiterer Akzeptanz geführt.“

An den Riara Schools in Nairobi, einer privaten Schulgruppe, die von Private-Equity-Investoren mitfinanziert wird, geht es trotz des Lockdowns weiter – aber digital. Von einem Tag auf den anderen wurde auf Online-Unterricht umgestellt. Etwa 85 Prozent der Schüler nähmen daran teil, sagt Alan Gachukia, der geschäftsführende Gesellschafter und Schulleiter. „Die meisten unserer Schüler verfügen über elektronische Geräte und Internetzugang.“ So privilegiert seien aber nur wenige Jugendliche im Land.

Schon wenige Kilometer außerhalb Nairobis sei der Unterricht über Zoom, Microsoft Teams, Google Classroom oder andere digitale Programme gar nicht vorstellbar. Gachukia hofft, dass die Corona-Krise die Regierung aufrüttelt, in digitale Bildung zu investieren. Projekte wie die Verteilung von Tablet-Computern an alle Schulen gab es, doch sie versandeten. Eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht böte sich gerade in Afrika an, meint er. Schüler müssen beispielsweise oft lange Strecken zur Schule zurücklegen. Viele Schulen sind schlecht mit Lehrmaterial ausgestattet.

Doch so einfach, wie es klingt, ist es nicht. Im Vergleich zu Tech-Unternehmen im Finanzsektor besteht ein geringerer Anreiz für private Investoren, Bildungsangebote auch für die breite Bevölkerung anzubieten. Viel hängt vom Staat und von Hilfsorganisationen ab. Auch haben sich zwar Handys und Smartphones rasant in Afrika verbreitet, die Internetnutzung aber ist teuer.

Durchschnittlich 7 Prozent ihres Monatseinkommens müssen Menschen auf dem Kontinent für ein Gigabyte Datenvolumen aufbringen, wie die „Allianz für erschwingliches Internet“ berechnet hat, in Madagaskar und Malawi sogar 16 Prozent. Aus Sicht der Vereinten Nationen sollte ein solches Datenpaket weniger als 2 Prozent kosten. Regierungen und Unternehmen müssten in der Krise nun dringend dafür sorgen, möglichst viele Menschen an das Netz anzubinden, fordert die Interessengruppe.

An einem günstigeren Internet haben auch die großen Tech-Konzerne ein Interesse, um die letzten Wachstumsmärkte der Welt zu erschließen. Facebook kündigte an, eine Milliarde Dollar für ein Unterseekabel von Europa nach Afrika auszugeben, das den gesamten Kontinent umrunden soll. „Das 2Africa-Kabel wie auch das Equiano-Kabel von Google werden enorme Bandbreiten nach Afrika bringen und die bisher sehr hohen Kosten für internationale Bandbreite senken“, sagt Telekom- und Satelliten-Experte Christian von der Ropp.

Problematisch sei weiterhin die unzureichende Infrastruktur an Land, die das Internet von den Kabelstationen an der Küste zum Endnutzer bringt. Deren Aufbau ist nicht nur teuer, es gibt auch unzählige Schwierigkeiten – von unzuverlässiger Stromversorgung bis hin zum Diebstahl von Diesel, Stromgeneratoren und Kabeln. „Häufig graben Diebe auch fast wertlose Glasfaserkabel aus, in der Hoffnung auf wertvolle Kupferkabel“, sagt der Fachmann.

„Out of Classroom Learning“ im Radio und Fernsehen

Die Konzerne treiben deshalb auch Technologien voran, die ohne Bodeninfrastruktur funktionieren. So sind in Moçambique und Kenia die „Loon-Ballons“ von Google im Einsatz: Mobilfunkstationen, die 20 Kilometer über dem Boden schweben. Auch Satelliten, Zeppeline und Drohnen könnten das Internet in sonst nicht zugängliche Gegenden bringen, sagt von der Ropp. Dabei handele es sich allerdings um milliardenschwere Projekte.

In der Zwischenzeit schlägt die große Stunde für die Medien, die schon jetzt in den letzten Winkel vordringen können. So bringt eine Behörde in Kenia jeden Monat einen beachtlichen Stundenplan für „Out of Classroom Learning“ im Radio und Fernsehen heraus: für alle Klassenstufen und Fächer wie Swahili, Englisch, Mathematik, Landwirtschaft und Taubstummensprache.

Schuldirektor Gachukia hofft trotz Radio, Fernsehen und digitaler Medien, dass die Schulen nicht erst im September wieder öffnen. Dann könnten auch Schüler an den staatlichen Schulen das Versäumte noch nachholen. „Es ist verlockend, zu glauben, mit virtuellen Klassenräumen diese Krise und Afrikas Bildungsprobleme lösen zu können“, resümiert er, „aber kein Programm kann letztlich einen Lehrer und das echte schulische Leben ersetzen.“

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Quelle: F.A.Z.
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Claudia Bröll
Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.
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