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Online-Unterricht in China

Guck in die Kamera!

Von Hendrik Ankenbrand, Hongkong
 - 12:48
Cyberunterricht in China: Ein Geschichtslehrer sitzt in einem leeren Klassenzimmer vor einem Computer.

Dieser Tage kommt es Grace Guan, Mutter eines Drittklässlers in Schanghai, so vor, als habe sie zwei Jobs: Neben der Arbeit als Assistentin in einem Büro ist sie de facto auch noch Lehrerin. Seit sich der Sohn vor rund einem Monat vor dem Beginn des chinesischen Neujahrsfestes von seiner eigentlichen Klassenlehrerin in die Ferien verabschiedet hatte, hat er den Klassenraum nicht mehr betreten. Weil sich das Coronavirus weiter in China schnell verbreitet und nach offizieller Mitteilung mittlerweile über 75.000 Menschen angesteckt und weit über 2000 getötet hat, sind die Schulen geschlossen. Doch nun soll wenigstens wieder unterrichtet werden: online, über das Internet in der heimischen Wohnung.

In Schanghai soll die Cyberschule für alle am 2. März starten, doch die Grundschule von Grace Guans Sohn lässt die Schüler bereits seit Mittwoch den Stoff des vergangenen Halbjahres wiederholen. Die Schulleitung hatte den Eltern vorab einen Fragebogen zugeschickt, auf dem sie angeben mussten, über welche technischen Geräte der Haushalt verfügt: Computer, Laptops, Smartphones, Kabel-TV und Streaming-Plattformen.

Was sich nach ausgeklügeltem High-Tech-Unterricht anhört, verlangt in der Realität vor allem mütterliche Kontrolle: jeden Tag, so sehen es die neuen Schulvorschriften vor, muss Guan der Klassenlehrerin über den Kurnachrichtendienst „Wechat“ mit dem Smartphone aufgenommene Fotos und Videos darüber schicken, wie dieser an seinen Hausaufgaben arbeitet und vorgegebene Sportübungen macht. Am Ende soll die Mutter die Tagesleistung des Sohnes mit einer Note beurteilten und seine gemessene Temperatur melden – hat er Fieber, verlangt der Staat die sofortige Einweisung ins Krankenhaus.

Der Sohn selbst kommuniziert mit seiner Lehrerin via Ding-Talk, einer Kommunikationsplattform, die der chinesische Alibaba-Konzern eigentlich für Unternehmen entwickelt hat. Seitdem Chinas Schüler die App für die Online-Schule herunterladen müssen, hat sich die Bewertung des Programms in den App-Stores radikal verschlechtert. Was sie von Unterricht im Allgemeinen – ganz gleich ob digital oder analog – halten, lassen die Schüler in ironischen Kommentaren unter dem Programm wissen, das sie mit einem einzigen Stern versehen, der schlechtmöglichsten Bewertung: „Lernen macht mich einfach glücklich“, heißt es dort. „Ding-Talk ist das Licht in der Dunkelheit, ich liebe Dich“.

Weil sie bald wieder physisch im Büro anwesend sein müsse, falle die Überwachung des Sohnes in den Aufgabenbereich der Großeltern, ängstigt sich Mutter Guan – diese hätten von all der Technologie „kaum eine Ahnung“.

Internetunterricht soll in ganz China eingeführt werden

Online-Unterricht, davon war in China vor Zeiten des Coronavirus vor allem bei der Bekämpfung der Armut die Rede. Weil viele Kinder auf dem Land keinen Zugang zu guter Schulbildung haben, hat die Regierung unter großer Anteil der Staatsmedien in manchen abgelegenen Provinzen in Bergdörfern Unterricht über das Internet organsiert. Dieser allerdings beschränkte sich meist darauf, dass die Schüler in einem Klassenraum den Ausführungen eines Lehrers in der weit entfernten Stadt folgen mussten, die über das Netz auf eine vor der Klasse aufgespannte Leinwand übertragen wurden.

Der Internetunterricht, der nach dem Willen der Zentralregierung nun in ganz China eingeführt werden soll und in manchen Städten bereits seit Anfang Februar läuft, ist hingegen weit aufwändiger. Die Schanghaier Regierung will ab März vor allem auf von 1000 Lehrern aufgezeichnete Unterrichtsstunden setzen, die dann zu den Schülern über Kabelfernsehen in der heimischen Wohnung verfolgt werden. Erste Fotos von Fernsehstudios, in denen Lehrer vor grünem Hintergrund vor der Kamera stehen, links neben sich eine klassische Schiefertafel, rechts ein Monitor mit Power-Point-Präsentation, verbreitete die Regierung bereits in den sozialen Netzwerken.

Manche Schulen in der Stadt haben den Online-Unterricht schon längst auf eigene Faust gestartet. Luo Yinxi, 15 Jahre alt, hat daran schon Gefallen gefunden. Zwar rufe der Lehrer wie im analogen Klassenzimmer auch im Cyberunterricht einzelne Schüler auf, die Fragen beantworten müssten. Doch weil diese nicht gezwungen seien, sich von der Computerkamera filmen zu lassen, lasse sich Augenkontakt vermeiden, freut sich Luo. Überhaupt sei es schön, nun nicht mehr ständig unter Beobachtung zu stehen. „Ich vermisse nichts von der Schule, und mit meinen Freunden kann ich über das Internet chatten.“

Seiner Mutter Float Yin, eine 40 Jahre alte Buchhalterin, gefällt es hingegen weniger, dass die Kinder ihre Hausaufgaben nun per Digitalfoto einreichen müssen. „Ich glaube, die Lehrer gucken die überhaupt nicht an.“ Diese nähmen dem Sohn in der physischen Schule zudem morgens das Smartphone ab. „Will ich mich nicht mit ihm anlegen, guckt er nun daheim jede Lösung für die Aufgaben nach.“

Heldengeschichten machen in der Staatspresse die Runde

Als „sehr stressig“ empfindet dementsprechend Grundschullehrerin Katherina Qian den Internetunterricht. Sei bevorzuge ganz klar den Analogauftritt vor der Klasse, sagt die Frau, die das Einschalten der Kameras an den heimischen Monitoren für die Schüler zur Pflicht gemacht hat. Die ganze Zeit müsse sie auf die verschiedenen Fenster starren, um aufzupassen, ob auch niemand Quatsch mache oder eingeschlafen sei. Zudem lasse sich auf die „Classin“ genannte Online-Plattform nur begrenzt Unterrichtsmaterial hochladen. „So müssen wir später eine Menge Arbeit wiederholen.“

Heldengeschichten über besonders couragierte Schüler und Lehrer machen in Chinas Staatspresse die Runde. Eine Siebtklässlerin aus Hubei konnte nach den Feiertagen nicht in die unter Quarantäne stehende Stadt des Virenausbruchs Wuhan zurück und steckte in ihrem Heimatdorf in den Bergen fest. Da suchte der Großvater im Wald eine Stelle mit gutem Mobilfunkempfang und baute ihr aus Planen und Bambusstöcken ein Klassenzimmerzelt zum virtuellen Lernen. In der Provinz Henan kam ein Mädchen zum Online-Lernen in die dörfliche Parteizentrale, weil es zuhause kein Internet gab – nun will ein Mobilfunkanbieter dort kostenlos einen Zugang legen. Eine Lehrerin hatte in ihrem Heimatdorf in den Bergen der armen Jiangxi-Provinz ebenfalls keinen Empfang, gab aber nicht auf, bis sie mit ihrem Mann eine eigene Antenne gebastelt hatte und unterrichtet nun ihre Schüler in Hangzhou, einer High-Tech-Stadt nahe Schanghais und Sitz von Alibaba.

Der Online-Unterricht habe seine Vor- und Nachteile, sagt Zhang Da, emeritierter Erziehungswissenschaftler von der Schanghaier Polytechnischen Universität. Was der Schüler in der heimischen Wohnung unter seinem Schreibtisch treibe, könne kein Lehrer verfolgen. Allerdings spare das Wegfallen räumlicher und zeitlicher Grenzen für den Internetunterricht viel Energie, die Schüler und Lehrer in andere Dinge investieren könnten.

Die größte Sorge für Chinas Eltern über die Online-Schule sei allerdings eine ganz andere, sagt der Professor: Dass ihre Kinder nach dem sieben Stunden langen Starren auf den Bildschirm nach dem Ende der Coronavirus-Krise in ihre Schulen noch kurzsichtiger und übergewichtiger zurückkehrten als Chinas Schüler bereits heute sind.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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